In den nächsten Wochen passierte erstmal gar nichts. Keine Rückmeldung von Ardatravel. Ich hatte die ganze Aktion schon fast vergessen, als ich eines Nachmittags einen schweren Brief in einem Pergament-Umschlag in meinem Postfach fand. Erst dachte ich, es sei ein Gruß vom Fanclub, aber als ich den Absender las, machte mein Herz einen Satz. Die Reisegesellschaft hatte sich gemeldet! War das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Vielleicht war es ja auch nur die Absage... Obwohl, halt, der Umschlag fühlte sich ziemlich dick an. Eine Absage würde ja nicht viel Platz einnehmen. Aufgedreht sprintete ich die Treppen zu meiner Mietswohnung hinauf, warf meine Tasche in die Ecke und riss den Brief auf. Mit fahrigen Fingern zog ich mehrere Blätter hinaus. Ich faltete das nächstbeste auseinander und begann zu lesen.Auf Englisch stand dort geschrieben:
Verehrte Frau Lucy,wir, die Organisation der Reisegesellschaft „Ardatravel" freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie in der diesjährigen Reisegruppe nach Mittelerde aufgenommen sind.Bitte finden Sie sich am 27. Mai 2015 Ihrer Zeitrechnung am Flughafen in Wellington ein, dort werden Sie zusammen mit Ihrer Gruppe Ihre Reise antreten.
Es fehlte nicht viel und ich wäre umgekippt vor Glück. Ich durfte nach Mittelerde reisen! Nach Mittelerde (unter der Bedingung, dass es sich hier nicht um einen Scherz handelte. So hundertprozentig überzeugt war ich immer noch nicht...)!
Wir bitten Sie, außer allen Informationen, die Sie schriftlich von uns erhalten und den Sachen, die Sie am Leib tragen, keinerlei Gepäck mitzuführen. Alles, was Sie zum Leben brauchen, wird Ihnen in Arda bereitgestellt und ist selbstverständlich im Reisepreis einbegriffen.Wie auf unserer Webseite beschrieben ist, können wir leider keinerlei Auskunft über die Dauer Ihrer Reise geben, da diese extrem variieren kann. Eine ungefähre Route (die ebenfalls kurzfristig geändert werden kann!) haben wir Ihnen mitgesendet.Sobald Sie den vollen Reisepreis bezahlt haben (Infos siehe unten), sind Sie fest für die Reise angemeldet und erhalten weitere Informationen von uns.
Darunter standen eine Bankverbindung und der Preis, nicht gerade wenig Geld.Ich warf einen Blick auf die Karte, die Ardatravel mitgeschickt hatte. Die Reise startete im Erebor, führte dann über Thal und Seestadt ins Waldlandreich, durch den Düsterwald und über die Nebelberge bis nach Bruchtal, von da aus (vielleicht, wie Ardatravel betonte), ins Auenland und wieder zurück nach Bruchtal. Nach einem kurzen Aufenthalt dort würden wir den gleichen Weg zurückmarschieren.Die Route gefiel mir gut. Sie beinhaltete alle für mich wichtigen Orte (sprich alle in „Der Hobbit" vorkommenden Schauplätze). Ich überlegte noch einen Augenblick und klappte schließlich meinen Laptop wieder auf, um die Reise zu bezahlen. Hoffen wir mal, dass es sich nicht um einen Scherz handelte...Eine Woche später kam noch ein Brief mit meiner Teilnahmebestätigung und weiteren Informationen zum Flug von Wellington aus. Natürlich Neuseeland, von wo auch sonst? Das hatte nur den Nachteil, dass ich erst einmal um die halbe Welt fliegen musste, um das Abenteuer überhaupt antreten zu können. Ich begann, alles auf meine Abreise vorzubereiten. Bis zum 27. Mai war es gar nicht mehr lange und ich musste noch einen Flug nach Wellington buchen, den Fanclub von meiner längeren Abwesenheit informieren und mir eine Ausrede ausdenken, wieso ich so mir nichts, dir nichts verschwand und Monate oder Jahre später ohne Fotos, Andenken oder Bekannte von einer Weltreise wiederkehrte, falls ich denn wiederkehren sollte. Ardatravel hatte ja so liebevoll daraufhin gewiesen, dass sie nicht dafür hafteten, wenn die Reisenden in den wilden Landen ihre letzte Ruhestätte fanden. Ich beschloss, auch dem Fanclub die Ausrede für die „normale" Welt aufzutischen, denn die Reisegesellschaft bat darum, das Abenteuer möglichst nicht allzu publik zu machen. Wahrscheinlich fürchteten sie, dass sie sich sonst vor Bewerbungen bald nicht mehr retten konnten. Es kostete mich einige Fantasie und zwei schlaflose Nächte, bis ich endlich eine glaubwürdige „Alternativreise" erfunden hatte, von der ich meiner Familie und meinen Freunden erzählen konnte. Ich würde mit einer Truppe Mittelalter-Freaks auf Wanderschaft quer durch Europa gehen, natürlich in Kostümen und unter möglichst realen Bedingungen.Alle wünschten mir viel Glück, besonders die Leute vom Fanclub. Ich hatte eine letzte Sitzung zusammengerufen, in der ich die Leitung Tim, meinem Stellvertreter, übergab. Alle waren neidisch und ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich ihnen nicht die Wahrheit erzählen konnte. Aber es war wahrscheinlich besser so, andernfalls würden sie mich ja noch mehr beneiden.Eine Woche vor Abflug nach Neuseeland war alles bereit für mein Abenteuer. Bei meinem Chef hatte ich mich für unbestimmte Zeit verabschiedet, genauso wie von allen, die mir nahestanden. Meine kleine Reisetasche mitsamt allen Briefen, die ich noch von Ardatravel erhalten hatte, stand gepackt da und ich platzte bald vor Vorfreude. Für die Tasche hatte ich ein Langzeitschließfach in Wellington gemietet, denn außer den Briefen durfte ich ja nichts mitnehmen.Und dann war es endlich so weit. Am Morgen des 25. Mais stand ich vor lauter Aufregung schon um vier Uhr auf. Mein Flug ging erst um zwölf, deswegen tigerte ich durch meine Wohnung und bereitete sie darauf vor, dass sie monatelang leer stehen würde. Meine Eltern kümmerten sich zwar um sie, aber beide arbeiteten viel und hatten deswegen nicht besonders viel Zeit.Während ich mit einigen Schwierigkeiten meinen Laptop in meinen Safe zwängte (woran man merkte, wie nervös ich war. Angst vor Einbrechern hatte ich eigentlich keine...), grübelte ich darüber nach, was passieren würde, wenn ich... naja, wenn ich nicht zurückkehrte. Nach ein paar Jahren würde zweifellos jemand eine Vermisstenanzeige aufgeben. Oder würde Ardatravel mein Angehörigen informieren? Wenn ja, würden die es glauben? Schließlich wusste niemand die Wahrheit...Nachdem ich eine Weile hin und her überlegt hatte, beschloss ich, ein Testament mit einer Erklärung für alles zu verfassen. Ich schrieb einen drei Seiten langen Brief an meine Eltern, in dem ich ihnen alles, was geschehen war, erzählte und um Entschuldigung bat. Hoffentlich würden sie ihn nie lesen müssen, denn ehrlich gesagt war es ein komisches Gefühl, mit siebenundzwanzig schon meinen letzten Willen niederzuschreiben und ich war mir nicht sicher, ob ich alles richtig machte. Auf dem Umschlag vermerkte ich:
Bitte erst öffnen und lesen, wenn ich nach zwei Jahren nicht zurückgekehrt bin!
Kurz bevor ich ging, legte ich ihn auf den Küchentisch und verließ dann, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, meine Wohnung.
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Ardatravel - Die Reise nach Mittelerde
FanficLucy ist siebenundzwanzig, Individualistin und der leidenschaftlichste Tolkien-Fan der Gegend, doch sie findet ihr Leben sterbenslangweilig und sehnt sich nach einem echten Abenteuer. Bei ihrer erfolglosen Suche nach der perfekten Reise landet sie a...