Lucy
Die Dunkelheit wich wie ein schwarzes Tuch, das mir jemand ganz plötzlich vom Gesicht zog. Ich wusste nicht, ob das ein gutes Zeichen sein konnte, nach allem, was in dieser Nacht passiert war.
Von einem Moment auf den nächsten saß ich kerzengerade im Bett und blinzelte vorsichtig. Trotz des dämmerigen Lichts, das mir entgegen schlug, brummte mein Schädel. Langsam kamen die Erinnerungen wieder.
„Na, na, Lucy, nicht gleich überstürzen." Zwei starke Hände drückte mich sanft, aber bestimmt zurück in die Kissen und ich erkannte, dass sie zu Elrond gehörten, der vor meinem Bett stand. Meinem Bett in der Heilerkaserne. Innerlich stöhnte ich auf.
Der Halbelb betastete vorsichtig mein Gesicht. „Immer noch kalt.", stellte er an Alaëdor gewandt fest. Dieser legte sorgenvoll die Stirn in Falten.
„Ihr müsst so schnell wie möglich zu den Waldelben gebracht werden.", sagte er zu mir. „Was genau ist heute Nacht geschehen? Ist Euch etwas aufgefallen?"
Ich nickte steif und krächzte: „Die Krämpfe führten wie üblich Träume mit sich, aber dieses Mal war es anders. Ich habe Licht im Dunkeln gesehen und Frieden gespürt. Es war ... ich glaube, es war der Tod.", hauchte ich ängstlich. „Werde ich sterben?"
Die beiden Elben gingen nicht auf meine Frage ein, sondern sahen sich mit einem wissenden Blick an.
„Es steht schlimmer um sie, als wir dachten.", sprach Alaëdor. „Mein Herr Elrond, wir können nicht mehr warten, bis ihre Truppe gen Osten aufbricht. Sie muss in den Düsterwald gelangen, so schnell es geht!"
Wäre er ein Mensch gewesen, hätte Elrond sich jetzt auf die Lippe gebissen, aber Elben taten natürlich nichts dergleichen.
„Ihr habt Recht, wir können sie unmöglich mit der Gruppe losschicken, das würde viel zu lange dauern. Aber sie ist schwach. Wenn es wirklich so eilt, wie Ihr behauptet, dann steht ihr zweifelsfrei ein Gewaltmarsch bevor. Wie soll sie den weiten Weg in diesem Zustand bewältigen? Sie kann kaum laufen, unter diesen Umständen werden sie nie früh genug im Düsterwald sein."
Alaëdor rieb sich die Schläfen, während er angestrengt nachdachte. Er schien mit sich selbst zu hadern, doch schließlich sagte er: „Ich ... Das ist wirklich die letzte Möglichkeit, die wir haben... Ich könnte ihr ein stärkendes Mittel verabreichen, das es ihr ermöglicht, einige Tage zu reisen, ohne dass ihre Gesundheit beeinträchtigt wird. Allerdings wirkt es kaum zwei Wochen und der Weg, der ihnen bevorsteht, ist weit. Ihr müsst ihr alles zur Verfügung stellen, was ihr diesen Weg erleichtert, damit sie das Elbentor so schnell wie möglich erreicht."
„Natürlich." Elrond nickte geschäftsmäßig. „Ich werde dafür sorgen, dass ihnen jenseits des Gebirges Pferde zur Verfügung stehen und eine Nachricht zum Düsterwald entsenden, dass am Tor ein paar Heiler postiert werden, die sich sofort um Frau Lucy kümmern können."
„Wen gedenkt Ihr, mitzuschicken? Wäre es nicht klug, eine elbische Leibgarde mit auf den Weg zu geben? Man hörte in letzter Zeit von allerlei Unruhen im Osten...", fragte Alaëdor.
„Eine Leibgarde? Nein! Bitte, ich will meine Freunde nicht zurück lassen!", krächzte ich erschrocken dazwischen. Das wäre das Schlimmste, was sie machen könnten. Mich mit einem Haufen fremder Elben los zu scheuchen, bloß nicht!
„Nun, ich glaube kaum, dass dies eine gute Idee wäre. In dieser Situation ist es besser für sie, wenn sie jemanden an ihrer Seite hat, dem sie bedingungslos vertraut. Außerdem sind eine ganze Leibgarde entschieden zu viele Leute, die würden sie nur aufhalten. Nun, ich gedenke, ihr den Jüngeren der beiden Zwergenprinzen mit an die Seite zu geben. Soweit ich weiß, verstehen die beiden sich gut. Und..." Elrond wandte sich zu mir und sah mir mit einem ernsten Gesicht direkt in die Augen. „... wer könnte sie schon besser beschützen, als der, für den sie so viel mehr als nur eine Freundin ist?"
Ich schwieg verständnislos. Mein Gehirn war noch viel zu benebelt, um in diesem komplizierten Satz überhaupt einen Sinn zu sehen. Ich verstand ihn nicht, doch irgendetwas in meinem Unterbewusstsein schien zu begreifen, denn ich wurde leicht zittrig. Was bei den vermaledeit vielen Göttern dieser Welt sollte das bitte bedeuten?
Doch darauf bekam ich keine Antwort, denn der Herr von Imladris war längst verschwunden.
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Ardatravel - Die Reise nach Mittelerde
FanfictionLucy ist siebenundzwanzig, Individualistin und der leidenschaftlichste Tolkien-Fan der Gegend, doch sie findet ihr Leben sterbenslangweilig und sehnt sich nach einem echten Abenteuer. Bei ihrer erfolglosen Suche nach der perfekten Reise landet sie a...