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Fast zeitgleich kehrten Aaron und Sienna in den Konferenzraum zurück. Ihren Mienen nach zu urteilen, kamen sie mit schlechten Nachrichten. Sofort verstummte das Gespräch der Männer, die bisher entspannt um den Tisch saßen und sich über Kampftraining und Strategien unterhielten. Nun aber starrten sie die beiden nervös an.

„Sie ist beim Sander-Rudel", platzte es gereizt aus Aaron heraus.

Hendrik beugte sich vor. „Geht es ihr gut?", verlangte er zu wissen.

„Es geht ihr gut, Alpha Hendrik", beschwichtigte Sienna.

„Was hast du gesehen?", fragte Alpha Anton und beugte sich angespannt vor.

„Sie haben sie in den Kerker gebracht", berichtete Sienna leise. „Aber sie haben ihr nichts getan. Sie haben ihr nur ein Halsband umgelegt."

Dass sie frierend nur mit einem dünnen Hemd bekleidet und in zerschlissenen Decken eingewickelt auf einem kleinen Haufen Stroh saß, verschwieg sie sicherheitshalber. Sie durfte nicht riskieren, dass es eventuell zu einer Kurzschlussreaktion kommen würde. Wie Recht sie mit ihrer Befürchtung hatte, zeigte sich auch sofort.

„Ich hole sie da raus", knurrte Hendrik und sprang auf.

Sienna atmete erleichtert auf, als sie merkte, dass auch Alpha Anton die gleiche Befürchtung hegte und ebenfalls sofort aufsprang, auf Hendrik zustürmte und ihn am Arm zurückriss. Ehe sich Hendrik versah, stand er an der Wand und Alpha Anton stand vor ihm mit seiner Hand auf Hendriks Brust. Sie starrten sich an.

„Du bleibst", knurrte Alpha Anton.

„Sie ist meine Mate", knurrte Hendrik zurück.

„So soll es auch bleiben", brummte Alpha Anton.

„So ist es", fauchte Hendrik. „Also geh mir aus dem Weg."

„Nein." Jetzt klang Alpha Antons Stimme ruhig aber bestimmt. „Wenn du willst, dass es so bleibt, nutzt es nichts, wenn du jetzt wie ein wildgewordener Stier losrennst. Du kennst Alpha Turkan nicht. Ich bin zwar überzeugt davon, dass dein Freund dir folgen wird, aber auch zu zweit werdet ihr keine Chance haben, deine Mate dort rauszuholen. Und jetzt setzt dich."

Mit angehaltenem Atem beobachteten die anderen die beiden Alphas. Sie hielten sich alle zurück, waren sogar noch einige Schritte zurückgewichen. Es war nie ratsam, sich in den Kampf zweier Alphas einzumischen, auch wenn es hier nicht um die Führung eines Rudels ging und ein möglicher Kampf nicht auf Leben und Tod geführt werden würde. Alpha Anton war nur wenig älter als Hendrik, war gleich groß wie er und ähnlich muskulös und kräftig gebaut. Ein Kampf zwischen diesen beiden Wölfen wäre ein Kampf auf Augenhöhe. Im tötlichen Ernst ausgefochten, würde jeder, der es wagen würde, einzugreifen, sein Leben riskieren.

Hendrik schnaubte, doch Alpha Anton blieb ruhig. Er brauchte seine ganze mentale Alphakraft um Hendrik in Schach zu halten, doch dank seiner bestimmten, aber bedachten Haltung gelang es ihm, seinen hitzköpfigen Gegner zu beruhigen.

„Setzt dich", sagte er nochmals und nahm seine Hand runter. Und Hendrik gehorchte, wenn auch noch immer widerwillig.

„Wir werden deine Mate dort rausholen", versprach Alpha Anton. „Und ich weiß auch schon wie."

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Noch immer war Tonya in dem runden Salon des Alphahauses allein. Sie hatte sich nur kurz umgesehen und war dann zum Fenster gegangen. Aufmerksam blickte sie hinaus in den weiträumigen Garten, der vollständig von einer großen Hecke umrandet war. Der Garten selbst hatte einen gepflegten Rasen. Hier und da stand ein Baum, der im Sommer für Schatten sorgte. Am hintersten Gartenrand konnte Tonya ein kleines Häuschen entdecken und so wie es von ihrer Position aussah, gab es dort auch Durchgänge in den angrenzenden Wald.

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