Sienna hatte Tonya mit einem großen Berg wirrer Gedanken zurückgelassen und war mitten in der Nacht abgestiegen.
Fast verzweifelt versuchte Tonya, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Irgendwie passte das alles nicht zusammen, oder doch? Sie umklammerte die Münze, die sie von ihrer Mutter zu ihrem achtzehnten Geburtstag bekommen hatte. Sie war magisch, hatte ihre Mutter erklärt. Sie habe geholfen, dass sie die Geburt überlebte. Stimmte das?
Dieser Mondstein, den sie in einem Ledersäckchen an ihrem Halsband mit sich trug, war er ein Zeichen für eine Kraft, die in ihr schlummerte? Fühlte sie sich deshalb so von diesem Stein angezogen? War er schuld daran, dass sie sich Alpha Norman widersetzt hatte? Intuition?
‚Yani?'
Yani hatte sie im Kampf gegen die Rudellosen ganz selbstverständlich unterstützt und sich dann wieder zurückgezogen. Seither hatte sie sich nicht mehr gemeldet.
‚Yani?'
Schweigen.
‚Yani? Was ist los? Rede mit mir.'
Schweigen.
‚Bist du böse auf mich? Böse, weil ich den Bund nicht besiegelt habe?'
‚Du hast dich gegen unseren Mate entschieden', fauchte Yani.
‚Das stimmt nicht, Yani. Ich habe mich nicht gegen Hendrik entschieden. Ich habe mich gegen den Zwang von Alpha Norman entschieden.'
Schweigen.
‚Yani', flüsterte Tonya sanft. ‚Ich werde unseren Mate nicht ablehnen. Niemals. Aber wenn ich das Mateband besiegle, dann soll dies in Frieden und Einigkeit und in Liebe und Vertrauen geschehen. Irgendwo, wo nur Hendrik und ich, Rex und du, wo wir allein sind, unter uns und ungestört. Es wäre nicht richtig gewesen, unter Zwang durch jemand anderem, vor den Augen so vieler Menschen und Wölfe, ein solch intimes Bündnis einzugehen. Verstehst du?'
‚Ehrlich?'
‚Ganz ehrlich', versprach Tonya und Yani seufzte halbwegs beruhigt.
Tonya atmete erleichtert auf. Ob ihre Worte Yani wirklich überzeugten, wusste sie noch nicht, aber es herrschte zwischen ihnen zumindest Waffenstillstand. Ihre Gedanken allerdings bekriegten sich immer noch. Fragen über Fragen, Vermutungen über Vermutungen, Ideen über Ideen, aber keine sicheren Antworten auf all die Fragen. Das Gespräch mit Sienna hatte keine Frage beantwortet, aber es hatte geholfen, ihren Zweifel über ihr Handeln etwas zu beruhigen. Trotzdem war die Unruhe in ihr nicht gewichen.
Seit Melli von Tag ihrer Geburt erzählt hatte, spürte Tonya diese Unruhe in sich, die sie nicht greifen konnte. Melli hatte ihr erzählt, dass sie sehr still war, fast leblos, als sie zur Welt kam. Alle hatten Angst um sie und die Ärzte hätten sehr um ihr Leben gekämpft. Am nächsten Tag hätte sie geradezu vor Kraft gestrotzt und vor Hunger gebrüllt. Lag das wirklich an dieser Münze, an diesem Talisman? Wer war diese Seherin und wer war diese Sienna, die Krankenschwester, die sie am nächsten Tag in die Arme ihrer Mutter gelegt hatte? Wo waren die beiden Frauen hingegangen? Oder waren diese Sienna und diese Seherin ein und dieselbe Person? Und warum hatte sie gerade bei dieser Sienna, die ihr die halbe Nacht Gesellschaft geleistet hatte, das Gefühl, sie würde sie irgendwoher kennen? Sie musste unbedingt nochmals mit ihr reden.
Ungeduldig wartete Tonya auf ihre Ablösung, die in den frühen Morgenstunden zur Platform hinaufstieg, Tonya ehrfürchtig grüßte und dann ihren Platz einnahm, so dass Tonya absteigen konnte. Gerade als sie das Gästehaus betreten wollte, um sich frisch zu machen und zu frühstücken, trat Sienna aus einem der Häuser auf den Platz vor dem Rudelhaus.
Entschlossen ging Tonya auf sie zu.
„Können wir nochmals reden?", fragte Tonya leise.
„Wann immer du möchtest", nickte Sienna und lächelte Tonya freundlich an.
„Irgendwo, wo wir ungestört – sein können?" Tonya blickte sich suchend um.
„Folge mir."
Sienna drehte sich um und ging zu ihrem Haus zurück. Sie führte Tonya durch die Wohnküche hindurch einen Gang entlang und dann zwei Treppen hinauf in einen abgedunkelten Raum. An den Wänden klebten wollartige Matten durchzogen mit silbrig glänzenden Fäden. Auf dem Boden lag ein dicker Teppich, so dick, dass er jeden Schritt schluckte. Ein kleines niedriges Tischchen stand in der Mitte des Raumes und um dieses herum lagen mehrere große Sitzkissen.
„Setzt dich", forderte sie Tonya auf, schloss die Tür und setzte sich Tonya gegenüber auf eines der Kissen. „Über was möchtest du mit mir reden?"
„Welche Kräfte hast du?", fragte Tonya sehr direkt.
Sienna blickte sie schmunzelnd an. „Ich kann Gedanken lesen und – Erinnerungen wecken."
„Dann weißt du doch, warum ich mit dir reden will?"
„Es tut mir leid, Tonya, aber so geht das nicht", lachte Sienna leise. „Es gibt durchaus Frauen, die das können. Ich selbst kann erst dann in die Erinnerungen einer anderen Person eintauchen, wenn ich sie berühre und diese Person mir das gestattet."
„Wenn ich dir also – sagen wir mal, meine Hand reiche und meine Gedanken nicht vor dir verschließe, könntest du meinen Gedanken folgen?"
Sienna nickte.
„Und du könntest auf demselben Weg auch Erinnerungen in mir wachrufen?", fragte Tonya nun leise.
Wieder nickte Sienna.
„Wenn ich dich darum bitte, würdest du es bei mir tun?", Tonya blickte Sienna durchdringend an.
„Was willst du wissen?", fragte Sienna nun mit sehr ernst klingender Stimme.
„Ich will wissen, was bei meiner Geburt passiert ist. Falls das überhaupt möglich ist."
„Von dem Augenblick an, in dem du in der Lage bist, die Außenwelt wahrzunehmen, arbeitet auch dein Gehirn. Und von diesem Augenblick an nährst du deine Erinnerungen. Das geschieht bereits einige Zeit vor deiner Geburt. Aber die Natur hat es nicht umsonst so eingerichtet, dass die meisten Erinnerungen in das Unterbewußtsein verschwinden. Ich will damit sagen, dass es nicht immer gut ist, Erinnerungen zurückzuholen."
„Wen sonst könnte ich fragen? Meine Mutter habe ich gefragt. Sie hat mir erzählt, dass es eine schwere Geburt war. Sie hat mir erzählt, dass ihr eigenes Leben ebenfalls bedroht war und sie sehr starke Schmerzmittel bekommen hatte. Alles was nach der Geburt geschah, hatte man ihr Tage später erst erzählt. Damals war eine Krankenschwester dort, sie hieß Sienna genau wie du, aber sie verschwand zwei Tage später und niemand weiß, wo sie hingegangen ist. Sie hat mir nur diese Münze hinterlassen. Die Ärzte, die damals da waren, sind nicht mehr dort. Ich wüsste auch nicht, wie ich sie finden sollte. Mir bleiben also nur noch meine eigenen Erinnerungen."
„Warum willst du das wissen? Es ist so gefährlich, in den Erinnerungen, die vergraben sind, zu wühlen. Was immer dort schlummert, es könnte dich in den Wahnsinn treiben."
„Was immer dort schlummert, könnte aber auch meine Fragen beantworten."
„Die da wären?"
„Warum schwebte ich nach der Geburt in Lebensgefahr und war am nächsten Tag vollkommen gesund und kräftig? Warum spüre ich diese unterschwellige Unruhe in mir? Ich glaube ich habe diese Unruhe früher schon gespürt, aber seit ich volljährig bin, hat sie sich sehr verstärkt. Ich habe einen Mondstein gefunden und kann ihn nicht wegwerfen, weil ich das Gefühl habe, dieser Stein hat etwas mit mir zu tun. Was ist das für eine Kette, die ich trage? Wer war diese Sienna?"
Sie starrten sich an. Tonyas Augen bettelten und Siennas Augen blickten starr und skeptisch. Sienna kämpfte, sie kämpfte mit sich selbst. Es war nicht das erste Mal, dass sie einer Frau ihren Wunsch erfüllt und eine Erinnerung in ihr wachgerufen hatte. Diese Erinnerung hätte die Frau fast zerstört und es hatte Monate gedauert, bis sie gelernt hatte, damit zu leben.
Sie wollte das nicht noch einmal erleben. Aber da entdeckte sie ein Glimmen in Tonyas Augen, noch tief verborgen aber bereits sehr stark. Dieses Mädchen war stark. Sie würde es ertragen. Sienna nickte schließlich und Tonya atmete auf.
DU LIEST GERADE
Suche, Tonya!
Hombres LoboWas war bei ihrer Geburt wirklich geschehen? Warum hatte ausgerechnet sie diesen Talisman erhalten? Warum hatte sie das Gefühl, dieser Mondstein bedeutete etwas? So viele Fragen und keine Antwort darauf. Tonya wollte sich nicht einfach so unterordne...
