Lucy
Zu allem Unglück informierte Alaëdor mich bald, dass ich noch mindestens eine Woche in den Heilerhäusern bleiben musste und das Bett nicht verlassen durfte. Sie wollten mich erst gehen lassen, wenn das, was die Waldelben gegen meine Vergiftung verschrieben, auch helfen würde.
Heilerhäuser... Heilerkaserne traf es bei weiten besser! Sie hielten mich hier fest, Besucher konnten nur zu bestimmten Zeiten kommen und die gesamte Anlage war nach außen hin abgeschlossen.
Na wenigstens ließen sie meine Freunde überhaupt rein. Manila und Kili kamen jeden Tag, oft sogar mehrmals und manchmal folgten Fili, Linnea und andere unserer Truppe ihnen. Das wurden die besten Zeiten des Tages.
In den schlechteren schlief ich viel oder saß stundenlang herum und schrieb Ergänzungen zur Reise in mein Tagebuch. Dazu gesellten sich auch einige Zeichnungen, zum Beispiel eine meines Zimmers.
Wenn ich im Bett saß, konnte ich gegenüber und rechts aus dem Fenster sehen, unter denen je ein Sofa stand, links hingegen befand sich die Tür. Neben meiner breiten Matratze drängelte sich ein kleiner Nachtschrank, auf dem – neben Kilis blauen Runenstein – der Wildblumenstrauß vor sich hin duftete.
Auf der anderen Seite des Bettes stapelte sich ein hüfthohes Türmchen Bücher, mit besten Genesungswünschen eine Leihgabe von Elrond. Irgendjemand musste ihm wohl zugeflüstert haben, dass ich gerne las.
Glücklicherweise hatte er ausschließlich Bücher geschickt, deren Sprache ich auch verstand, sprich keine auf Sindarin oder gar Quenya. Aber verständlich Sprache hin oder her, einen Haken gab es trotzdem: Lateinische Buchstaben kannte hier natürlich keiner. Die filigranen Bücher waren ausnahmslos in elbischen Tengwar geschrieben. Die konnte ich zwar ganz gut lesen, aber es dauerte ewig. Oft saß ich mit einer Runentabelle daneben, die ich zu Hause in Deutschland durch einen Geistesblitz noch eilig im Notizbuch vermerkt hatte und kämpfte mich quälend langsam durch die Mythen und Sagen der Eldar.Einen Vorteil brachte der Aufenthalt in der Heilerkaserne aber schon: Ich konnte endlich wieder ruhig schlafen. Aber dass die Elben meine Schmerzen und damit auch die Träume mittels Magie zurückhielten, hatte anscheinend als Nebenwirkung, dass ich immer viel zu früh aufwachte und keine Ruhe mehr fand.
Am Morgen des dritten Tages in Imladris blinzelten gerade die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster, als ich die Augen aufschlug. Seufzend streckte ich meine müden Glieder, gähnte einmal ausgiebig und langte nach dem Buch ganz oben auf dem Stapel (Weiter war ich aufgrund meines schneckenhaften Lesetempos noch gar nicht vorgedrungen.). Doch ich kam nicht weit.
Ich hatte gerade eine halbe Seite entziffert, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm.
Lautlos schwang die Tür auf und herein kam – schleichend wie ein Hobbit – ein gewisser Zwergenprinz, der schnell den Finger an die Lippen legte, bevor ich losquietschen konnte. Hastig schloss er die Tür hinter sich und klemmte einen Stuhl unter die Klinke.
„Die sollen bloß nicht wieder auf die Idee kommen, mich rauszuwerfen!", grummelte er amüsiert und trat näher.
„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen.", gab ich frech zurück. „Was machst du denn um die Zeit hier?"
Kili grinste leicht gequält. „Ich lag schon eine ganze Weile wach. Seit Fili diesen verdammten Wein trinkt, schnarcht er lauter als ein Höhlenbär. Damit hat er sogar schon Manila verscheucht!"
Ich musste mich schwer zusammenreißen, um nicht lauthals loszubrüllen. Die Vorstellung, wie meine beste Freundin nachts müde, schlecht gelaunt und völlig entnervt vom Schnarchen ihres Mitbewohners wieder zurück in unser eigenes Zimmer schlurfte, war einfach zum Schießen.
Ich rutschte ein Stück zur Seite und bot ihm den Platz auf meinem Bett, dann saßen wir eine Zeit lang nur glucksend da.
„Naja..." Kilis Mundwinkel zuckten immer noch. „...außerdem wollte ich es ausnutzen, dass Manila noch schläft, um dich zu besuchen. Wenn ich zusammen mit ihr hierher komme, beansprucht sie dich so sehr für sich selbst, dass ich kaum dazu komme, zu fragen, wie es dir überhaupt geht..."
Ich lächelte. „Schon besser. Alaëdor bekam zwar noch keine Nachricht von den Waldelben über ein Gegengift, aber er hat mir bestimmt irgendwelche anderen Wundermittel gegeben..."
Kili nickte zufrieden, dann fiel sein Blick auf das Buch in meinem Schoß.
„Was liest du da?" Ich reichte es ihm.
„Die Geschichte von Lúthien und Beren. Eigentlich kenne ich sie schon aus den tolkienschen Schriften von daheim, aber ich wollte wissen, wie die Elben die Sage meiner ... äh ... Namensvetterin beschreiben."
Der junge Zwerg lachte. „Das ist eine der wenigen Elben-Geschichten, die auch ich kenne. Meine Mutter hat sie Fili und mir manchmal erzählt, wahrscheinlich vor allem, weil sie von Edelsteinen handelt. Sie sagte uns immer, dass es nicht gerechtfertigt sei, dass die Elben unser Volk als gierig und goldversessen hinstellen, denn sie führten einst selbst einen langen, blutigen Krieg nur um drei Edelsteine..."
„Da steckt was dahinter, stimmt.", gab ich zu. „Ich habe nur so meine Schwierigkeiten, die Buchstaben zu entziffern. Bei uns schreibt man ganz andere und ich bin diese hier nicht gewöhnt. Es dauert ewig..." Ich lächelte etwas verloren.
Kili schlug das Buch auf, ohne die Miene zu verziehen.
„Thorin hat darauf bestanden, dass wir lernen, die Elbenrunen zu lesen. Er meinte, es könnte uns vielleicht irgendwann einmal von Vorteil sein. Aber wenn man sein halbes Leben gesagt bekommt, dass die Elben ein Volk arroganter Schönlinge sind, dann legt man als Zwergling nicht besonders viel Lust an den Tag, ihre Schrift zu lernen. Ich kann sie lesen, aber schreiben lassen sich diese Schnörkel wirklich ganz furchtbar..." Ich grinste, als ich an seine Hieroglyphen in meinem Tagebuch zurück dachte.
„Wo warst du?", fragte er.
„Was?"
„Na, bis wohin hast du schon gelesen?" Verwirrt zeigte ich ihm die Zeile und dann begann er kommentarlos, mir die Sage vorzulesen.
Zuerst war ich etwas überrumpelt von dieser Idee, doch schon bald lehnte ich mich zurück und lauschte gespannt seiner sanften Stimme, die mich, Lúthien und Beren durch ganz Arda begleitete.
Die folgenden Momente zählte ich mit zu den schönsten der ganzen Reise, auch wenn eigentlich nicht viel passierte. Kili las mir fast die gesamte Geschichte vor, bis er schließlich heiser wurde und sich an meinem Wasservorrat bediente. Irgendwann zwischendurch hatte er seine Stiefel ausgezogen, die Beine hochgelegt und sich an den Bettpfosten mir gegenüber gelehnt.
Er tat das Buch zur Seite und gähnte ausgiebig.
„Also hat Manila wirklich bei euch übernachtet." Natürlich hatten die beiden mir längst davon erzählt, aber so richtig glauben wollte ich es immer noch nicht. Ich traute ihr eigentlich vieles zu, aber das hätte ich nicht gedacht.
Kili nickte.
„Und, hat sie euch auch schlafen lassen? Wie ich sie kenne, ist sie doch bestimmt nicht nur zu euch gedackelt um sich wortlos auf die Couch zu legen, oder?"
Der Zwerg grinste. „Nein, natürlich nicht. Also ... erst hat sie nur gesagt, dass sie sich fürchterlich um dich sorgt. Das taten wir übrigens alle.", fügte er ohne Umschweife hinzu. Ich senkte den Kopf.
„Tut mir leid, dass ihr wegen mir so viel durchmachen müsst. Ach, hätte ich doch in diesem verdammten Wald besser auf meine Füße geachtet!"
„Na, du kannst am allerwenigsten etwas dafür!", schimpfte Kili. „Fang bloß nicht an, dir deswegen Vorwürfe zu machen. Du bist nicht schuld!"
Ich erzitterte leicht, als er mich mit meinen eigenen Worten zurecht wies.
„Verzeih, das war dumm von mir...", gab ich zu. „Aber war das alles? Hat Manila euch wirklich nur mit ihren Sorgen bequatscht?"
„Ach nein, selbstverständlich nicht.", fuhr Kili fort, anscheinend erleichtert, dass ich das Thema wechselte. „Naja, du kennst sie ja. Sie ist die menschgewordene Neugier. Die ist nämlich mal wieder mit ihr durchgegangen. Nachdem mein werter Bruder angefangen hatte, ihr Wein einzuschenken, begann sie, mich auszufragen über ... äh ... uns."
Ich blickte auf. Mir war klar, dass er mit uns nicht Fili und sich meinte.
„Oh, dieses Miststück!", grollte ich. „Da verschweigt man ihr mal eine Sache, schon rennt sie zum nächsten und verhört den! Dieses Mädchen muss doch nun wirklich nicht alles wissen!" Ich stöhnte auf und vergrub peinlich berührt den Kopf zwischen meinen angewinkelten Beinen.
„Ich glaube, sie selbst sieht das ein bisschen anders.", konterte der junge Zwerg amüsiert.
„Hm..." Obwohl ich eigentlich nicht danach fragen wollte, konnte ich es mir einfach nicht verkneifen. „Was hast du ihr erzählt?", wollte ich wissen und schielte über meine Knie.
„Ähm ... naja, die Wahrheit... Dass wir Freunde sind."
Klar, was hätte er ihr auch sonst sagen sollen? Wie komme ich überhaupt darauf, dass er etwas anderes erzählen würde?
„Oh, damit war sie bestimmt nicht zufrieden, oder?"
„Nein, ganz und gar nicht. Ich frage mich wirklich, was in diesem Moment in ihrem Kopf vorging..."
„Tja, Manila wittert hinter uns eben eine viel größere Geschichte, als „Freunde"... Kili guckte eine Weile irritiert, verscheuchte seine Gedanken dann aber mit einem energischen Kopfschütteln.
„Jedenfalls hat der Wein irgendwann seine Wirkung gezeigt und sie ist, dem Himmel sei Dank, eingeschlafen."
Ich musste herzlich lachen. Ja, das sah ihr ähnlich. Viel vertrug unser Franzosen-Schnapsnäschen eben nicht.Bevor wir unser Gespräch allerdings fortsetzen konnten, wurden wir von einem lauten Geräusch unterbrochen. Jemand versuchte gerade ziemlich ungestüm, die Tür zu öffnen, jedoch tat die Stuhllehne ihr Möglichstes, ihn daran zu hindern.
„Wer auch immer neben Frau Lucy da drin ist, tue schleunigst daran, die Tür aufzumachen, oder ich werde einen anderen Weg in diesen Raum finden!", donnerte Alaëdor etwas ungehalten.
Kili machte ein griesgrämiges Gesicht, aber als ich meinen Fuß an seinen stieß, stand er widerwillig auf, schob den Stuhl zur Seite und ließ den Elben eintreten. Alaëdor verzog den Mund zu einem Lächeln, als der den jungen Zwerg auf Socken besitzergreifend vor meinem Bett stehen sah.
„Ich wusste doch, dass Ihr die Besuchszeiten früher oder später in den Wind schlagen würdet, Durinssohn.", bemerkte er belustigt.
Kili grummelte etwas Unverständliches.
„Aber Ihr wisst doch, dass Frau Lucy viel Ruhe braucht, um sich von ihrer Krankheit zu erholen. Wenn Euch so viel an ihr liegt, kehrt heute Nachmittag zurück."
Das war leider ein hübsch verpackter Rauswurf. Unzufrieden schlüpfte der Königsneffe in seine Stiefel und strich noch einmal da über die Decke, wo er meine Füße vermutete.
„Ich komme heute Nachmittag wieder.", tat er kund und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Es klang fast wie eine Drohung. „Aber dann werde ich nicht umhin kommen, Manila mitzubringen." Ein leichter Hauch Wehmut schien diesen Satz zu begleiten.
„Grüß sie von mir.", sagte ich grinsend. Als er schon fast zur Tür raus war, rief ich ihm noch hinterher: „Und sag ihr, sie soll neue Blumen mitbringen! Die hier vertrocknen schon!" Dann ließ ich mich zurück in die Kissen sinken.
Alaëdor schüttelte amüsiert den Kopf. „Ein ungewöhnlicher Zeitgenosse.", sagte er, mehr zu sich selbst, als zu mir. „Und ungewöhnlich ist auch, dass er mit Euch, einer Menschenfrau, so viel Zeit verbringt. Gelten Zwerge nicht als eigenbrötlerisch und zurückgezogen?"
„Kili war schon immer eine Ausnahme...", bemerkte ich geistesabwesend, während der Heiler sich daran machte, meinen Verband zu wechseln.
„Das steht außer Frage. Er scheint Euch wirklich sehr zugetan zu sein, Frau Lucy."
Ich ignorierte diese Bemerkung geflissentlich, um nicht knallrot zu werden. Im gleichen Moment fiel mir etwas ganz anderes ein:
„Erhieltet Ihr mittlerweile Nachricht von den Waldelben?"
„Ja, schon..." Der Heiler zögerte leicht.
„Und? Haben sie Euch gesagt, was Ihr tun könntet?"
Alaëdor presste die Lippen aufeinander. „Obwohl ich ihnen Eure Symptome genauestens beschrieb, konnten sie nicht exakt feststellen, von welcher Pflanze Ihr Euch die Vergiftung zugezogen habt. Sie fürchten aber, dass es ein Gift ist, was sich erst in den letzten Jahren, in denen diese Dunkelheit den Düsterwald befallen hat, entwickelte. Es tut mir leid, Frau Lucy. Ich habe kein Mittel, mit dem ich Eure Krankheit vollends heilen könnte.
Aber ich verspreche, ich werde Euch soweit gesund pflegen, dass Ihr Eure Reise fortsetzen und unverzüglich zu den Waldelben wandern könnt. Sie werden sich Eurer annehmen und Euch bestimmt restlos von Eurem Leiden befreien.
Verzeiht, dass ich nicht mehr für Euch tun kann. Es liegt einfach nicht in meiner Macht..." Der hochgewachsene Elb wirkte sehr geknickt, als er mir diese Nachricht überbrachte. Wahrscheinlich war er noch nie wirklich an die Grenzen seines Wissens gestoßen.
„Ach, Alaëdor, es sei Euch natürlich verziehen. Ihr seid schließlich nicht schuld daran, dass Euch diese Pflanze nicht bekannt ist. Ich danke Euch trotzdem, dass Ihr mich so hingebungsvoll pflegt, auch wenn ich nicht einmal zu Eurem Volk gehöre. Die Waldelben werden mich bestimmt heilen können.", versuchte ich, ihn zu beruhigen.
Alaëdor lächelte ein bisschen. „Es tut nichts zur Sache, dass Ihr ein Mensch seid, Lucy. Wir helfen jedem, der unserer Hilfe bedarf, ob Elb, Mensch, Zwerg oder anderem, nun ja, mit Ausnahme der Orks. Dies haben wir als Heiler geschworen."
Ich musste grinsen. Ah, der elbische Eid des Hippokrates also. Was es nicht alles gibt in Mittelerde!
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Ardatravel - Die Reise nach Mittelerde
Fiksi PenggemarLucy ist siebenundzwanzig, Individualistin und der leidenschaftlichste Tolkien-Fan der Gegend, doch sie findet ihr Leben sterbenslangweilig und sehnt sich nach einem echten Abenteuer. Bei ihrer erfolglosen Suche nach der perfekten Reise landet sie a...