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Das Kitzeln der Sonnenstrahlen weckte Florian auf. Er regte und streckte sich und setzte sich dann auf. Amüsiert blickte er zur zweiten Pritsche, auf der Hendrik noch immer schlief. Er hatte es also doch geschafft und sich beruhigt. Florian grinste. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass sein beherrschter, ernster Freund Hendrik so impulsiv, so unruhig und so ungeduldig sein konnte. Umso mehr freute es ihn, Hendrik nun friedlich schlafend zu sehen.

Florian stand auf und ging leise zum angrenzenden Badezimmer. Er würde sich jetzt gemütlich frisch machen und anschließend die Schlafmütze aufwecken. Doch als er einige Minuten später aus dem Badezimmer kam, war Hendrik bereits wach und blickte ihn, mit verschränkten Armen auf der Pritsche sitzend, noch immer verschlafen an.

„Guten Morgen", grinste Florian.

„Morgen", grunzte Hendrik.

„Oh." Jetzt grinste Florian noch breiter. „Noch nicht ausgeschlafen, was?"

„Doch", knurrte Hendrik. „Nur wütend, dass wir immer noch hier sitzen."

„Hey, ganz ruhig", sagte Florian entspannt. „Ich glaube nicht, dass wir noch lange warten müssen."

„Will ich hoffen", brummte Hendrik ungehalten und verschwand nun selbst im Badezimmer.

Florian konnte sich ein Kichern nur schwer verkneifen. Nein, so hatte er seinen besten Freund noch nie erlebt. Er stellte sich auf einen Stuhl und konnte nun bequem aus dem Fenster auf den Hof blicken. Es war schon einiges los. Einige der Männer verließen den Hof in ihrer Wolfsgestalt und verschwanden im angrenzenden Wald. Wölfe kehrten zurück und verschwanden durch eine kleine Schwingtür im Haus. Frauen liefen beschäftigt über den Hof. Das Rudel war also längst schon wach und jeder ging bereits seiner Arbeit nach.

Florian behielt Recht. Sie mussten wirklich nicht mehr lange warten. Nur wenige Minuten später, Hendrik kam gerade aus dem Badezimmer, öffnete sich die Tür und Goran stand grinsend vor ihnen.

„Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen." Seine Stimme klang spöttisch und er erntete dafür einen bösen Blick von Hendrik. „Entspann dich, Alpha Hendrik", kicherte Goran und forderte amüsiert lächelnd die beiden Männer auf, ihm zu folgen.

Feixend stieß Florian Hendrik an und erntete ebenso einen bitterbösen Blick, der von Goran nicht unbemerkt blieb.

„Ist er immer so grummelig?", fragte Goran breit grinsend an Florian gewandt.

„Alpha eben", kicherte Florian.

Sie waren zwar schon sehr lange Freunde und sie waren auch sehr gute Freunde doch stets Alpha und Beta. Zum ersten Mal seit sie sich kannten, standen sie auf Augenhöhe und Florian genoss es sichtlich. Hendrik dagegen hatte damit durchaus Mühe. Er dachte noch immer in Hierarchien. Über ihm stand nur noch Alpha Norman, sein Vater. Alle anderen standen unter ihm, der eine mehr, der andere weniger.

Die erste, die von ihm eine Beziehung auf Augenhöhe verlangte, war Tonya, seine Mate. Ihr das zuzugestehen fiel ihm erstaunlicherweise nicht sehr schwer. Sie hatte im Sturm sein Herz erobert und für sie würde er alles tun. Aber Florian, seinem Beta – nein, seinem ehemaligen Beta plötzlich auf gleicher Ebene zu begegnen, daran musste er sich noch gewöhnen.

Goran hatte sie mittlerweile ein paar Stufen hinauf zum großen Aufenthaltsraum, durch diesen hindurch und auf der anderen Seite des Hauses den Flur bis zur letzten Tür geführt. Einladend hielt er die Tür auf und forderte sie auf, an dem großen runden Tisch in der Raummitte Platz zu nehmen. Dann ging er wieder.

Gleich darauf öffnete sich erneut die Tür. Yara und noch eine weitere Frau traten ein. Jede trug ein großes Tablett gefüllt mit leckeren Sachen, die sie vor den beiden Männern auf den Tisch stellten. Dann verließen sie den Raum, nur um gleich darauf mit weiteren Köstlichkeiten und einem weiteren Gedeck zurückzukehren.

„Greift ruhig schon mal zu und lasst es euch schmecken", ertönte eine tiefe Stimme von einer weiteren Tür her.

Der große kräftige Mann kam langsam näher und baute sich direkt vor Hendrik auf. Sie waren gleich groß und von ihrer Statur gleich muskulös gebaut. Doch während Hendriks kurze Haare wirr in alle Richtungen zeigten, hatte der Mann seine dunkelblonden langen Haare ordentlich zu einem Schwanz im Nacken zusammengebunden. Ein leises Schmunzeln umschmeichelte seinen Mund, doch seine Augen waren aufmerksam prüfend auf Hendrik gerichtet, der den Blick ernst erwiderte.

„Du bist also Alpha Normans Sohn", stellte er fest. „Meine Beziehung zu deinem Vater ist nicht gerade gut zu nennen. Also frage ich mich, was du hier willst?"

„Mein Vater pflegt zu keinem anderen Alpha eine freundschaftliche Beziehung, Alpha Anton", entgegnete Hendrik trocken.

Alpha Anton nickte, dann drehte er sich um und setzte sich auf die andere Seite des runden Tisches.

„Nun setzt euch schon und bedient euch", forderte er seine Gäste nochmals auf.

„Sieht so aus, als ob ihr noch einen weiteren Gast erwartet", wunderte sich Hendrik und deutete auf das weitere Gedeck.

Beide setzten sich und goßen heißen Kaffee in ihre Becher.

„Stimmt", nickte Alpha Anton. „Aber, bis dieser Gast erscheint, könntest du meine Frage beantworten. Was willst du hier?"

Hendrik und Florian blickten sich kurz an, dann wandte sich Hendrik dem Alpha zu. „Ich bin auf der Suche nach meiner Mate und ich werde dabei von meinem Freund Florian begleitet."

„Dein Vater hat sie verstoßen, stimmt das?", fragte Alpha Anton mit gleichgültig klingender Stimme.

„Ja." Jetzt grinste Hendrik. „Tonya wollte nicht so wie er will."

„Was für ein störrisches Mädchen", lästerte Alpha Anton. „Und jetzt suchst du sie. Warum? Willst du sie zurückbringen und sie zwingen einer Ablehnung zuzustimmen? Das jedenfalls erzählt man sich."

Hendrik lachte. „Würdet ihr meine kleine Mate kennen, wüsstet ihr, dass niemand sie zwingen könnte, einer Ablehnung zuzustimmen."

„Vielleicht würde sie das sogar freiwillig tun", mutmaßte Alpha Anton lauernd.

„Kaum", erwiderte Hendrik. „Sie würde mich genauso wenig ablehnen wie ich sie."

In diesem Augenblick öffnete sich erneut die Tür und zwei Männer betraten hinter einer älteren Frau den Raum. Die drei anwesenden Männer erhoben sich.

„Darf ich vorstellen?", fragte Alpha Anton. „Der junge Mann ist mein Beta Aaron mit seinem Vater Joris und das hier..."

Alpha Anton war aufgestanden und zu der Frau gegangen. Dann nahm er ihre Hand und blickte sie freundlich lächend an. „Das hier ist Sienna." Er führte sie zum Tisch und bot ihr galant einen Stuhl an, bevor er selbst wieder Platz nahm.

„Das ist die Sienna, die vor achzehn Jahren Luna Lisandra vom Silver-Rudel bei ihrer Flucht begleitet hatte."

Während er dies sagte, beobachtete er Hendrik genau. Doch dieser zuckte mit keiner Wimper. Hendrik und Sienna starrten sich an. Hendrik hatte sie erkannt. Sie war eine der Rudelmitglieder im Wölfinnen-Rudel. Auch Florian hatte die Frau erkannt und blickte fragend zwischen Sienna und Hendrik und Alpha Anton hin und her.

„Ihr kennt euch?", fragte Alpha Anton überrascht.

„Ja", nickte Sienna lächelnd. „Die beiden Herren waren vor ein paar Tagen noch Gefangene im Rudel der Wölfinnen."

Suche, Tonya!Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt