Die Sanis vom Düsterwald

53 8 0
                                    

Lucy

Wir ritten. Ich dämmerte dahin, weder wirklich bei Bewusstsein, noch weggetreten. Nachdem ich meinen Traum besiegt hatte, war ich nicht wieder richtig aufgewacht, sondern befand mich in einer Art Dämmerzustand. Ich konnte mich nicht bewegen, nichts sagen, nur denken und sehen.
Kili hatte mich mit auf sein Pony nehmen müssen.
Es war dunkel und die Nacht noch lang, doch der junge Zwerg schien so in Sorge zu sein, dass er mit dem Aufbruch noch nicht einmal bis zum Morgen hatte warten können. Jetzt galoppierten wir über die weiten Ebenen. Der Mond tauchte die Landschaft in ein fahles, unwirkliches Licht und in der Ferne sah ich schon das unheilverkündende Dickicht des Düsterwaldes aufragen.
„Halte durch, Lúthien!", flehte Kili und packte mich fester. Mit der einen Hand führte er mein Pferd am Zügel, die andere hatte er mir um die Hüfte geschlungen, damit ich bei dem Tempo nicht wie ein nasser Sack zu Boden fiel. Mein Kopf ruhte schlaff auf seiner Schulter und mein Atem ging stoßweise. Obwohl mein Arm wie Feuer brannte, schaffte ich es nicht einmal, die Zähne zusammen zu beißen.
Die Landschaft zog vorbei wie ein Film und ich spürte nur das Donnern der Hufe und Kilis schnelle Atemzüge hinter mir. Alles wirkte so surreal, denn ich konnte nichts tun.
Nach ein paar Stunden begann es am Horizont langsam zu dämmern. Tiefrote Strahlen schoben sich über die schwarzen Bäume und blendeten uns. Mein Begleiter trieb unsere Pferde noch schneller, immer dem Wald entgegen. Es konnte nicht mehr weit sein.
Endlich tauchte in dem ewig braun-grünen Dickicht vor uns ein weißes Tor auf. Kili hielt eilig darauf zu. Ich fühlte, wie er keuchte. Er ließ die Ponys langsamer werden und schließlich hielten wir vor den Bäumen.
Niemand war zu sehen, nichts zu hören.
Kili rutschte steif aus dem Sattel und fing mich auf, bevor ich herunterfallen konnte.
„Alles wird gut!", flüsterte er mir zu. „Wir haben es geschafft, bald wird dich jemand heilen." Entschlossenen Schrittes marschierte er auf das Elbentor zu.
Ich erschauderte, als wir in den Wald traten und das Knarren und Wispern der Bäume uns umfing. Aber es waren die einzigen Geräusche, sonst vernahm man kein Lebenszeichen.
„Hallo?" rief Kili und seine Stimme hallte in den Ästen wieder. „Ist hier jemand?" Stille.
„Wir kommen auf Befehl Elronds von Bruchtal. Meine Gefährtin ist schwer krank. Wir brauchen Hilfe! Hört uns niemand?"
Anscheinend nicht. Kili stemmte mich ein Stück höher und schritt tiefer ins Halbdunkel hinein.
„Hallo?", schrie er noch einmal. „Bitte helft uns!" Und etwas leiser: „Seid verflucht. Bestimmt sitzen sie in den Bäumen und lachen sich tot, weil ich sie nicht sehe..."
Am liebsten wäre ich in Gelächter ausgebrochen, nur hing ich leider immer noch wie ein nasser Sack in Kilis Armen und konnte mich nicht rühren.
Plötzlich gluckste es leise hinter uns. Der Königsneffe fuhr herum.
„Ihr solltet nicht so brüllen, Zwerg.", näselte ein rothaariger Elb in waldländischer Kriegerrüstung, der wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Hinter ihm standen zwei weitere Eldar-Frauen. „Man sagte uns, Ihr wüsstet, dass in diesem Wald weit bösartigere Kreaturen als wir leben.", fuhr der Soldat ungerührt fort.
Kili beachtete dessen Moralpredigt aber nicht weiter, sondern stieß nur ein unendlich erleichtertes „Mahal sei Dank!" aus.
Eine der Frauen trat vor. „Eure Gefährtin ist schwach.", sprach sie und obwohl sie mich überhaupt nicht kannte, schwang sehr viel Sorge in ihrer Stimme mit. „Wir müssen schnell handeln." Der Soldat stimmte ihr zu und machte sich sofort daran, ein paar Decken auf dem Pfad auszubreiten, während sich auch die letzte der Drei rührte und einige Kristallfläschchen aus ihrer Ledertasche holte.
Kili legte mich vorsichtig auf dem Boden ab und ich fühlte, wie mir sanfte, warme Elbenfinger über die Stirn und den Arm fuhren.
„Wir erhielten Nachricht aus Bruchtal, dass sie eine Vergiftung erlitten hat." Die Stimme des Kriegers.
„Das ist richtig.", bestätigte der Zwergenprinz.
„Könnt Ihr uns genaueres berichten? Warum konnte Herr Elrond sie nicht behandeln und schickt sie stattdessen auf eine solch gefährliche Reise?"
„Naja..." Kili suchte einen Moment nach Worten. „Es war keine normale Vergiftung. Wir wissen nicht, von welcher Pflanze sie stammt und die Elben in Bruchtal fanden nichts, was sie heilte..."
„Wie äußert sich die Krankheit denn?"
„Da ist diese seltsame Wunde..." Ich spürte, wie jemand sich daran machte, den Verband an meinem rechten Arm zu entfernen. Es brannte ein bisschen.
„Sie trägt sie seit Monaten.", fuhr Kili fort. „Und sie ist seitdem kein bisschen verheilt..." Noch mehr Finger tasteten an der Verletzung herum.
„Jede Nacht träumt sie denselben furchtbaren Traum. Sie hat mir einmal davon erzählt... Angeblich sitzt sie immer an einem sterbenden Feuer in völliger Finsternis und sobald es erloschen ist, bekommt sie krampfartige Anfälle. Sie sagte, es ist wie als ob die Kälte über sie herfallen und sie verbrennen würde...
Immer wenn sie träumt, blutet die Wunde viel stärker als sonst, sie schreit, weint, schlägt um sich und redet wirres Zeug. Es ist fast unmöglich, sie zu wecken..."
„Die dunklen Träume...", murmelte der Soldaten-Elb düster. „Dann steht es wahrhaftig schlimmer um sie, als wir glaubten. Es war die richtige Entscheidung Elronds, sie zu uns zu schicken. Dieses Gift ist nur uns geläufig.
„Ihr kennt es also?", fragte Kili hoffnungsvoll.
„Ja." Die eine Elbin nickte und ihr schwarzes Haar schwang um ihren zierlichen Körper. „Es ist eins der gefährlichsten Gifte ganz Ardas und man findet seine Pflanze nur hier. Dieser Wald ist krank, Durinssohn, das ist sollte auch euch Zwergen bekannt sein. Eine namenlose Dunkelheit hat ihn befallen, die guten und heilenden Pflanzen sterben ab. Stattdessen bilden sich neue, die eben solche Gifte enthalten. Die Krankheit, unter der Eure Menschenfreundin leidet, wird von der Pflanze Helegech hervorgerufen. Ihr würdet sie Eisdorn nennen."
Eisdorn. Na, wie passend.
„Könnt Ihr sie davon heilen?", schoss Kili sogleich los.
„Vermutlich ja. Wir haben ein Mittel gefunden, das das Gift unschädlich macht, aber dazu müssen wir sie mit in unsere Heilerhallen nehmen, hier können wir ihr nicht helfen..."
„Aber vermögt Ihr im Moment gar nichts zu tun? Seit ihrem letzten Traum heute Nacht ist sie so weggetreten. Sie bewegt sich nicht, spricht nicht, blinzelt nicht und atmet kaum noch. Was, wenn sie Schmerzen hat? Die Wunde blutet so stark!" Der junge Zwerg schien außer sich vor Sorge, denn seine Stimme überschlug sich fast.
Ich hörte, wie die schwarzhaarige Elbin in den Kristallfläschchen herumwühlte.
„Ich kann ihr etwas verabreichen, was die Wirkung des Giftes für ein paar Tage zurückhält. Möglicherweise hilft ihr das. Es ist aber keine angenehme Sache. Wenn sie jetzt noch keine Schmerzen hat, wird sie sie spätestens dann bekommen."
Kili haderte eine Weile mit sich selbst, indem er unruhig auf den Pfad hin und her schritt. „Tut, was Ihr tun müsst.", sagte er schließlich. „Hauptsache, sie wacht aus dieser Starre auf. Ich habe Angst, dass sie uns so einfach stirbt, ohne dass wir es merken..."
„Das würde höchstwahrscheinlich bald passieren.", informierte der Krieger. „Dieses Gift ist wie eine Sanduhr, mit jedem Tag weicht das Leben mehr aus dem Körper des Betroffenen. Ein Wunder, dass sie dem als Mensch schon so lange standhält..."
„Sie ist eben stark.", flüsterte der Königsneffe mit trotziger Stimme.
Die Elbin erschien im Blickfeld meiner brennenden, tränenden Augen. Ich konnte, wie Kili schon erwähnt hatte, nicht einmal blinzeln. Sie öffnete leicht meinen Mund und träufelte eine dunkelgrüne Flüssigkeit aus einer glänzenden Glaspipette hinein. Ich schmeckte nichts, sondern fühlte nur die heiße Spur, die sie in meiner Kehle hinterließ.
Eine Weile passierte gar nichts und ich glaubte schon, es würde nicht wirken (Wäre ja nicht das erste Mal...), da ich keinen Schmerz verspürte, doch dann schien die Wunde auf einmal aufzulodern. Im Normalfall hätte ich mich vor Pein gekrümmt und geschrien, aber das war jetzt unmöglich.
Alles in mir brannte – aber nicht wie Eis, wie ich es gewöhnt war, sondern dieses Mal wütete Feuer in mir – einen kurzen Moment und dann ging der ganze Spuk so schnell vorbei, wie er kam.
Zitternd lag ich da – ja, ich zitterte tatsächlich! Richtig bewegen konnte ich mich noch nicht, nur die Augen schließen und den Puls beruhigen.
„Lúthien!" Kili stürzte neben mir zu Boden und ich fühlte seine warmen, rauen Hände an meinem Gesicht. Ich wollte etwas sagen, ihn beruhigen, doch als ich den Mund öffnete, kam nur ein Krächzen heraus.
„Psscht. Noch nicht reden.", sagte er leise.
Irgendwo am Arm fühlte ich, wie jemand den Verband wechselte. Im Hintergrund klingelten einige Kristallfläschchen und die Elben diskutierten auf Sindarin miteinander.
Schließlich trat einer von ihnen vor. „Wir müssen so schnell wie möglich aufbrechen. Es ist ungewiss, wie lange sie ohne das Gegenmittel noch durchhalten wird."
Kilis Kopf fuhr herum. „Ist das Euer Ernst? Seht sie Euch an! Sie ist schwach, sie wird kaum stehen können, wie sollen wir so bitte weiterreisen?"
„Wir müssen einen Weg finden, sie zu tragen. Ihr habt Recht, laufen kann sie unter keinen Umständen."
Tragen? Na wuhu, dann konnte ich die nächsten Tage im Dämmerzustand durch den Düsterwald gondeln, wie verlockend...
Anderenfalls... Hierbleiben war anscheinend auch keine Option, denn wenn man den Spitzohren glauben durfte, würde mich die Vergiftung wohl recht bald dahin raffen. Wunderbar.
Träge blinzelte ich einmal und sah, dass zwischen Kili und den Elben soeben eine hitzige Diskussion entbrannt war, wie sie mich am besten transportierten.
Der junge Zwerg stimmte dafür, eine Art Liege zu bauen, was den Eldar jedoch entschieden zu lange dauerte. Sie wollten mich einfach abwechselnd tragen, was allerdings Kili gegen den Strich ging.
Der Wortwechsel schwoll an, als Elbenstolz und Zwergendickköpfigkeit aufeinander prallten.
„Hey, hey, hey!", krächzte ich dazwischen, ehe jemand handgreiflich werden konnte und wuchtete mich schwerfällig auf die Seite, um ihnen zusehen zu können. „Ich habe eine Idee!"
Vor meinem inneren Auge blitzte gerade wieder die Konstruktion auf, mit der wir Alex nach Bruchtal gebracht hatten.
Mit ein paar heiseren Sätzen beschrieb ich sie den Waldelben, die sich daraufhin noch kurz beratschlagten und schließlich einverstanden waren.
Alle machten sich sofort ans Werk. Kili suchte einen passenden Baum und schlug einen Ast herunter, die beiden Elbenfrauen knoteten die größte Decke, die sie fanden, daran, legten mich hinein – und fertig war die Sänfte für die kranke Prinzessin, wie mein Begleiter es so schön ausdrückte.
Dann brachen wir das Lager ab und machten uns auf den Weg zum Waldlandreich.

Wie schon befürchtet, dämmerte ich die nächsten Tage tatsächlich nur vor mich hin, wenn auch nicht die Vergiftung daran schuld war. Der Düsterwald schlug mich mit seiner faulen, süßlich riechenden Luft wieder vollkommen in seinen Bann und quälte mich mit schlimmen Halluzinationen.
Es war furchtbar. Einmal sah ich, wie Manila gegen einen Ork kämpfte und von einer Klippe fiel. Ich musste den halben Wald zusammengeschrien haben, als ich um mich schlagend in meiner Trage-Hängematte erwachte.
Außerdem wirkte das ewige Schaukeln der Decke so ungeheuer ermüdend, dass ich einen kompletten Tag verschlief, ohne es zu merken. Nach ungefähr einer Woche ließ die Wirkung des Trankes von den Waldelben nach, die Träume begannen wieder, zu wüten und ich hatte Schmerzen. Das führte nach einer Weile zu vermehrten Streits zwischen Kili und den Elben, denn er bat immer öfter darum, dass sie mir etwas geben sollten, doch sie sagten, dass da nicht viel wäre, was sie tun könnten, sie hätten nicht die richtigen Mittel dabei. Irgendwann erbarmte sich die kleine schwarzhaarige Heilerin schließlich und verabreichte mir etwas, was mich in einen traumlosen Dauerschlaf versetzte. So bekam ich vom Rest der Reise nichts mehr mit.

Als ich langsam erwachte, war das Erste, was ich wahrnahm, der Geruch. Es roch nach Wald, nach richtigem Wald, nicht nach Gift und Verwesung. Und nach Blumen ... und Wein!
Um mich herum war es still, nur der Wind raschelte leise in den Blättern.
Vorsichtig öffnete ich die Augen und ließ das blendende Licht und das Rauschen in den Ohren über mich ergehen.
Weit über mir schwangen sich reich verzierte Holzstreben zu einem offenen Dach, das Ähnlichkeiten mit dem einer Kirche hatte. Darüber blinzelte das Sonnenlicht durch die Blätter.
Ich drehte den Kopf nach rechts und mein Blick fiel auf eine Wand, vor der eine elegante Chaiselongue stand. Kili hatte sich darauf ausgestreckt und blätterte in einem kleinen schwarzen Notizbuch, das mir verdächtig bekannt vorkam. Er bemerkte mich nicht. Erst, als ich mich aufsetzte und den Rest des Gemachs unter die Lupe nahm (eingerichtet mit Kommode, Waschtisch, weiteren Sofas, einem Tisch und einem Stuhl, sowie einem mannshohen Spiegel), warf er die Kladde beiseite und rief aufgeregt: „Lúthien! Mahal sei Dank, du bist wach!"
Doch ehe er mir großartig um den Hals fallen oder sonst was anstellen konnte, schwang die Tür auf und eine Elbin in weißem Kleid trat ein. Sie war sehr jung, fast noch ein Kind (Obwohl ich natürlich wusste, dass sie in Wirklichkeit sogar viel älter als ich sein musste...), hatte lange rotblonde Locken und ein elbenuntypisch herzliches Lächeln im Gesicht.
„Fräulein Lucy, Ihr seid erwacht!", stellte sie fröhlich fest. „Wunderbar, dann werde ich sogleich die Herrin Tindómerel holen." Ohne jegliche Erklärung schlüpfte sie wieder leichtfüßig durch die Tür und verschwand.
Kili grinste mich von der Seite an. „Sie werden dich heilen, Lúthien!"

Ardatravel - Die Reise nach MittelerdeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt