Eine Nacht voller Tränen

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Stille. Absolute Stille lag über dem Wald. Sogar die Schreie und das Brüllen vom Dorf waren verklungen. 

Unsere gesamte Truppe saß schweigend auf dem provisorischen Lager, in Trauer gehüllt. Manila und ich hielten einander immer noch fest umklammert, die Tränen waren mittlerweile versiegt.
Linnea lag nach wie vor auf dem Boden, doch sie schluchzte nicht mehr. Nachdem ich mich vorsichtig von meiner Freundin gelöst hatte, bemerkte ich, dass die Norwegerin schlief.
Ich warf einen Blick auf Fili. Er kauerte zusammengesunken auf einer Decke, das Gesicht zu einer undurchdringlichen Eismiene verzogen.
„Sollten wir Kili nicht suchen gehen?", fragte ich mit krächzender Stimme. „Er ist schon so lange weg. Ich... ich mache mir Sorgen..."
Der junge Thronfolger nickte stumm. „Ich gehe.", sagte er, sprang auf und wollte geradewegs losstiefeln, als ich ihm „Fili, warte!" hinterher rief.
„Ich komme mit."
Eilige raffte ich meinen Umhang auf und hetzte dem Zwerg nach.
„Ja, wahrscheinlich ist das eine gute Idee.", murmelte er. „Ich glaube, in deiner Gegenwart wird er sich schneller wieder beruhigen..."
Während ich neben ihm tiefer in den Wald hineinlief, versuchte ich, mir auf diesen letzten Satz nicht allzu viel einzubilden. Trotzdem, so recht wusste ich nicht, wie ich darüber denken sollte. Wir liefen ein ganzes Stück, ohne ein Wort zu sagen, bis wir eine kleine Lichtung erreichten.
Ich erschrak ein bisschen, als wir zwischen den Bäumen hervor auf das Fleckchen Gras traten – Kili saß an einen Baum gelehnt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht in den Händen vergraben. Er sah so hoffnungslos aus. Ich wusste nicht recht, was ich tun sollte und blieb für einen Moment stehen, doch dann spürte ich, wie Fili mich vorsichtig in Richtung seines Bruders schob. Langsam schritt ich über die Lichtung und setzte mich einfach neben Kili auf den Boden.
Es gab nichts zu sagen, also schwiegen wir. Minutenlang.
Endlich, eine gefühlte Ewigkeit später, hob der Jüngere der beiden den Kopf und guckte mich eine ganze Weile an.
„Geht's besser?", fragte ich leise. Kili schüttelte den Kopf.
„Weißt du, wie sich das anfühlt?", begann er und ich zuckte beim Klang seiner brüchigen Stimme zusammen. „Ich fühle mich so... so schuldig... Ethan ist schon der Zweite, der auf dieser Reise sein Leben lässt. Womit haben wir das verdient? Wir sind von den Blauen Bergen bis zum Erebor marschiert, ohne einen einzigen unserer Gefährten zu verlieren und jetzt, auf fast derselben Strecke stirbt einer nach dem anderen...
Thorin hatte Recht. Wir sind zu jung, zu unerfahren, um eine derartige Verantwortung zu tragen. Die Bedenken der Truppe scheinen nur richtig zu sein..."
„Kili, bitte, sag so etwas nicht! Jetzt hör mir mal zu! Du und Fili, ihr seid die besten Reisegefährten, die wir kriegen konnten und das sage ich nicht nur, weil ihr beiden schon immer meine Lieblingsfiguren aus den Mittelerde-Geschichten wart, sondern weil ich es wirklich glaube, seit ich euch beide kennengelernt habe! Euch beide. Trifft. Keine. Schuld. Denk doch mal nach! Alex ist in einem Angriff gestorben, bei dem wir unseren Feinden deutlich unterlegen waren, noch dazu hätte Ethan den Tod verhindern können. Und der hat sich seitdem nichts weiter gewünscht, als zu sterben. Was hättet ihr jetzt, in diesem Chaos, tun können? Du bist nicht schuld!"
„Ja?" Der junge Zwerg sah mich schmerzerfüllt an. „Weißt du, wie Ethan gestorben ist? Kannst du mit Gewissheit sagen, dass wir es nicht hätten verhindern können? – Nein, KANNST DU NICHT!"
Ich zuckte zusammen. Valar – so hatte ich ihn wahrhaft noch nie erlebt. Es machte mir Angst.
Als Kili mein erschrockenes Gesicht sah, schien die Wut aber auf einmal von ihm abzufallen.
„Oh Lúthien..." Er legte mir die Hände auf die Schultern. „Bitte verzeih' mir, es tut mir leid. Ich... ach, ich Tölpel, ich sollte dich nicht anschreien..."
„Schon in Ordnung, ich verstehe dich.", gab ich mit erstickter Stimme zurück.
Und dann - ich wusste nicht, wieso es passierte, es kam mir so albern, kindisch und zu diesem Zeitpunkt völlig unangebracht vor – fing ich auf einmal an, fürchterlich zu weinen. Es kam von innen heraus, all der Schmerz darüber, Ethan verloren zu haben, all die Angst der letzten Monate, brach über mir zusammen. Die Tränen liefen unaufhörlich und ich rang schluchzend nach Atem.
Unterbewusst spürte ich zwei starke Arme um mich geschlungen, weiches Mantelfell an meiner Wange, das kontinuierliche Streicheln über Haare und Rücken, einige sanfte, beruhigende Worte...
Es war eine seltsame Situation – wir saßen nur da, ich heulend, Kili streichelnd, sein Bruder besorgt guckend – doch in diesem Moment spürten wir alle diese starke Verbundenheit, die zwischen uns entstanden war.
Nach einer Weile – ich hatte die Zeit schon vergessen – schob Kili mich wieder ein Stück von sich weg, sah mich an und fragte: „Geht's dir besser?"
Ich nickte schniefend. „Tut mir leid. Ich... ich konnte plötzlich nicht mehr anders..."
„Schon in Ordnung. Es war eine harte Nacht." Vorsichtig, fast verstohlen, wischte er mir eine Träne von der Wange, dann zog er mich auf die Beine.
„Kommt. Sonst sorgen sich die anderen noch..."
Ich schluckte. Jetzt würden bestimmt alle wissen wollen, wie Ethan zu Tode gekommen war.
Na wunderbar. Eigentlich konnte ich mir das Tränen trocknen sparen.
Missmutig stapften wir zurück zu den anderen. Mittlerweile war Linnea aufgewacht und saß mit verquollenen Augen inmitten unserer Truppe. Ein paar von ihnen lächelten uns traurig entgegen, als wir zwischen den Bäumen hervortraten und uns zu ihnen setzten.
Die Zwergenbrüder sahen die Norwegerin an. „Kannst du uns nun von Ethans Tod berichten?", bat Fili. Linnea biss sich auf die Lippe und nickte schließlich. Dann begann sie, mit stockender Stimme zu erzählen:
„Ethan und ich... Wir wurden von euch getrennt, als das erste Haus direkt vor uns einstürzte. Vielleicht erinnert ihr euch, wir sind alle in unterschiedliche Richtungen gelaufen, weil die Trümmer überall herumflogen.
Wir rannten ein Stück Richtung Süden, weil ich dachte, dass wir den Trollen auf diese Weise entkommen könnten, aber es half nichts. Auf dem Weg zum Tor ist Ethan immer komischer geworden. Er schaute sich ständig um und machte ein seltsames Gesicht. Es sah aus wie... wie als ob er krampfhaft versuchen würde, sich an etwas Bestimmtes zu erinnern..."
Manila und ich tauschten einen wissenden Blick. Ithilias Zauber hatte anscheinend seine Wirkung gezeigt. Vorerst.
„Irgendwann..." Linneas Augen wurden glasig. „...sind wir um eine Ecke gebogen und... und auf einmal stand ein Troll vor uns! Doch Ethan ist nicht weiter gerannt. Ich bin schon in die nächste Straße gelaufen und hab ihm zugerufen, dass er abhauen soll. Er... er ist einfach stehengeblieben und... ich glaub, in diesem Moment hat er sich erinnert." Die ersten Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Er ... hat einfach zugesehen, wie dieses Ungeheuer die Keule hob und nach ihm sch-sch-schlug..." Die blonde Norwegerin schluchzte auf und Manila nahm sie kurz in den Arm.
„Und dann... ist er meterweit durch die Luft geflogen... Dieses Vieh musste eine ungeheure Kraft haben. Aber als er auf den Boden aufgeschlagen ist, hat er sich plötzlich ... nicht mehr bewegt..." Erneutes Schluchzen.
„Ich... ich bin zu ihm gerannt und... habe gesehen, dass er auch nicht mehr atmete. Ich wollte ihn da wegziehen, ihn mitnehmen, aber... ich habe es nicht geschafft... Dann kam auch noch der Troll und machte Anstalten, auf mich losgehen. Ich... ich konnte nur weglaufen. Jetzt liegt er immer noch da... Oder diese Biester haben ihn schon gefressen!" Linnea stieß einen gequälten Laut aus und vergrub ihr tränennasses Gesicht in Manilas Umhang.
„Es tut mir so leid.", wimmerte sie.
Valar, dies war eine schreckliche Szene. Ich spürte, wie auch mir das Wasser nur so über die Wangen lief und ich dabei schon wieder heimlich einen gewissen Runenstein umklammerte.
„Du kannst nichts dafür.", sagte ich (schon zum zweiten Mal heute) zu Linnea. „Man kann einen Menschen kaum vor sich selbst beschützen."
„Ja, aber deswegen wird er noch nicht einmal so etwas wie eine Grabstelle haben.", schniefte die blonde Frau.
„Mag sein. Aber wenigstens hast du dein eigenes Leben gerettet.", wandte Fili ein. „Sonst müssten wir jetzt zwei Tote beklagen." Das zauberte der Norwegerin wenigstens ein kleines Lächeln ins Gesicht.
Eine Weile schwiegen wir nur. Einige weinten, darunter auch Manila. Es gab nichts zu sagen. In uns machte sich nur dieses grausame Gefühl der Leere breit. Schon wieder hatte einer unserer Gefährten sein Leben für diese Reise lassen müssen.
In diesem Moment fragte ich mich, wie viele Leute wohl jedes Jahr durch das Ardatravel-Projekt starben. Ethan und Alex konnten ja wohl kaum die Ersten sein. Jetzt wurde mir durchaus bewusst, wieso die Reisegesellschaft Wert darauf legte, möglichst nicht allzu bekannt zu werden. So ganz legal war das alles garantiert nicht.

„Wir können hier nicht ewig bleiben.", murmelte Kili irgendwann, mehr zu sich selbst als zu uns. „Es dämmert schon."
„Du hast Recht.", pflichtete sein Bruder bei. „Lasst uns aufbrechen. Wir müssen so schnell, wie es geht, Bruchtal erreichen, bevor uns noch einmal solche Kreaturen über den Weg laufen. Außerdem benötigen wir den Rat von Herrn Elrond. Diese Gegend scheint nicht mehr sicher vor den Trollen zu sein und irgendwer muss sich darum kümmern."
Lustlos sammelten wir unsere Sachen zusammen und machten uns auf den Weg, der aufgehenden Sonne entgegen.
Die große Oststraße war recht belebt und wir trafen auf viele Einwohner von Bree. Sie flüchteten gen Osten. Manche ließen verlauten, dass sie auf der Suche nach den Waldläufern seien, um diese um Hilfe zu bitten, andere waren fest entschlossen, nach Bruchtal zu gehen und direkt mit Herrn Elrond zu reden. Der Versuch, sie davon abzubringen, die Elbensiedlung zu überrennen, schien zwecklos. Die Menschen waren verängstigt und brauchten eine Zuflucht. Und obwohl der Weg nach Imladris mehrere Tage in Anspruch nahm, hatten viele entschieden, ihn zu gehen und bei den Elben Schutz und Unterkunft zu erbitten.
Kili trieb uns ziemlich zur Eile an. Die meisten der flüchtenden Breeländer waren verletzt und er fürchtete, dass die Elbenheiler keine Zeit für mich aufbringen würden, so lange sie sich um die vielen Menschen kümmerten.
Seine Führsorge rührte mich, denn ich spürte gleichzeitig, dass er über den Tod von Ethan noch nicht ganz hinweg gekommen war.
„Erzähl mir, was passiert ist, bevor du ohnmächtig wurdest.", bat er am dritten Tag unserer Wanderung nach Osten.
Verwundert sah ich ihn an.
„Das habe ich doch schon. Ich bekam ganz plötzlich Schmerzen, wie im Traum, und bin umgekippt. Nur habe ich nicht geträumt. Die Schmerzen benebelten mich, aber ich bin noch eine Weile bei Bewusstsein geblieben und habe nach Manila geschrien. Erst als der Troll dann vor mir stand, wurde ich ohnmächtig."
„Ist das schon einmal auf diese Weise passiert?"
„Nicht, während ich wach war, nein."
„Wir müssen mit den Elben reden.", antwortete Kili bestimmt. „Es wird schlimmer, nicht wahr?" Ich nickte betreten.

Ein paar Tage später erreichten wir schließlich die große Ebene wieder, auf der die Verfolgungsjagd mit Radagast stattgefunden hatte. Wir fanden sie leergefegt vor.
„Kennen die Menschen diesen Weg nach Bruchtal nicht?", fragte Manila erstaunt, während wir uns auf die Suche nach dem Eingang zur Schlucht machten.
„Nein.", knurrte Fili. „Aber sie sind verzweifelt, also werden sie totsicher einen anderen Weg finden."
„Gibt es denn noch andere?", fragte ich und fasste mir an den Kopf. Ich glaubte, schon wieder leichten Schwindel zu verspüren.
„Wer weiß das schon? Wir kennen nur diesen einen, aber das wird wohl kaum der Einzige sein..."
Missmutig stapfte ich weiter. Obwohl es eiskalt war, strahlte mir die Sonne unangenehm auf meinen benebelten Kopf und für einen kurzen Moment wankte ich etwas desorientiert über ein flaches Felsplateau.
„Geht es dir gut?" Fili sah mich verwirrt an. Ich nickte nur schnell und beeilte mich, der Gruppe zu folgen.
Wir suchten fast einen halben Tag, bis Will die Schlucht endlich fand (Wenn auch eher durch Zufall. Er stolperte und fiel hinunter.).
Der Abend senkte sich schon über Mittelerde. Ganz unten zwischen den Felswänden war es so dunkel, dass man die Hand vor Augen fast nicht mehr sah.
Eilig schritt ich voran. Diese Enge wirkte sich grässlich auf mein angeschlagenes Gleichgewicht aus, zweimal war ich schon fast hingefallen.
Endlich passierten wir das Ende der Schlucht und konnten auf die Elbensiedlung herunter blicken. Unzählige Lichter blitzten in der Dämmerung zu uns hinauf und erleuchteten den Weg.
Wir stiegen die Treppen herab ins Tal, überquerten die Brücke und standen nach einigen ereignisreichen Wochen wieder auf dem Vorplatz von Imladris.
Eine große Gestalt in einem langen, hellen Kleid erwartete uns. Ihr silberblondes Haar glänzte mit dem Mond um die Wette.
„Ithilia." Linnea lächelte der Elbin müde entgegen. „Ihr seid schon wieder hier."
„Nur ich bin zurückgekehrt.", entgegnete die Unsterbliche ruhig.
„Wie? Was soll das heißen?" Sofort entstand ein nervöses Gemurmel.
„Eldor ist noch unterwegs... Wir haben einen eurer Verschollenen gefunden und ich geleitete ihn hierher zurück. Mein Gefährte sucht unterdessen einen weiteren. Die letzten Zwei..."
Plötzlich keuchte ich erschrocken auf, dann stieß ich einen Schrei aus. Mein Arm – er ... er fühlte sich an, als wäre er erfroren, als würde er gerade zu Eis erstarren. Mein Körper – die Kälte griff auf ihn über und nahm mir die Kontrolle.
Ich würde erst viel später erfahren, was mit den letzten der beiden Reisenden geschehen war, denn im nächsten Moment klappte ich zusammen, schlug unsanft auf die elbischen Pflaster auf und verlor mich in der Dunkelheit.

Ardatravel - Die Reise nach MittelerdeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt