Erstes Kapitel

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Ohne ein Klingeln öffnete sich die Eingangstür und meine Grossmutter Amanda Cohan setzte ihre Füsse, welche in hohen High-Heels steckten, gekonnt und elegant über die Türschwelle. Ihre graue Hochsteckfrisur war durchnässt. Die Regentropfen, welche von ihrem gelben Mantel heruntertropften, hinterliessen eine kleine Pfütze auf den grauen Beton Fliesen. Sie verzog ihr Gesicht, welches für ihr doch schon hohes Alter viel zu jung aussah. Es war kein Geheimnis, dass meine Grossmutter Angst vor dem Altern hatte und jede Woche eine magische Kräutermischung auf ihr Gesicht auflegte um den normalen Alterungsprozess zu verhindern. Mit der Hacke gab sie der Eingangstür einen Schubs und sie fiel geräuschvoll hinter ihr ins Schloss. Sie schüttelte sich angewidert und blickte in den Spiegel.

"Das ist ja unglaublich", schnaubte sie schnippisch. "So ein blödes Wetter. Dabei hab' ich heute Morgen doch extra den Wetterbericht gelesen und da stand überhaupt nichts von Regen!" Endlich erblickte sie mich und drückte mir einen rosa Kussmund auf die Wange. "Hallo mein Schätzchen, wie geht es dir denn?"
"Gut, danke. Wie geht's dir?", fragte ich zurück, doch Amanda antwortete nicht mehr.

Meine Grossmutter wurde in Endola hoch angesehen. Sie war die Erstgeborene, einer mächtigen und einflussreichen Familie. Nach der magischen Ausbildungsjahre in der Emiva Schule hatte sie einen Weg als Hexe eingeschlagen und war gut darin Kräuter zu verwenden, Tränke herzustellen und mit diesen Andere zu manipulieren. Amandas Mantel glitt eigenständig von ihren Schultern herab und ohne den Boden zu berühren hängte er sich selbst an der Garderobe auf.

Amandas Tochter, meine Mutter, Aralda Cohan, kam die Treppen herunter, auf uns zu. Auch sie bekam einen rosa Kussmund auf die Wange gedrückt. Aralda war die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Wenn man sie nicht kannte, konnte man glatt denken sie sei eine Elfe. Ihre Ohren waren etwas spitz angehaucht, ihre Haut blass, ihr Haar glatt, ihre Augen schmal, ihre Lippen geschwungen, ihre Figur zart.

Sie war nicht Amandas erstes Kind. Über das Erstgeborene von Amanda, wurde nie gesprochen. Es war ein heikles Thema, dass ich mich nicht traute anzusprechen, wenn Amanda anwesend war. Und Aralda wusste genauso viel wie ich. Sie wusste einzig und allein, dass sie das magische Gen nicht in sich trug. Also musste es ein Kind vor ihr gegeben haben.

"Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich die Zweitgeborene bin", hatte sie vor ein paar Jahren zu mir gesagt, "vielleicht bin ich auch an dritter oder fünfter Stelle." Ich hatte sie daraufhin gefragt, warum sie Amanda denn nicht einfach danach fragen würde. Ich bekam als Antwort: "Amandas Kopf ist aus Beton. Dagegen kommt niemand an, nur sie selbst. Sie hat sich dazu entschieden, nicht darüber zu sprechen und diese Entscheidung respektiere ich. Ich gehe davon aus, dass die Dinge einen unschönen Verlauf genommen haben. Irgendetwas Schlimmes muss passiert sein, dass sie dazu brachte darüber zu schweigen."
"Willst du denn nicht wissen, was passiert ist? Lässt es dich nicht verzweifeln, nicht zu wissen, an welcher Stelle du bist und was damals geschehen ist?" Aralda hatte genickt und gesagt: "Natürlich bin ich neugierig. Nur ist es so, dass sich an meinem Leben nichts ändert, wenn Amanda darüber sprechen würde. Ich bin sowieso nicht die Erstgeborene. An welcher Stelle ich bin, ist für meinen weiteren Lebensverlauf unwichtig. Amanda wird schon ihre berechtigten Gründe haben." Für mich war es unverständlich, wieso meine Mutter darauf keinen Wert legte. Von ihr konnte ich meine Neugierde und die Angewohnheit meine Nase in alle möglichen Angelegenheiten zu stecken definitiv nicht geerbt haben.

"Mutter, du bist viel zu früh", sagte Aralda mit zaghafter Stimme und lächelte gedrückt, "hast du meinen Wichtel denn nicht bekommen, den ich dir geschickt habe?" Amanda wedelte mit der Hand. "Doch, doch hab' ich. Er hat mir ausgerichtet, dass ich erst um sieben kommen soll, aber es war mir egal." Ich schaute auf die Uhr. Kurz nach sechs. "Dann hab' ich den Wichtel also umsonst mir einer Büroklammer bezahlt." Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Die Erstgeborenen | ✔️Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt