Natürlich musste ich mich übergeben. Was hatte ich auch erwartet?
Kaum hatte ich wieder festen Boden unter den Füssen gehabt, drehte ich mich von Dean und Trevor weg und entleerte meinen gesamten Mageninhalt, was nicht viel war, da ich in letzter Zeit kaum etwas gegessen hatte.
Dean rieb mir sanft über den Rücken und hielt mir meine Haare zurück. Er war so fürsorglich.
Als ich fertig war, mich aufrichtete und umdrehte erkannte ich, dass St Markolf genau so aussah, wie in meiner Vision. Fast noch etwas beunruhigender. Dunkel und düster. Eiskalt. Die Kirche war gute fünf Minuten von uns entfernt.
Zu meiner Rechten befand sich der Abgrund, darunter das tobende Wasser. Links von mir waren einige Bäume, doch ansonsten nichts anderes als Wiese mit so hohem Grass, dass es mir fast bis zur Hüfte reichte.
Ehe ich überhaupt registrierte, dass es regnete, war ich schon vollkommen durchnässt. Dean und Trevor ebenso.
Und nun wurde mir klar, dass wir etwas ganz wichtiges vergessen haben. "Dean?", fragte ich. "Wie kommen wir wieder zurück? Haben wir noch von diesen goldenen Tickets?"
Er schüttelte den Kopf. "Brauchen wir nicht. Ein Ticket reicht für zwei Wege, mach dir darüber keine Sorgen. Das erklär ich dir nachher, wenn wir das hinter uns haben."
Natürlich machte ich mir Sorgen, wie könnte ich mir keine Sorgen machen?
"Los, wir müssen uns beeilen", drängte uns Dean und machte sich auf den Weg.
Ich hatte nie vorgehabt Luzifer zu begegnen. Am liebsten wäre es mir, wenn ich ihn komplett vergessen und aus meinen Erinnerungen streichen könnte.
"Warte mal", sagte ich und er drehte sich um. "Was ist los? Fühlst du dich etwa noch nicht bereit? Brauchst du noch einen Moment?"
"Doch, aber", ich brach ab, "wir können einfach noch nicht gehen."
Dean trat vor mich. "Wieso nicht? Ist alles okay mit dir?"
"Lass ihr doch die Zeit, die sie braucht", wurde er von Trevor unterbrochen. "Immerhin steht sie jetzt gleich ihrem Vater gegenüber, meinst du nicht "
"Was... wenn das alles schief geht?"
"Hoffen wir einfach, dass alles gut geht."
Ich schnaubte. Das sagte sich so leicht. Trevor kam ebenso auf mich zu. "Wir stehen hinter dir. Du bist nicht alleine, okay?"
Ich fasste mich wieder. Er hatte Recht. Ich hatte keine andere Wahl und falls doch etwas schief gehen würde, so hatte ich zumindest alles gegeben.
Dean griff nach meiner Hand und lächelte mich an. Ich erwiderte seinen Blick. Kurzerhand hatte ich mich auf die Zehenspitzen gestellt und legte meine Lippen auf seine, welche kalt und nass waren. Und schon wieder küssten wir uns im Regen. Das schien wohl unser Ding zu sein.
Dieser Kuss gab mir Kraft. Dean gab mir Kraft. Die Bindung zu ihm hatte sich in eine Richtung entwickelt, von der ich niemals gedacht hätte, dass diese für uns möglich sei.
"Kommt schon". drängte Trevor uns, der schon gute zwanzig Meter vor uns war und nur schweren Herzens löste ich mich von ihm.
"Sind wir Freunde?", fragte er und ich schaute ihn entgeistert an. "Warum fragst du das?"
"Naja. Trevor ist auch mein Freund, Lennard auch. Ich würde sogar sagen, Nova ist meine Freundin. Und doch fühlt es sich bei dir anders an, als bei ihnen. Ich verbringe meine Freizeit lieber mit dir, Neuigkeiten erzähle ich dir zuerst, die Unterhaltungen mit dir geniesse ich am meisten."
Ich wartete darauf, dass er weiter sprach. "Ich hätte mir jeden anderen Moment schöner vorgestellt, dir das zu sagen, aber da dies vielleicht die letzte Möglichkeit dazu ist, tue ich es."
Ich ahnte was er sagen wollte und der Gedanke daran, liess mein Herz höher schlagen.
"Ich habe mich in dich verliebt."
Diese Worte von ihm zu hören lösten andere Gefühle aus, wie es Cosmos Worte getan hatten. Schönere Gefühle.
"Lass uns in Ruhe über alles sprechen, wenn wir zurück sind. Wir werden noch Gelegenheit dazu haben. Aber ich fühle das selbe für dich", gab ich zu.
Dean lächelte. Ich auch.
Trevor stiess die grosse Tür zur Kirche auf und wir traten ein. Es war dunkel. Nur am Altar schien das Mondlicht durch die Glaskuppel hindurch. Der Boden war aus Marmor und bei jedem Schritt hallte es durch die gesamte Kirche. Die Bänke sahen alt und knorrig aus. Es waren nur noch wenige. Die Kirche war bestimmt einmal schön gewesen, doch jetzt sah sie nur noch verlassen aus.
"Wir sollten uns umsehen», schlug Dean vor. Trevor nickte. «Aber bleibt in der Nähe, sonst ist es zu gefährlich.»
Ich drehte mich um und entdeckte vorne am Altar eine grosse Statue eines Engels. Die Flügel reichten fast bis zum Boden. Als ich nahe genug dran war, lass ich das Schild darunter. Engel des Glaubens und des Friedens.Der Engel erinnerte mich an den Traum mit Engel Gabriel. Luzifer war ebenso ein gefallener Engel. Dass gerade hier in dieser Kirche eine Engelsstatue war, kam mir merkwürdig vor. Es musste schon ein sehr grosser Zufall sein, wenn dieser Engel keine Bedeutung hatte.
"Dean, Trevor?", rief ich, ohne mich umzudrehen. "Kommt mal her."
Ich bekam keine Antwort. Als ich mich schliesslich doch umdrehte fehlte von ihnen jede Spur. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.
"Dean? Trevor?", rief ich nochmals, doch bekam keine Antwort. Sie waren nirgends zu sehen.
Ich liess meine Augen umherschweifen. Es konnte doch nicht sein, dass sie auf einmal weg waren. Ehe ich mich weiterumschauen konnte, befanden sich über meinem Kopf unzählige Raben, die umher kreisten und krähten.
Völlig perplex schrie ich auf und hielt mir schützend die Hände über den Kopf.
"Aurelia?", hörte ich Dean rufen und beim Klang seiner Stimme fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich wollte ihm antworten, doch ich brachte kein einziges Wort aus meiner Kehle.
Die Raben mussten sein Gefolge sein. Er war mir also ziemlich nah.
Die Raben verwandelten sich in schwarze Schatten, welche mich zu Boden drückten. Ich hatte keine Chance dagegen anzukommen. Die kalte Luft, wenn ein solcher Schatten an mir vorbei zog, liess mir einen eisigen Schauer über den Rücken laufen. Meine Nackenhärchen stellten sich auf. Ich wollte gegen die schwarzen Schatten ankämpfen und mich aufrichten, doch ich konnte nicht. Sie waren zu stark.
Ich weiss nicht wie lange es dauerte, doch plötzlich waren sie weg und ich kauerte am Boden, unfähig mich zu bewegen. Ich war zu schwach. Es kam mir vor, als hätten die Raben mir meine gesamte Kraft geraubt. Falls das wirklich so sein sollte, dann hatte ich bereits verloren.
Ich hörte nur meinen schnellen Atem und mein Herz klopfen, als würde mein Leben davon abhängen. Ich hob meinen Kopf. Die Bänke waren weg, ebenso der Altar und die Statuen. Einzig und allein der Engel stand immer noch hinter mir.
"Dean?", flüsterte ich, unfähig lauter zu sprechen.
"Er ist nicht hier. Wir sind allein."
Ich drehte mich um.
***
Irgendwie bin ich mit diesm Kapitel nicht so zufrieden, aber dies ist schon die vierte Version, und ich habe keine Lust eine fünfte zu schreiben🥲
Dieses dramatische Ende musste irgendwie sein. Ich will euch die Spannung schliesslich nicht vorwegnehmen hehe :)
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Die Erstgeborenen | ✔️
FantasyIn der magischen Welt Endola gelten Erstgeborene als elitär. Sie besitzen besondere Fähigkeiten die mit sechzehn Jahren in Kraft treten. Aurelia Cohan ist die Erstgeborene und erbt somit das magische Gen ihrer Familie, welches sie in der "Emiva" Sch...