Sie hatten fast den ganzen Tag geschlafen. Erst am Nachmittag waren sie aufgewacht, saßen dann schweigend im Kreis zusammen und aßen sich satt an den Nahrungsmitteln in der Mitte, die die Wölfinnen ihnen mitgegeben hatten.
Plötzlich hoben sie lauschend die Köpfe. Sie hatten Geräusche auf der anderen Seite des Sees gehört. Max und Florian legten sich auf die Lauer und beobachteten das gegenüberliegende Ufer.
Tonya und Hendrik hatten sich auf der anderen Seite der Insel, dem Moor zugewandt, hingesetzt und beobachteten den Waldrand hinter dem Moor.
„Warum hast du das getan?", fragte Tonya schließlich leise.
„Was?", lächelte Hendrik sanft.
„Du hast dich einfach ergeben, ohne zu kämpfen", flüsterte Tonya.
„Ich würde niemals gegen dich kämpfen, Kleines", antwortete Hendrik ernst. „Ich würde mich nicht einmal gegen dich wehren, wenn du mein Leben bedrohen würdest."
„Warum?"
„Warum wohl?", fragte Hendrik zurück, drehte sich zu ihr um und strich ihr sanft eine freche Locke aus dem Gesicht. „Weil du meine Gefährtin bist. Und weil du vom ersten Augenblick an mein Herz erobert hattest."
„Du bist verrückt", murmelte sie. „Ich war doch ganz schön – bockig."
„Ja", kicherte er. „Es war nicht langweilig mit dir. Außerdem bin ich glücklich darüber, in dir eine sehr starke Gefährtin zu haben."
„Die dich vor allen brüskiert?"
„Die sich nicht versteckt und sich auch von meinem Vater nicht unterdrücken lässt."
Hendrik zog sie auf seinen Schoß und legte seine Arme fest um sie und Tonya ließ es zu.
„Ich wollte noch nie eine Gefährtin, die zu allem ja sagt, demütig ihren Kopf senkt und brav wie ein gut erzogenes Hündchen hinter mir herläuft", flüsterte er. „Ich wollte schon immer eine Gefährtin, die neben mir steht, nicht hinter mir. Aber ich freue mich, dass du jetzt ganz brav bist und ich dich umarmen darf." Seine Lippen näherten sich den ihren, stoppten aber kurz bevor. „Und ich wäre glücklich, wenn du weiterhin brav bist und ich dich endlich küssen darf."
‚Oh ja, oh ja', brüllte Yani.
„Schätze, wenn ich mich jetzt wehre, werde ich für den Rest meines Lebens mit meiner Wölfin Probleme haben", flüsterte Tonya.
„Danke Yani."
Hendrik grinste und endlich berührten sich ihre Lippen. Ganz vorsichtig und sanft zuerst, dann öffnete sich seine Lippen und seine Zunge streichelte sanft über ihre Lippen, geduldig wartend, bis auch sie sie öffnete und seiner Zunge Einlass gewährte.
Ohne dass sie sich voneinander lösten, drehte sich Tonya und nahm rittlings auf seinem Schoß Platz. Ihre Arme legten sich um ihn. Sie vergrub eine Hand in seinen Haaren, während die andere Hand über seine breiten Schultern, seinen muskulösen Rücken und seinem starken Oberarm streichelte. Er schlang seine Arme zunächst fest um ihren Oberkörper, dann wanderte die eine Hand zu ihrem Hinterkopf und die andere langsam ihren Rücken entlang zu ihrem Po.
So saßen sie da, fest umschlungen, ihre Lippen aufeinandergepresst, wie Ertrinkende und ihre Wölfe Yani und Rex schnurrten zufrieden.
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Ein trüber, dunkler, eigenartiger Tag neigte sich dem Ende zu. Schweigend hatten sie ihre Bündel geschnürrt und die kleine Insel verlassen. Auch wenn zwischen ihnen keine Worte fielen, so spürten sie trotzdem eine tiefe Verbundenheit, eine Verbundenheit, die Stille und Schweigen ertragen konnte.
Tonya hatte die Männer nicht nur aus dem Moor herausgeführt, sondern auch noch ein Stück begleitet. Schließlich blieb sie stehen.
„Ihr müsst los", sagte sie leise und konnte die Trauer in ihrer Stimme dabei nicht ganz unterdrücken.
Florian, der direkt neben ihr stand, nahm vorsichtig ihre Hände, küsste sie leicht und legte dann seine Stirn darauf.
„Die Mondgöttin möge deinen Weg weiterhin segnen, Luna Tonya", sagte er leise. „Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen werden."
Tonya umarmte ihn kurz. „Pass auf den Großen hier auf", grinste sie leicht und Hendrik verdrehte die Augen und tat so, als habe er nichts gehört. „Versprich mir das."
„Ich schwöre dir bei meinem Leben, dass ich stets seinen Rücken sichern werde."
„Danke. Florian."
Max hatte sich Tonya zugewandt und hielt ihr seine Hände entgegen. Vertrauensvoll legte sie ihre Hände in die seine und ließ sich von ihm in seine Arme ziehen.
„Weißt du", murmelte er. „Irgendwie macht jetzt vieles Sinn. Du warst immer schon – anders. Anders als wir Burmänner und das nicht nur, weil du ein Mädchen bist. Du warst schon immer – eigen. Wir Burmänner sind durchaus stark und auch ein bisschen stolz und durchaus auch etwas stur, aber du legst bei allem noch ne Schippe drauf. Jetzt ist mir auch klar warum."
Sanft streichelte er ihren Rücken und ihren Kopf.
„Aber egal. Es ist schwer um jemanden zu trauern, den man niemals kennengelernt hatte. Aber dich kenne ich. Du warst schon immer meine kleine Schwester und du wirst auch immer meine kleine Schwester Tonya bleiben. Pass auf dich auf. Versprich mir das."
Tonya nickte nur, dann suchten ihre Augen Hendrik. Langsam ging sie auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen.
„Vielleicht sollten wir uns doch...", flüsterte er und schnell legte Tonya ihre Hand auf seinen Mund und schüttelte den Kopf.
Sie legte ihre Kleidung ab und verwandelte sich. Hendrik band ihr ihr Bündel auf den Rücken, kraulte die rote Wölfin noch einmal hinter den Ohren und ließ zu, dass sie ihm sanft über die Wange leckte.
„Pass auf dich auf", flüsterte er, dann stand er auf.
Die Wölfin ließ ein leises fiependes Wimmern hören, drehte sich um und verschwand im Wald.
Fast widerwillig machten sich die Männer auf den Weg nach Hause, gedankenverloren und schweigend.
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Suche, Tonya!
Hombres LoboWas war bei ihrer Geburt wirklich geschehen? Warum hatte ausgerechnet sie diesen Talisman erhalten? Warum hatte sie das Gefühl, dieser Mondstein bedeutete etwas? So viele Fragen und keine Antwort darauf. Tonya wollte sich nicht einfach so unterordne...
