„Hast du dich entschieden?", fragte Tonya schließlich, doch Amira stirrte sie noch immer unentschlossen an.
„Ich hatte dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht den Wunsch habe, dir deinen Posten streitig zu machen. Das gilt nach wie vor. Aber wenn du mir keine andere Wahl lässt, muss ich es tun."
Tonya sprach leise und sehr sanft zu Amira. Ihre ganze Haltung hatte sich etwas entspannt, doch noch immer strahlte sie eine ungeheure Kraft und Dominanz aus.
„Denke nach, Amira", flüsterte sie eindringlich. „Ich kann dich nicht daran hintern, weiter zu hassen. Aber wenn du zulässt, dass Hass und Rachegedanken weiterhin dein Leben bestimmen, dann wird dich das auf Dauer zerstören. Hör auf damit und fange an zu leben."
Tonya war noch einige Schritte nähergekommen. Dann blickte sie die Männer der Reihe nach an. „Diese Männer hier haben ihre Pflicht getan, ihre Pflicht ihrem Alpha gegenüber, genauso wie diese Frauen hier ihre Pflicht dir als Alpha-Wölfin gegenüber erfüllt haben. Aber sie sind nicht schuld für das, was den Frauen hier angetan wurde. Einzig Iska hätte das Recht, ihren Vater für das, was er getan hat zur Rechenschaft zu ziehen."
Amira schrak auf, als wäre sie gerade aus einer Erstarrung erwacht und blickte Tonya einen Moment mit unsicherer Miene an. Ihre Augen wanderten weiter und schließlich starrte sie mit angeekelter Miene auf das Weinglas in ihrer Hand und ließ es fallen. Das Glas zersprang in tausend Scherben und der Wein darin verteilte sich auf dem Boden. Amira schüttelte sich, schloss die Augen und als sie eine Minute später ihre Augen wieder öffnete, wirkte sie nüchtern und klar.
„Tonya oder Patrischa?"
„Beide Namen sind ok."
„Ich werde dich Tonya nennen", entschied Amira mit leiser aber fester Stimme, „denn unter diesem Namen habe ich dich kennengelernt." Sie blickte Tonya direkt in die Augen. „Du hast viel für das Rudel getan, dafür danken wir dir. Doch in einem Rudel gibt es keinen Platz für zwei Alpha-Wölfinnen. Nimm dir deinen Lohn für deine Dienste und dann zieh in Frieden deiner Wege."
„Und was geschieht mit den anderen Männern?", fragte Tonya leise.
Amira schwieg und dachte nach. Sie fühlte alle Blicke auf sich gerichtet. In den Gesichtern der Frauen las sie den Kummer und die Angst, die sie gehabt hatten, bevor sie fliehen konnten. Aber sie konnte darin auch die Hoffnung auf Frieden sehen. Auch die Männer blickten sie an, mit starren emotionslosen Blicken. Aber sie wirkten angespannt in Erwartung von schlimmen Strafen und der Hoffnung auf Gnade. Nur einer hielt den Kopf gesenkt.
„Was mit Iskas Vater geschieht, wird Iska selbst entscheiden, sobald sie dazu in der Lage ist. Allen anderen Männern wird nichts geschehen. Aber was wir mit ihnen machen, werden wir später im Rudel entscheiden. Und jetzt wähle deinen Lohn."
Tonya blickte die Männer der Reihe nach an. Dann drehte sie sich wieder Amira zu.
„Außer Hendrik nehme ich noch diese beiden Männer mit." Sie zeigte auf Florian, den Beta des Forster-Rudels und ihrem Bruder Max, den sie ebenfalls unter den gefangenen Männern entdeckt hatte.
„So sei es", nickte Amira. „Bringt noch Proviant für ein paar Tage und hängt den Männern die Taschen um den Hals."
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Knapp zwanzig Minuten später stand Tonya vor dem Rudelhaus mit drei Leinen in der Hand, an deren Ende jeweils ein Mann mit einem Halsband daranhing. Die Hände der Männer waren noch immer auf dem Rücken gefesselt. Die Proviantbeutel hatten sie ihnen um die Hälse gehenkt.
Sie hatten das Dorf der Wölfinnen in östlicher Richtung verlassen. Schweigend. Gehorsam folgten die Männer Tonya, die in Gedanken versunken vorausging. Erst als sie den Waldrand erreichten, hielt Tonya an.
Immer noch schweigend löste sie zuerst Hendriks Fesseln.
„Verwandle dich", bat sie leise und ohne ein Wort zu sagen, gehorchte er.
Tonya band seinen Umhang gemeinsam mit einigen Nahrungsmitteln zu einem Bündel zusammen und befestigte es auf seinem Rücken.
„Jetzt bist du dran", sagte sie zu Florian gewandt.
Auch er gehorchte widerspruchslos und ließ sich sein Bündel auf den Rücken schnüren.
Max lächelte sie an und bevor sie etwas sagen konnte, hatte auch er sich verwandelt und hielt still, als sie auch ihm sein Bündel auf dem Rücken befestigte. Ohne Scheu legte sie ihren Umhang ab und band ihn zusammen. Schon stand Hendrik neben ihr und stupste sie an. Er wollte auch ihr Bündel tragen und Tonya tat ihm den Gefallen.
„Folgt mir", sagte sie schließlich, verwandelte sich, lief in die Nacht hinein und die Wölfe folgten ihr.
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Die Stimmung im Rudelhaus war am Boden. Tonyas Worte waren klar und deutlich gewesen und sie stimmten die meisten Frauen nachdenklich. Sie hatten dieses junge Mädchen kennengelernt und ihnen war klar, dass dieses Mädchen deutlich stärker als Amira war. Trotzdem atmeten sie auf, dass es nicht zu einem Kampf zwischen den beiden Wölfinnen gekommen war.
Bereitwillig hatten sie Nahrungsmittel für fast eine ganze Woche herbeigeholt und in Taschen gepackt. Fast die Hälfte der Frauen waren mit vor das Rudelhaus gegangen und hatten der kleinen Gruppe hinterher geblickt, bis sie in der Nacht verschwunden waren, dann waren sie ins Rudelhaus zurückgekehrt.
Es war still geworden. Ab und zu war ein Schluchzen zu hören. Es kam von Iska, die vollkommen überfordert in den Armen einer der Frauen weinte. Auch die Männer schwiegen. Noch immer knieten sie in Reih und Glied vor der Wand. Eine Kette verband ihr Halsband mit einer Öse in der Wand. Ihre Hände waren auf dem Rücken gefesselt. Wärterinnen standen mit Speeren bewaffnet vor ihnen, jederzeit bereit zuzustechen, falls es auch nur einer wagen sollte, sich zu rühren.
Schließlich erhob sich Amira.
„Bringt die Männer in den Kerker und kettet sie dort an", forderte sie ihre Frauen auf. „Iskas Vater bringt in eine Einzelzelle. Dort wird er bleiben so lange, bis Iska sich entschieden hat, was mit ihm zu geschehen hat. Niemand setzt sie unter Druck und niemand sagt ihr, was sie tun soll. Sie entscheidet, wenn sie dazu bereit ist, auch wenn dies Wochen dauert. Die anderen Männer könnt ihr in die große Zelle bringen. Es gibt keinen Grund, jetzt und hier zu entscheiden, was wir mit ihnen machen wollen."
Sie blickte sich um, langsam und ruhig.
„Wir haben gesiegt", fuhr sie dann fort. „Hier und jetzt ist es unser Recht, unseren Sieg zu feiern. Darüber, wie es weitergehen wird, werden wir morgen anfangen nachzudenken. Es hat keine Eile. Und jetzt bringt die Männer weg."
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Suche, Tonya!
WerewolfWas war bei ihrer Geburt wirklich geschehen? Warum hatte ausgerechnet sie diesen Talisman erhalten? Warum hatte sie das Gefühl, dieser Mondstein bedeutete etwas? So viele Fragen und keine Antwort darauf. Tonya wollte sich nicht einfach so unterordne...
