Tonya schloss ihre Augen und lauschte.
Seit Tagen schon hatte sie die angeblichen Rudellosen sehr genau beobachtet. Diese Aufgabe hatte sie selbst übernommen und dabei von der Sorglosigkeit der Wölfe profitiert. Nicht einer von ihnen war auf die Idee gekommen, dass es eine Wölfin gab, die sich traute, sie sogar zu belauschen, eine Wölfin, die tatsächlich den Mut hatte, die Spione selbst auszuspionieren.
Tonya war mittlerweile sehr gut darin, ihren Geruch zu tarnen und sich sehr nahe anzuschleichen. Grinsend konnte sie so manche Unterhaltung belauschen, dabei wichtige Informationen sammeln und ihre Frauen entsprechend vorbereiten. Nun war es soweit. Im Morgengrauen wollten die Wölfe des Forster-Rudels nicht nur die richtigen Rudellosen angreifen, sondern auch das Dorf der Wölfinnen.
Seit Tonya wusste, dass Alpha Norman Spione zu den Rudellosen geschickt hatte, war sie häufig nachts unterwegs gewesen, nicht nur um die Standorte der richtigen und falschen Rudellosen auszumachen sondern auch um geeignete Plätze zu finden, in denen sie sich bequem verstecken und ihre Gegner beobachten konnten, ohne selbst entdeckt zu werden. Genau dort hatten Tonya und ihre Frauen ihre Posten bezogen, lange bevor es Tag wurde und sich ihre Gegner auf den Weg machten.
Eingehüllt in einem schwarzen Umhang saß Tonya hoch oben im Baum. Sie hörte das leise Knirschen von Pfoten auf vereistem Boden. Es war zwar wärmer geworden, aber in den schattigen Plätzen lagen noch immer vereiste Blätter, die nun die Anwesenheit von fremden Wölfen verrieten. Die Wölfe konnten sie nicht riechen. Zum einen deshalb nicht, weil sie oben im Baum saß und zum zweiten nicht, weil der schwarze Umhang die meiste Zeit unter Blätter und Erde gelegen hatte und somit nach Wald roch und Tonyas Geruch damit bestens tarnte.
Aus der Ferne hörte sie den Gesang von Rotkehlchen. Dort waren nun ebenfalls fremde Wölfe aufgetaucht. Tonya wartete, bis die fünf Wölfe sich etwas von ihrem Standort entfernt hatten, dann ahmte auch sie den Ruf eines Rotkehlchens nach. Der Ruf eines Kauzes antwortete ihr.
Die Wölfinnen warteten und lauschten. Den Geräuschen nach hatten die feindlichen Wölfe bereits das Dorf der Wölfinnen umzingelt. Aber noch waren keine Kampfgeräusche zu hören. Tonya war stolz auf Amira und Sunja und ihre Vorbereitung der Wölfinnen. Alle behielten ihre Nerven und verhielten sich still.
Mit dem Ruf einer Nachtigall forderte Tonya Informationen. Aus verschiedenen Richtungen erhielt sie Antworten von unterschiedlichen Vogelstimmen und sie zählte. Sie mussten also mit etwa dreißig kampferprobten Wölfen rechnen. Das war viel. Sie waren zwar mehr als doppelt soviele Wölfinnen, aber sie waren eben nicht kampferprobt und körperlich schwächer und fast die Hälfte der Frauen konnten überhaupt nicht kämpfen. Es war ein ungleicher Kampf.
Aber sie hatten einen großen Vorteil, die Wölfe, die sich gerade in kämpferischer Absicht dem Dorf näherten, ahnten nicht, was sie erwarten wird. Sie ahnten noch nicht einmal, dass sie bereits erwartet wurden.
Plötzlich war alles still. Beängstigend still. Tonya hielt den Atem an. Hoffentlich behielten die Frauen im Dorf ihre Nerven. Sie durften nicht zu früh loslegen. Sie mussten warten, bis die Wölfe nahe genug waren, und sich sicher genug fühlten, bevor sie von der unerwarteten Kampfkraft der Wölfinnen überrascht wurden.
Dann war es soweit. Aus der Felswand heraus ertönte ein lautes langgezogenes Heulen einer Wölfin und das Chaos brach aus. Im Dorf begann der Kampf. Die Wölfinnen brachen aus ihren Verstecken hervor und griffen die überraschten Wölfe an.
Die Luft war erfüllt von Knurren und Heulen. Den Geräuschen nach musste auf der anderen Seite des Dorfes das reinste Durcheinander herrschen. Dort kämpften nicht nur die echten Rudellosen gegen die Spione aus dem Forster-Rudel, sondern auch die Wölfe des Forster-Rudels gegen die Wölfinnen, die durchaus als ernstzunehmende Gegnerinnen überraschten.
Nun warf auch Tonya ihren Umhang ab, schwang sich vom Ast auf den Boden und verwandelte sich augenblicklich. Ihr lautes aufheulen war das Signal für ihre Frauen ihre Deckung zu verlassen, sich zu verwandeln und den angreifenden Wölfen auf ihrer Seite des Dorfes den Kampf ihres Lebens zu bescheren.
Mit ihren Kämpferinnen brach Tonya aus dem Wald hervor. Vor ihnen mindestens zehn Wölfe, die das Dorf von der anderen Seite angreifen wollten und sich plötzlich selbst eingekesselt sahen. Die Wölfinnen stürzten sich ohne zu zögern auf ihre Gegner nur Tonya stutzte und blieb kurz stehen, denn sie hatte ein paar der Wölfe erkannt. Knurrend rannte sie nun auf den großen, dunkelgrauen Wolf zu, der die Gruppe anführte und sprang ihm auf den Rücken. Sie überschlugen sich, sprangen auf und dann standen sie sich schockiert und reglos gegenüber. Hendrik. Er starrte seine kleine Mate an. Um sie herum kämpften die anderen Wölfe, knurrten, heulten, jaulten.
Hendrik stand wie erstarrt da. Sie war doch hier? Sie war direkt vor ihm. Gegen sie konnte er nicht kämpfen. Er wollte so oder so nicht kämpfen, schon gar nicht gegen die Frauen. Aber sein Alpha hat ihm das befohlen und halbherzig hatte er sich mit seinen Männern auf den Weg gemacht. Und nun stand er ihr gegenüber, seiner Kleinen. Ohne weiter nachzudenken, legte sich der dunkelgraue Wolf auf den Boden, drehte sich auf den Rücken und bot ihr seine Kehle an. Sie verstand, legte ihre Zähne an seine Kehle und blieb dann reglos über ihm stehen.
‚Aufhören', befahl er seinen Rudelmitglieder.
Jetzt erst bemerkten die anderen Wölfe in der Nähe, dass Ihr junger Alpha in einer äußerst misslichen Lage war. Sie hatten nicht sehen können, wie das geschehen konnte, aber sie sahen, dass eine der Wölfinnen über ihm stand und ihre Zähne an seiner Kehle hatte.
‚Alpha Norman', rief Florian. ‚Dein Sohn wurde überwältigt. Er lebt noch, aber eine der Wölfinnen hat ihn an der Kehle.'
‚Hendrik', brüllte Alpha Norman.
‚Zieht euch zurück, Vater', bat Hendrik. ‚Sonst beißt die Wölfin mir die Kehle durch.'
Von der anderen Seite des Dorfes hörte man wütendes Heulen, und gleich darauf das freudige Aufheulen der Wölfinnen, als sich die Angreifer tatsächlich zurückzogen.
‚Hendrik, was ist geschehen?', wollte Alpha Norman kurz darauf wissen.
‚Sie haben eine sehr gute Kämpferin unter sich, der es gelungen ist, mich mit Hilfe einer zweiten guten Kämpferin umzuschmeißen. Ich war überrascht und das hatte die Wölfin ausgenutzt und ihre Zähne in meine Kehle vergraben. Diese Wölfin steht über mir. Ich fühle ihre Zähne an meiner Kehle, aber sie hat noch nicht voll zugebissen.'
Obwohl Tonyas rötliches Fell schmutzig braun aussah, wurde sie auch von Florian und zwei weiteren Wölfen erkannt, die sich ebenfalls sofort auf den Boden legten und sich ergaben. Und gleich darauf ergaben sich auch die anderen Wölfe. Wie aus dem nichts tauchten plötzlich mehrere Frauen auf. Sie hielten Speere in ihren Händen und mehrere Halsbänder.
In breiter Front stellten sie sich auf, die Speerspitzen drohend auf die Wölfe gerichtet.
„Verwandle dich, Wolf."
Es war Brea, die den ersten Wolf mit harter Stimme dazu aufforderte, seine Menschengestalt anzunehmen. Leise knurrend gehorchte er und hatte gleich darauf ein Halsband umgebunden. Eine der Frauen reichte ihm einen Umhang, den er überzog, bevor Brea seine Hände fest auf dem Rücken fesselte. Erst als der letzte Wolf gefesselt gewesen war, löste Tonya ihre Zähne von Hendriks Kehle und zog sich zurück. Sie wartete nicht bis auch er gebunden war, sondern wandte sich sofort ab und lief, ohne sich umzudrehen, in den Wald.
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Suche, Tonya!
Hombres LoboWas war bei ihrer Geburt wirklich geschehen? Warum hatte ausgerechnet sie diesen Talisman erhalten? Warum hatte sie das Gefühl, dieser Mondstein bedeutete etwas? So viele Fragen und keine Antwort darauf. Tonya wollte sich nicht einfach so unterordne...
