Eironn/Khaos
Das Licht hatte sich verändert, als er die Augen wieder aufschlug. Es war dunkler, die Nacht war in ihrer Welt wieder hereingebrochen. Neben ihm lag Kara, hielt noch immer seine Hand, kniete nun jedoch vor dem Bett und hatte nur den Kopf auf der Matratze abgelegt.
Vorsichtig stand er auf, hielt weiter den Kontakt zu ihrer Hand und hob sie hoch, damit sie neben ihm Platz finden konnte.
Er wusste noch nicht, wie er sein Versteckspiel, von dem auch die Wölfe nichts wissen, erklären sollte. Es würde kompliziert. Und lang, wenn er am Anfang begann.
Er hatte sich auch nie Worte überlegt, die die Existenz von Eironn und sein Verschwinden erklärten. Er war nur eine Persönlichkeit zum Schutz des Gottes. Eine, an die er sich in Jahrtausenden gewöhnt hatte.
Auch wenn es die meisten der Midia glaubten, gab es keinen Zwang, immer ehrlich zu sein. Nur Götter konnten diesen Zwang verursachen, was er auch in der kleinen Höhle bei den Werwölfen ausgenutzt hatte. Ein kurzer Blick Khaos' auf seine Begleiterin durch Eironns Augen. Ein Blick, der ihre Gedanken offen gelegt hatte.
Sie regte sich neben ihm. Blinzelte gegen das schwache Licht an und sah dann an ihm hoch. Goldene Augen schimmerten. "Ich hatte gerade einen verrückten Traum.", murmelte sie leise. "Wir sind durch einen Berg und haben die Götter getroffen."
"Kein Traum leider." Khaos strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Was weißt du noch?"
"Du sollst auch einer sein." Sie kicherte und rollte sich auf den Rücken. "Das wäre doch seltsam oder? Wenn ein Gott unter seinen Geschöpfen wandelt. Wahnsinn. Und gefährlich. Was wenn ihm..." Sie stockte, sah wieder zu ihn, dann zur Decke. Ihre Finger gruben sich in den Stoff unter ihr. "Du... bist..."
"Lass es mich erklären.", bat er und zog sie wieder an sich, bevor sie aus dem Bett fiel. "Kahlia hatte ein Gefühl, einige Jahre vor dem Verrat. Sie spürte die Gefahr, die von Jahra ausging. Ich wollte das nicht glauben, also habe ich mich unter die Menschen gemischt. Ich bin ohne Geschichte zwischen sie getreten und habe mich als Magier ausgegeben.
Kurz darauf wurde ich überfallen. Der Verrat hatte begonnen und ich musste Kahlias Sorge bestätigen. Sobald sich die Menschen gegen die Midia wandten, haben Dot, Tura und Nimean Jahra eingesperrt und seine Kräfte begrenzt.
Ich schaffte es nicht mehr rechtzeitig zurück, denn sie hatten mich mit den anderen Magiern in dieser Stadt eingesperrt. Immer mehr fielen unter der Folter und mussten Eide schwören. Ihre eigene Magie wurde gegen sie gewendet. Wenn sie einem Befehl nicht gehorchten, dann zwang die Magie sie in den Tod. Die Körper... explodierten.
Ich war aber stärker. Ich nutzte einen Moment der Unaufmerksamkeit und floh, nahm einige der noch nicht gebrochenen Magier mit und verschwand aus der Stadt. Wir versteckten uns in Wäldern. Die Dryaden halfen uns, litten sie doch mehr als andere unter dem Wüten der Menschen. Im Gegensatz zu Nymphen und Feen konnte sie ihre Heimat nicht verlassen und in der Zuflucht Schutz suchen.
Aber auch bei ihnen fanden sie uns und wir flohen weiter. Als wir die ersten Gruppen von Reisenden fanden, ebenso auf der Flucht wie wir, folgten wir ihnen. Doch die Gruppen wurden bald zu groß. So teilten wir uns auf. Jede Gruppe erhielt einen Magier, der sie schützte und zur Zuflucht führen sollte um dort zu warten. Bis auf mich sind sie dort. Aber ich war verantwortlich, für all das Leid und der Götterfluch der zweiten Seele vereinfachte meine Versuche nicht, mehr Gruppen zu beschützen. Die Menschen verstanden unsere Routen, wir mussten sie verändern. Mit Fenrs Rudel reise ich bereits fast fünfhundert Jahre.
In dieser Zeit wurde Eironn mehr als ein Name, den die Menschen kannten. Er wurde ich. Khaos versteckte sich vor seiner eigenen Grausamkeit in einer Schale. Ira bedeutet nicht mehr als Täuschung. Im Moment bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob nicht Eironn Khaos verdrängt hat." Er schüttelte den Kopf. Das ging zu tief.
"Du hattest Angst." Kara drehte sich in seinen Armen um und sah ihn an. Verständnis lag am Grund der goldenen Augen. "Du hast die Menschen und Jahra in euer Haus gelassen, weil du gutmütig bist. Du wolltest helfen und wurdest verraten. Alles was dir also blieb war, jene zu schützen die noch mehr unter deinem Fehler litten. Aber... welche Rolle spiele ich?"
"Du... Ich weiß nicht. Vielleicht habe ich mich einfach verliebt. Kahlias Interesse ist mir auch noch schleierhaft."
"Ich denke, sie wollte helfen. Ihr Weg zur Zuflucht hat die Menschen gemieden. Dichte Wälder, Hügel, eine scheinbar unendlich tiefe Schlucht, Berge. Nichts davon sah nach Siedlungsgebieten aus. Vielleicht hat sie gehofft, dass du nach dieser Gruppe zurückkehrst?"
"Helfen... Klingt logisch." Khaos drehte eine ihrer Haarsträhnen in der Hand. Es war immer noch ein helles Violett. Aber auch er befand sich noch in Eironns Körper. Wenigstens blieben keine Narben.
"Eironn? Was passiert jetzt?"
"Wir bleiben hier." Die Entscheidung war schnell getroffen. "Ich habe meine Aufgaben lange genug ignoriert. Auch wenn ich Gewalt vermeiden möchte, können wir die Menschen nicht weiter so handeln lassen."
Kara nickte leicht. "Aber... Alle? Es sind nicht alle Jäger oder wie mein Vater."
"Es waren die Freundlichen, die die niemandem etwas zu leide tun, die wir in unsere Welt gelassen haben. Nicht die Verrückten und Regelbrecher. Trotzdem haben sie sich irgendwann gegen uns gewandt, auch wenn es einige Generationen gedauert hat. Dieses Risiko werden wir kaum ein zweites Mal eingehen. Und wir werden auch niemand anderen der nach Schutz sucht wieder aufnehmen. Das haben sie zu verantworten."
"Und jene wie ich? Die, die nichts tun und dennoch unter Jägern und Menschen leben müssen? Die, die friedlich sind?"
"Die werden kurz vorher zu Midia. Das kann ich dir versprechen."
Wieder ein Nicken, dann schloss sie die Augen. "Darf ich bleiben? Tura..."
"Natürlich bleibst du. Du bist nicht die Erste, die wir eingeladen haben. Aber wenn du gehen willst..."
"Bloß nicht. Wer weiß, ob sie vor der Tür warten." Sie versteckte sich an seiner Brust. Sogar Eironns Kleidung klebte noch an ihm.
"Wir werfen dich nicht raus. Versprochen."
"Danke." Kara rückte von ihm ab und setzte sich auf. "Und jetzt?"
"Und jetzt?" Khaos folgte ihr, zupfte an dem zerrissenen Hemd. Nicht alle Blutflecken hatten sich gelöst, aber außerhalb der Götterwelt hatte es ihn nicht gestört. Hier jedoch... "Ich muss mich umziehen. Für dich lässt sich bestimmt auch etwas passendes finden. Warte kurz, ja?"
Sie antwortete nicht, also ging er an eine Truhe und zog weiße Kleider heraus. Eine helle Stoffhose fand den Weg zu ihm, ein weißes Kleid wählte er für Kara und brachte es ihr. Er hatte schon vergessen, wie Khaos sich für gewöhnlich kleidete.
"Du kannst dich hinter der Wand umziehen.", bot er an und deutete auf den abgetrennten Bereich, hinter der ein Schreibtisch auf ihn wartete. Es wurde wirklich Zeit, wieder seiner Arbeit nachzukommen.
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Midia
FantasyNach der Zerstörung ihrer eigenen Welt musste die Menschheit in eine andere fliehen. Zurückgeworfen in die Anfänge der Zivilisation erinnern nicht einmal mehr Legenden an eine andere Zeit. Kara wurde in diese Welt geboren, die die Menschen den urspr...
