Kapitel 43

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Pablo

Am Tag nach der Schießerei

Ich saß in meinem Arbeitszimmer, auf meinem Schreibtischstuhl. Mit meinem Mittel- und Zeigefinger drehte ich einen Kugelschreiber, um meine Nerven zu beruhigen.

Ich konnte nicht beurteilen, was mich am meisten wütend machte. Rasend vor Zorn.

Dass mein neuer Geschäftspartner vor meinen Augen erschossen wurde, ich gleich fast mit. Mir meine Knochen wehtaten, durch die Bar, gegen die ich geknallt war, um den Schüssen auszuweichen. Oder meine Ehefrau, dessen neues Hobby es war in meinem Büro zu schnüffeln.

Sie glaubte ernsthaft, ich ließ es unbeaufsichtigt. Ich war der gefährlichste Mann Mexikos. Da war ich sicher nicht so dumm und ließ wichtige Unterlagen für jeden zugänglich liegen.

Aber abschließen kam für mich nicht in Frage. Wenn saubergemacht wurde, wollte ich nicht bei der Arbeit gestört werden. Außerdem war es viel praktischer, zu sehen, ob jemand heimlich in mein Arbeitszimmer ging, wenn es mit versteckten Kameras überwacht wurde. Wenn jemand von außen versuchte reinzukommen und die Tür abgeschlossen war, hieß es noch lange nichts.

Doch, dass es meine eigene Ehefrau war, die herumschnüffelte, damit hatte ich nicht gerechnet.

Zum wiederholten Male starrte ich auf meinem Laptop vor meiner Nase. Diesmal schaffte ich es, mir den Text durchzulesen. Ich sträubte mich davor, nur konnte es nicht ewig so weitergehen.

Kiara Juana Hernández:

Geburtsdatum: 17.10.2023

Staatsangehörigkeit: US-Amerikanerin

Nationalität: US-amerikanisch, Spanisch, Französisch

Geburtsort: New York

Wohnort: Long Island

Ausbildung: Horace Mann School und University of California, Berkeley

Leibliche Eltern: Alvaro Miguel Hernández und Andrea Morel.

Adoptiveltern: Iván Ramiro Hernández und Sarina Rosalina Hernández.

Mir blieb das Herz stehen. »Was ist los?«, wollte Juan wissen. »Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen«, fuhr er belustigt fort.

Ich schaute vom Laptop auf. Mit einem dicken Kloß im Hals sagte ich: »Iván Hernández.« Mehr brachte ich nicht hervor. Meine Kehle fühlte sich eng an und brannte. Er runzelte die Stirn. »Was ist mit ihm? Ich erinnere mich nicht, dass wir ein Problem mit ihm haben«

»Er ist Kiaras Vater. Adoptivvater. Ihr leiblicher Vater ist nicht nur ein paar Wochen vorher gestorben, sondern auch Iváns Bruder«, erklärte ich ihm.

Iván Hernández, ein Mann, der noch mächtiger und gefährlicher war als ich, war der Vater meiner Frau.

Juan drehte schweigend den Laptop zu sich. Ich ließ ihn machen. Ich hatte keine Kraft, überhaupt irgendetwas zu machen.

Es verging ein Moment, der still verlief, als Juan plötzlich sagte: »Heilige Scheiße!« Seine Augen wurden so groß wie Untertassen. So schaute er zu mir. »Ich habe noch etwas herausgefunden. Soll ich es dir verschweigen, dich anlügen oder dir die Wahrheit sagen?«

Ich deutete ihm mit einer Handbewegung an, mir den Scheiß zu zeigen. Er drehte den Laptop wieder zu mir.

Auf dem Display war ein rangezoomtes Bild von Gonzalez zu sehen. Ich kannte den Mann, seitdem ich klein war. Auf dem Bild war er deutlich jünger als jetzt.

Wieso zeigte mir Juan ein Bild von ihm? Für mich ergab es keinen Sinn. Ja, Kiara hatte sich als wir bei Roldán und Roja waren mit Gonzalez unterhalten, aber es hatte nicht so auf mich gewirkt, als würden sie sich kennen.

Mal ganz davon abgesehen wusste ich, dass er vor ca. 30 Jahren durch einen Unfall sein Gedächtnis verloren hatte und dadurch abgeschottet lebte.

»Was soll ich damit?«, fragte ich verwirrt. »Schau dir das ganze Foto an«, trug er mir auf. Ich machte, was er sagte, und vergrößerte das Foto.

Augenblicklich wurde mir speiübel. »Du verarschst mich«, sagte ich ungläubig. Mein bester Freund schüttelte den Kopf. »Es ist echt.«

Als wären seine Worte nicht schon schlimm genug, warf er mir allen Ernstes einen mitleidigen Blick zu.

Ohne ein Wort zu verlieren, griff ich nach dem Whisky auf meinem Schreibtisch. Ich schraubte den Deckel auf und trank aus der Flasche, anstatt ein Glas zu benutzen.

Das durfte alles nicht wahr sein!

Ich sah direkt in das Gesicht meiner Mutter. Ihr schwarzes Haar war zu einer Hochsteckfrisur gestylt, auf ihren dunkelroten Lippen lag ein Lächeln und ihr Körper war von einem weißen Kleid umhüllt. Einem Hochzeitskleid.

Gonzales, nein Alvaro – wie auch immer – und meine Mutter waren verheiratet. Das hieß im Umkehrschluss, Kiara war nicht nur meine Ehefrau, sondern auch meine ... Stiefschwester.

Ich schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. »Das ist doch alles ein Scherz!«, knurrte ich verzweifelt.

Ich steckte in einem Albtraum fest. Ich träumte nur. So musste es sein. Als ich Kiara kennengelernt hatte, hatte ich sie überprüft und nichts Auffälliges gefunden. Und jetzt das.

Juan wollte sie nochmal überprüfen. Diesmal war er es selbst. Er war gut darin. Wäre er von Anfang an derjenige gewesen, der Kiara überprüfte, wäre es nie so weit gekommen.

»Wieso?«, fragte ich, obwohl ich wusste, dass er mir darauf nicht antworten konnte.

»Vielleicht ist vor 29 Jahren irgendetwas vorgefallen. Es würde Sinn ergeben. Alvaro wurde angeblich ermordet. Wie wir jetzt wissen hat er die ganze Zeit über in der Nähe Roldán und Roja gelebt. Nebenbei bemerkt den Personen, mit denen er nur Kontakt hat oder eher hatte. Dann noch deine Mutter. Du willst es nicht hören, aber sie muss etwas damit zu tun haben. Sie hat dich als Kleinkind zu dem Bruder deines Vaters gegeben und hat den Sohn des Feindes geheiratet. Das kann doch kein Zufall sein. Das alles ist viel größer, als du denkst. Aber wieso Kiara nach all den Jahren nach Mexiko kommt, zu dir, was ganz offensichtlich geplant war, ist mir ein Rätsel.«

Ich wollte mir nicht eingestehen, dass er recht hatte, aber ich musste. Ich musste der Wahrheit ins Auge sehen. Und es verursachte mir den größten Schmerz, den ich kannte.

Meine Ehefrau liebte mich nicht. Sie war nur mit mir zusammen, weil sie etwas geplant hatte. Kiara war eine hinterhältige Schlange. Ich hatte ihr vertraut, an Orte mitgenommen, zu denen ich niemanden brachte und ihr die Kette meiner Mutter geschenkt.

Was bekam ich dafür, die Tochter des Feindes. Denn auch wenn Iván Hernández und ich nicht im Krieg miteinander standen, Feinde waren wir dennoch. Spätestens jetzt wo ich wusste, dass seine hinterhältige Tochter etwas im Schulde führte.

Sie war zu mir gekommen, um mich zu vernichten. Doch dazu würde es nicht kommen, denn ich würde sie zuerst vernichten.

Sie hatte mir das Herz gebrochen. Jetzt würde ich ihr das Herz brechen. Und sie würde hundert Mal mehr leiden:

Du wirst um Gnade flehen, aber keine bekommen. Das verspreche ich dir, Kiara Ortega!

KIARA - Wenn Rache süß istWo Geschichten leben. Entdecke jetzt