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Es waren zu viele. Gegen etwa zehn Wölfe hatte sie keine Chance. Es waren keine planlos handelnde Rudellose, es waren große und starke Kämpfer.

Vergesse nie, dich bedeckt zu halten. Je weniger deine wahre Herkunft wissen, umso sicherer bist du.

Der edle Rabe versteckt sich. Das ist gut. Der edle Rabe muss sich verstecken.

Zwei Frauen hatten sie unabhängig voneinander gewarnt. Was wussten diese Frauen über sie, was sie selbst noch nicht wusste? Egal. Jetzt, in diesem Moment konnte Tonya keine Antwort auf diese Frage finden. Aber sie konnte die Warnungen ernst nehmen und sich entsprechend verhalten.

Demütig senkte sie ihren Kopf und legte sich hin.

Die Kleine ist nicht markiert', rümpfte einer der Wölfe die Nase.

Und sie ist noch Jungfrau', grinste ein anderer. ‚Was für ein hübscher Leckerbissen.'

Sollen wir sie gleich?', fragte ein dritter und die anderen Wölfe schnaubten zustimmend.

Laß sie', knurrte ein großer hellgrauer Wolf.

Oh Mann', maulte der zweite Wolf.

Spielverderber', grollte der dritte.

Rotes Fell, leuchtend grüngelbe Augen', murmelte der große hellgraue Wolf. ‚Wenn das mal nicht die kleine unartige Mate von Alpha-Schnösel vom Forster-Rudel ist. Wir sollten sie mitnehmen. Habe gehört, der alte Alpha sucht sie. Bin gespannt, wieviel er für sie springen lässt.'

Na und?', murrte der erste Wolf. ‚Was spricht dagegen, wenn wir vorher etwas Spaß mit ihr haben?'

Das Privileg hat nur unser Alpha', knurrte der große hellgraue Wolf.

Schon gut', brummte ein vierter Wolf, der bisher mit triefenden Lefzen danebengestanden hatte und sich nun mürrisch den Sabber abschleckte.

Der große hellgraue Wolf stubste Tonya an und signalisierte ihr, ihm zu folgen. Gehorchsam erhob sich Tonya und trottete hinter ihm her, gefolgt von den anderen Wölfen, die immer wieder versuchten, an ihrem Hintern zu schnuppern. Aber Tonya hatte vorsichtshalber den Schwanz eingezogen und ging in geduckter Haltung, war ganz die folgsame, demütige Wölfin.

Ihre Gedanken aber überschlugen sich. Sie hatte das Gespräch der Wölfe lauschen können. Wie das? Sie gehörte nicht in dieses fremde Rudel und war trotzdem in der Lage, ihr gedankliches Gespräch zu hören? Das konnten doch nur -! Sie stutzte und stoppte. Schon drängten sie die folgenden Wölfe weiter. Tonya winselte kurz und trottete brav weiter.

Also nochmal, nur Alphas konnten Gedankengespräche fremder Wölfe hören. Und sie, sie hatte Alphablut in sich. Aber warum konnte sie das früher nicht? Nun denn. Tonya schob diese Frage weit nach hinten zu all den anderen Fragen, zu denen sie nach wie vor keine Antwort hatte. Jetzt wusste sie, dass sie es konnte und nahm sich vor, auch das vorerst für sich zu behalten. Das könnte für sie von entscheidendem Vorteil sein, wenn sie wusste, was vor sich ging, ohne dass andere es wussten, dass sie es wusste.

Eine andere Frage kam ihr in den Sinn. Sienna riet ihr, sie solle sich auf ihr Gefühl verlassen. Sie hatte sich auf ihr Gefühl verlassen, war umgedreht und den Weg im Tal zurückgelaufen. Kurz nur hatte sie unschlüssig vor der Stelle gestanden, an der sie ihr Bündel versteckt hatte. Sollte sie es mitnehmen? Ihr Bündel war durchnässt und würde ihr nichts nutzen. Deswegen hatte sie sich entschieden, es dort liegen zu lassen. Vielleicht würde sie später die Gelegenheit haben, es zu holen.

Zügig war sie den Weg zurück weitergelaufen. Sicher, sie hatte sich umgesehen, nach allen Seiten gesichert bevor sie aus der Deckung trat und den kurzen Streifen zum Wald gehen wollte. Und da waren sie, die Wölfe vom Sander-Rudel. Ihr Glück hatte sie verlassen. Ihr Gefühl hatte sie betrogen. Ihr Gefühl hatte sie direkt in die Gefangenschaft im Sander-Rudel geschickt. Obwohl, vielleicht musste sie genau dorthin um Antworten zu bekommen?

Obwohl noch immer demütig und artig in ihrer Körperhaltung und in ihrem Verhalten, arbeitete ihr Verstand und ihre Sinne auf Hochtouren. Aufmerksam beobachtete sie ihre Umgebung und prägte sich markante Punkte ein. Und noch aufmerksamer lauschte sie dem vulgären Geplänkel zwischen den dreisten Wölfen. Wie widerlich, aber sie hörte genau zu in der Hoffnung, Informationen herauszuhören, die für sie von großer Bedeutung sein konnten.

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Sienna hatte sich zurückgezogen. Sie hatte Aaron gebeten, ihr bestimmte Kräuter zu besorgen und war dann auf ihr Zimmer zurückgekehrt. Sie wolle sich in Trance versetzen und versuchen, herauszufinden, wo sich Tonya gerade aufhielt. Dazu brauchte sie absolute Ruhe.

Aaron hatte den Zettel an seinen Vater weitergegeben. Er selbst wolle in der Zwischenzeit Kontakt zu seinen Verbindungsmännern aufnehmen. Alpha Anton lud Hendrik und Florian zu sich nach Hause ein. Sie würden sich im gleichen Raum wieder treffen, sobald Sienna sie rief.

Sienna hatte alles vorbereitet und stand wartend am Fenster. Irgendwo tief in ihrem Herzen hatte sie immer noch gehofft, sie würde Mailina nochmals sehen. Ihre Mutter war kurz bevor sie mit Luna Lisandra die Flucht angetreten hatte, gestorben. Und jetzt wusste sie, dass sie auch ihre Tante niemals wieder sehen würde. Tränen liefen ihr übers Gesicht, während sie versuchte sich vorzustellen, wie ihre Tante wohl zuletzt aussah. Es wollte ihr nicht gelingen, so fest hatte sich die Bilder ihrer Tante von damals in ihr Gedächtnis gebrannt, dass sie vor ihrem geistigen Auge noch immer ihr Lächeln sehen konnte und sogar glaubte, ihre Stimme zu hören.

Erschrocken wischte sie die Tränen ab, als jemand an ihre Tür klopfte. Der Bote gab ihr mehrere Jutesäckchen mit getrockneten Kräutern, verneigte sich vor ihr und schloss die Tür.

Mit ihrer ganzen Willenskraft verdrängte Sienna ihre düsteren Gedanken. Jetzt musste sie sich konzentrieren, wenn sie in Trance Kontakt mit Tonya aufnehmen wollte.

Suche, Tonya!Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt