Mit jedem Schritt, den sie sich von ihm entfernt, wird auch die Aufmerksamkeit der restlichen Insassen weniger, bis Harry schließlich wieder ganz alleine inmitten des Aufenthaltsraum steht. Er blickt dem dunkelroten Haarschopf, der von zwei starken Männern begleitet wird, nach und starrt danach auf die Tür, durch die sie aus seiner Sicht verschwindet. Völlig perplex von der Begegnung ist er erstarrt und muss sich davon abhalten, zu sehr in die Erinnerungen an sie zu verschwinden.
Niemals hätte er gedacht, sie wieder zu sehen. Wobei im Nachhinein betrachtet hat er auch niemals gedacht, dass er in ein Gefängnis gesteckt werden würde. Ihre Verhaftung direkt vor seinen Augen fühlt sich an, als wäre sie erst vor wenigen Tagen geschehen, nicht vor drei Jahren. Er kann sich noch genau erinnern, wie die Polizisten ihn nicht entdeckt haben, wie er weggerannt ist und hinter sich ihre mehr als wütende Stimme gehört hat: „Ich werde höchstpersönlich dafür sorgen, dass du bereuen wirst, dass du mich im Stich lässt! Du sollst elendig verrecken, Harry Styles, das verspreche ich dir!"
Jetzt befindet sie sich im gleichen Gefängnis wie er.
Ob dies reiner Zufall ist, oder sie es doch irgendwie geschafft hat, dafür zu sorgen, dass er hier seine Zeit mit ihr gemeinsam absitzen muss, weiß er nicht. Dennoch tippt er auf Letzteres, denn sie hat noch nie ein Versprochen gebrochen. Auch nicht, wenn sie geschworen hat, dass sie die angebliche Liebe ihres Lebens elendig verrecken lässt.
„Alle in einer Reihe in die Cafeteria, jetzt sofort!", ertönt eine laute, streng klingende Stimme und reißt Harry somit aus seinen Gedanken. Durch die plötzliche Lautstärke zuckt er erschrocken zusammen und blinzelt mehrmals heftig. Er sieht zu, wie die anderen Insassen sich hintereinander aufstellen und sich langsam aus dem Aufenthaltsraum bewegen. Um nicht zu provozieren, dass ein Wärter ihn gleich am ersten Tag anschreit oder sogar etwas Schlimmeres macht, eilt Harry an das Ende der Schlange. Er fährt sich gestresst durch die Haare und setzt einen Fuß vor den anderen, bedacht darauf, dass er der Frau vor ihm nicht allzu nahekommt. Denn diese hat ihm ziemlich schnell verständlich gemacht, dass er sich lieber nicht mit ihr anlegen sollte, indem sie kurz eine Faust erhoben hat und gezischt hat: „Wenn du mich berührst, bist du tot."
Innerhalb einer halben Ewigkeit, wie es Harry vorkommt, kommt auch er endlich in der Cafeteria an und nimmt sich ein Tablett, das ihm von einer alten, grimmigen Frau vor die Nase gehalten wurde. Angewidert verzieht er das Gesicht bei dem Anblick von undefinierbarer Schleim-Masse. Früher hat er sich immer darüber lustig gemacht, wie ekelig das Gefängnisessen in Filmen, Serien oder Dokumentationen aussieht. Jetzt muss er sich davon ernähren, was ein ziemlicher Kontrast zu dem fünfgängigen Menü ist, das er erst vorgestern zu sich genommen hat.
„Gibt es ein Problem mit dem Essen?", fragt die Dame ihn mehr oder weniger höflich und lehnt sie leicht nach vorne über die Glasscheibe, die sie voneinander trennt. Schnell schüttelt Harry den Kopf und kneift die Augen zusammen, um auch ohne die Brille, die er normalerweise für die Nähe benötigt, das Namensschild lesen zu können.
Mit einem charmanten Lächeln auf seinen Lippen lässt er die Frau wissen: „Das haben Sie wundervoll gekocht, Frau Tarassow." „Lüg mich nicht an, Bürschchen. Wir beide wissen, dass dieser Fraß für Schweine geeignet ist, nicht für Menschen.", zischt sie und zieht sich das Netz von ihren Haaren, die scheinbar vor einiger Zeit orange gefärbt wurden und dadurch der graue Ansatz deutlich sichtbar ist.
„Aber du bist mir sympathisch, Bürschchen.", lächelt Frau Tarassow ihn an, Falten werden in ihrem rundlichen Gesicht sichtbar. Schnell greift sie unter die Theke und zieht einen kleinen Becher mit gelblicher Masse hervor. Während sie diesen auf Harrys Tablett stellt, erklärt sie ihm: „Hier hast du einen Vanillepudding. Ist zwar keiner von einem Restaurant, aber besser als gar nichts. Wie du vorher dieser vorlauten Göre Konter gegeben hast, war echt mutig von dir."
Stumm bedankt der Mann sich mit einem Nicken, bevor er mit schnellen Schritten den Saal durchquert. Sein Ziel ist ein Tisch in der hintersten Ecke, der noch unbesetzt ist. Erleichtert, dass ihm kein gruseliger, angsteinflößender Insasse Gesellschaft leistet, während Harry das ekelhafte Abendessen zu sich nimmt, lässt er sich mit einem dumpfen Knall auf den Plastikhocker fallen. Er stochert ohne jeglichen Hunger in der Masse direkt vor ihm mit einer Gabel herum, überlegend, ob er wirklich essen soll. Sein Magen ist ziemlich empfindlich und die Gefahr, dass er sich von dem Essen übergeben muss, ist relativ hoch.
Seine Ruhe, alleine mit der undefinierbaren Schleim-Masse sowie dem Vanillepudding, dem er sich nun widmet, vor ihm, wird zerstört, als mehrere Tabletts auf den Tisch geknallt werden. Harry sieht von seinem Teller auf und erblickt drei Frauen, die ihn neugierig anstarren, während sie sich um ihn herum hinsetzen.
„Du bist also der Neue, von dem das ganze Gefängnis redet. Ich heiße übrigens Samira.", begrüßt eine dunkelhäutige Frau. Ihre Haare wurden vor einiger Zeit abrasiert und der dicke, graue Pullover verschluckt beinahe ihren schmalen, kleinen Körper. Sie hat direkt gegenüber von Harry Platz genommen und lässt ihren Blick über seinen Körper wandern.
Eine andere Unbekannte, die mit ihrer blassen Haut sowie den langen, blonden Haaren das komplette Gegenteil von Samira ist, lässt sich rechts neben dem Mann nieder. Ihre langen Beine sind abgewinkelt und ihr Rücken gerundet, scheinbar, um ihre Größe zu vertuschen. Höflich lächelnd fügt sie hinzu: „Harry Styles, nicht wahr? Ich bin Alice."
„Schön, euch kennenzulernen. Aber wenn ihr vorhabt, mir auch nur in irgendeiner Hinsicht Schaden zuzufügen, würde ich an eurer Stelle sofort wieder verschwinden.", murmelt Harry und senkt seinen Blick wieder auf das Essen vor sich. Während er seinen Plastiklöffel in den Vanillepudding geht ein Lachen durch die Runde und aus dem Augenwinkel sieht er, wie sich die dritte Frau ihre Hände abwehrend neben das Gesicht hält. Breit grinsend bemerkt sie: „Keine Panik, Lockenkopf. Im Gegensatz zu den anderen hören wir nicht auf das, was die allmächtige Anführerin sagt. Du kannst mich übrigens Tessa nennen."
Abrupt dreht Harry sich zu der Frau mit den orangenen Haaren und der verschmierten Wimperntusche und fragt vorsichtig nach: „Meinst du Maya? Was sagt sie denn über mich?"
„Genau die.", antwortet Tessa und sticht in das Essen vor sich. Sie nimmt dieses in den Mund und fügt kauend sowie schmatzend hinzu: „Egal, was du ihr angetan hast, sie ist sehr wütend auf dich."
„Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, als von einem süßen Lockenkopf mit grünen Augen die Rede war. Sie hatte sofort dieses mörderische Funkeln in ihren Augen und hätte Tarassow fast ein Plastikmesser in die Hand gesteckt, weil sie Maya etwas Moral näherbringen wollte. An deiner Stelle würde ich sehr vorsichtig sein.", setzt Samira fort und blickt sich schnell um, wahrscheinlich aus Angst, dass einer von Mayas Handlangern sie gehört hat.
Harry sieht, wie die dritte im Bunde, Alice, heftig nickt und anschließend nachforscht: „Lass uns doch einmal etwas teilhaben an deiner Vergangenheit mit dieser Tyrannin. Wieso genau ist sie böse auf dich?"
Seufzend stochert Harry weiterhin in seinem Essen herum und starrt auf dieses. Emotionslos erklärt er ihnen: „Maya und ich hatten eine sehr ... spezielle Beziehung zueinander. Wir haben sehr viel Blödsinn miteinander gemacht, von Betrügen in Kasinos bis hin zu Drogenhandel. Irgendwann hat uns die Polizei erwischt, ich konnte wie durch ein Wunder fliehen und habe sie zurückgelassen. Wahrscheinlich hasst sie mich deswegen."
Gebannt hören die Frauen ihm zu, hängen ihm förmlich an den Lippen. Doch schließlich schüttelt Harry seinen Kopf, um die Erinnerungen an sie zu verdrängen und er steckt sich einen weiteren Bissen des Puddings in den Mund. Er wird aus seinem stummen Essen herausgerissen, als plötzlich ein Paket, eingepackt mit einer weißen Serviette vor ihm auf den Tisch geworfen wird.
Neugierig, jedoch mit einer gewissen Vorsicht, öffnet Harry das Päckchen und starrt schließlich auf den Inhalt, was sich als Leiche irgendeines kleinen Nagetiers herausstellt. Er versucht, dem Drang, sich zu übergeben, zu widerstehen und ruft entrüstet: „Was soll das?"
Eine eiskalte Hand legt sich auf seine Schulter, wodurch er sein Gesicht nach links wendet. Sein Blick bleibt dennoch auf dem Packet hängen, sogar, als sich weiche Lippen auf seine Wangen legen. Maya klopft ihm auf die Schulter und flüstert, bevor sie sich schnell wieder vom Tisch entfernt: „Betrachte es als Willkommensgeschenk."
DU LIEST GERADE
Prison / h.s
FanfictionHarry hat sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen. In dieser Zeit war er auf der Flucht vor dem Rechtsstaat, den illegalen Geschäften, in die er von ihr hineingezogen wurde, und vor allem vor seiner Vergangenheit mit ihr. Nach all er der Zeit hat e...
