Fünfundzwanzigstes Kapitel

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Der Unterricht von Miss Adler war sterbenslangweilig. Sie unterrichtete Metamorphose, doch anstatt uns selbst daran versuchen zu lassen, faselte sie ganze zwei Stunden vor sich hin und erzählte uns, wie die Erstgeborenen vor über hunderten von Jahren die Metamorphose entdeckten. Ihre Worte gingen in mein rechtes Ohr hinein und kamen gleich wieder aus dem linken Ohr hinaus.

Anna neben mir, schrieb eifrig mit. Elliot war heute nicht zum Unterricht erschienen. Er hatte in letzter Zeit öfters gefehlt, da er sich irgendetwas Böses eingefangen hatte und krank war. Ich musste mich unbedingt mal bei ihm melden, sonst denkt er noch, ich hätte ihn vergessen.

Gelangweilt starrte ich aus dem Fenster. Seit Tagen regnete es schon wie aus Eimern. Der Himmel hatte sich dunkel und düster zugezogen und ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal die Sonne gesehen hatte. Draussen war es kalt, so kalt, dass ich heute gleich zwei Pullover unter meine Jacke angezogen hatte.

Meine Gedanken wanderten wie von allein zu Dean. Es waren ein paar Tage vergangen, seitdem wir gemeinsam am See waren. Nun, da er mich eingeweiht hatte und ich über seine Geschichte Bescheid wusste, war ich unheimlich erleichtert. Zum einen, weil ich wusste, dass es ihm soweit gut ging und zum anderen, weil nun ein Rätsel schonmal gelöst war.

Jetzt musste ich nur noch herausfinden, was es mit den Raben, den Stimmen und den unheimlichen Gestalten auf sich hatte. Ich war mir sicher, dass Dean damit nichts zu tun hatte. Es musste sich also um was komplett anderes handeln.

Ich war gar nicht mehr bei der Sache und hörte Miss Adler überhaupt nicht mehr zu. Erst als Anna neben mir ihre sieben Sachen zusammenpackte, registrierte ich, dass die Stunde vorbei war. Bedeutete also: Zeit fürs Mittagessen. Allerdings musste das noch etwas warten. Ich hatte noch etwas wichtiges zu erledigen.

"Kommst du? Wir wollen doch das Mittagessen nicht verpassen", fragte Anna und zwinkerte mir zu. Ich schüttelte den Kopf. "Nein, geh ruhig schonmal ohne mich. Ich hab noch was vor und komm dann nach."

Ich packte meinen Kram zusammen und verliess als Letzte das Klassenzimmer. Ich musste mich beeilen wenn ich ihn noch erwischen wollte. Also legte ich einen Zahn zu und eilte die Treppen hoch.

Vor Mr Amberlas Büro blieb ich stehen, atmete einmal tief durch und klopfte schliesslich an die Tür, ehe ich eintrat.

Mr Amberla stand mit dem Rücken zu mir und blätterte in seinen Unterlagen. Er drehte sich um, als er mich bemerkte und schaute mich kurz an. Sofort wendete er den Blick wieder von mir ab. Inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt, nicht von ihm angesehen zu werden.

"Miss Cohan", sagte er etwas überrascht, "was kann ich für Sie tun? Kann ich Ihnen helfen?"

"Haben Sie eventuell kurz Zeit für mich? Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten und Ihnen etwas erzählen."

Ich hatte beschlossen, dass ich alleine nicht weiterkam. Bei unserem letzten Gespräch war ich nicht dazu gekommen, Mr Amberla von den Vorfällen zu erzählen und das wollte ich nun unbedingt nachholen. Es war nun wirklich höchste Zeit. Ausserdem vertraute ich ihm mehr, als allen anderen Lehrern zusammen.

Er nickte und deutete mir, mich hinter den Vorhang zu begeben. Ich schlüpfte hindurch. Das Chaos vom letzten Mal war beseitigt worden. Es sah hier nun deutlich aufgeräumter auf. Ich setzte mich, Mr Amberla tat es mir nach.

"Also?" Er deutete mir zu beginnen.

Dann erzählte ich ihm alles. Von Anfang an. Davon, dass ich zu bestimmten Zeiten in der Nacht aufwachte, flüsternde Stimmen hörte, mir Raben und unheimliche Gestalten begegneten und von den Engeln natürlich auch.

"Ich weiss mir mittlerweile einfach nicht mehr zu helfen", sagte ich abschliessend. "Das geht nun schon eine ganze Weile so. Schon bevor ich nach Emiva gekommen bin. Ich glaube, der genaue Zeitpunkt war, nachdem ich mein Gen zurückbekommen habe und ich eine richtige Erstgeborene geworden bin."

Prüfend schaute er an mir vorbei. "Warum erzählen Sie mir erst jetzt davon?"

Ich zuckte mit den Schultern. "Lange habe ich niemandem etwas davon erzählt. Ich wollte mich zu Beginn nicht verrückt machen und habe es einfach verdrängt."

"Nun, es ist gut, dass Sie mir jetzt davon erzählt haben, Aurelia. Ich schätze, ich muss Ihnen nicht sagen, dass dies nichts Gutes bedeutet."

Ich schüttelte den Kopf. "Nein. Das ist mir bewusst. Ich dachte, dass es vielleicht etwas mit Ihren Visionen von mir zu tun haben könnte?" Meine Stimme klang unsicher.

"Meine Visionen stehen für das Böse. Genauso wie die Raben. Ich denke ehrlich gesagt, auch nicht, dass es sich hierbei um einen reinen Zufall handelt. Da steckt vermutlich schon mehr dahinter."

Ich hatte es geahnt. Zwar hatte mir das Elliot auch schon gesagt, aber wenn die gleichen Worte von Mr Amberla kamen, hatten sie schon gleich eine andere Bedeutung für mich.

Ich fuhr fort: "Mr Amberla, ich habe auch das komische Gefühl, dass dieser Vorfall vor zwei Wochen, weswegen wir alle nach Hause mussten, auch irgendetwas damit zu tun hatte."

"Wie kommen Sie darauf?", er schlug die Beine übereinander.

"Als ich bei meiner Familie war, habe ich ein Gespräch zwischen meiner Mutter und meiner Grossmutter belauscht. Ich glaube, Hawking hat auch irgendetwas damit zu tun. Sie wurde im Gespräch auch erwähnt und sie ist eine alte Freundin von meiner Grossmutter, Amanda Cohan."

"Das sind aber üble Anschuldigungen, die Sie hier machen", sagte Mr Amberla prüfend. "Valerie Hawking ist nicht einfach irgendwer. Sie ist die Schulleiterin und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie etwas mit dem Angriff auf ihre eigene Schule zu tun hat."

"So meinte ich das auch gar nicht", versuchte ich mich zu erklären. "Bei dem Gespräch zwischen meiner Mutter und Grossmutter, klang es auch mehr danach...", ich suchte nach den richtigen Worten, "als ob mich Hawking beschützen würde, aber dies irgendwie nicht geklappt hat."

"Vor was den beschützen?"

"Meine Grossmutter sagte, dass er mich auf keinen Fall kriegen wird."

"Wer ist er?"

Wenn ich das nur wüsste. "Das versuche ich herauszufinden. Ich hatte gehofft, dass Sie mir dabei helfen können."

***

Als ich das Büro von Mr Amberla wieder verliess, war ich mir sicher, das Mittagessen verpasst zu haben. Ein Blick auf die Uhr in der Eingangshalle des Schulgebäudes, verriet mir, dass ich noch genügend Zeit hatte, meinen Hunger zu bändigen.

Mr Ambela hatte sich sofort dazu bereiterklärt mir zu helfen und der Sache auf den Grund zu gehen. Er erhoffte sich ausserdem auch, Antworten auf die schwarzen Visionen zu kriegen, die er bei mir immer sah. Wir vereinbarten, dass er nochmal genau das Archiv der Bibliothek durchsuchen würde und, dass ich Augen und Ohren aufhalten, und ihn über jeden noch so kleinen Vorfall informieren würde.

Ich trat in das Hauptgebäude ein und lief eilig in Richtung des grossen Saals. Cosmo und Nova warteten bestimmt schon auf mich. Ich bog um die Ecke und prallte prompt in einen ziemlich wütend aussehenden Dean.

"Hoppla", sagte ich entschuldigend, "nicht so stürmisch."

"Sorry, hab dich nicht gesehen", murmelte Dean.

Ich winkte ab. "Ach, kein Problem. Was ist denn mit dir los? Du siehst ja richtig aufgebracht aus."

Dean sah nicht nur aufgebracht aus, sondern auch unheimlich gut. Er steckte, genau wie ich, in der Uniform der Schule. Die dunkelgrüne Farbe liess seine Augen richtig schön zur Geltung bringen.

"Nichts", zischte er, "hab jetzt auch gar keine Zeit."

Er packte mich unsanft am Arm und schob mich zur Seite, ehe er wütend davon stapfte.

Verdattert schaute ich ihm hinterher. Was war denn mit dem heute los?

***

Hoffe, das Kapitel war nicht all zu langweilig hihi. Bald geht es spannend weiter.

Was haltet ihr von Mr Amberla?

Fühlt euch von mir umarmt, bis zum nächsten Kapitel <3

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