Einundzwanzigstes Kapitel

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Die Reise durch das Portal war schrecklich gewesen. Ich wusste nicht genau, wie lange sie gedauert hatte. Zehn Sekunden? Eine Minute? Unsanft war ich hin und her gewirbelt worden, ich hatte mich tausende Male um die eigene Achse gedreht und mit mir auch mein Magen, samt Inhalt.

In meinen Ohren hatte es höllisch laut gerauscht. Die ganze Zeit hielt ich meine Augen fest geschlossen.

Ich war unsanft in unserem Vorgarten gelandet und hätte mich auf der Stelle übergeben, wenn ich nicht tapfer runtergeschluckt hätte. Diese verdammte Übelkeit.

Nun lag in den Armen meiner Mutter. Kaum hatte ich die Haustür geöffnet, kam sie auf mich zugeeilt. Ich legte meinen Kopf auf ihre Schulter und schloss die Augen.

Auch wenn mich die Ereignisse in Emiva sehr beschäftigte, war ich nun doch froh wieder zuhause bei meiner Familie zu sein. Wie lange ist es schon her, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte? Einen Monat? Zwei? Drei?

Sanft streichelte Aralda meinen Rücken. "Wir haben dich so sehr vermisst, Aurelia."

"Ich hab' euch auch vermisst." Und wie ich das hatte.

Sie schob mich einige Zentimeter von sich weg, um mir in die Augen zu schauen. Sie hatte starke Augenringe, sah müde, fertig und mitgenommen aus.

"Hast du dir Sorgen gemacht?", fragte ich sie.

"Natürlich habe ich das. Wir haben uns alle Sorgen gemacht, Amanda, Valentin, Esmera und ich. Wir haben gehört, was in Emiva passiert ist. Die Schule hat allen Eltern einen Wichtel geschickt, der uns informiert hat."

"Weiss Amanda Bescheid?"

Aralda nickte. "Sie kommt nachher vorbei, dann essen wir schön zusammen. Du musst wissen, Amanda ist ziemlich wütend..."

Ich zog meine Augenbrauen hoch. "Wieso ist sie denn wütend?"

"Na, das hätte alles verhindert werden können..."

"Was hätte verhindert werden können?"

Ich fing mir einen strengen Blick meiner Mutter ein. "Wenn du mich mal ausreden lassen würdest", forderte sie, "der Rat hätte schon gestern etwas unternehmen müssen und Valerie Hawking warnen, die Schule schützen. War doch klar, das sowas passiert."

Ich runzelte die Stirn. Aralda sprach in Rätseln, ich hatte keine Ahnung, was sie mir zu sagen versuchte. "Wovon sprichst du, Mama?"

"Haben Sie euch nichts gesagt?" Ich schüttelte langsam den Kopf. Mein Atem stockte.

"Aaron Sculpt ist die Flucht gelungen. Er ist gestern aus Carcerem ausgebrochen."

Einen Moment lang setzte mein Herzschlag aus. Hatte ich mich gerade verhört, oder hatte sie das wirklich gesagt? Mein Meister wird mich befreien... rief ich mir seine Worte in Erinnerung.

"Ach du scheisse", hauchte ich. Das durfte nicht wahr sein.

***

Aralda wollte das Abendessen kochen, doch Valentin bestand darauf, sich selbst ans Werk zu machen. "Ich habe keine Lust mehr, irgendein neues Rezept von dir zu essen, welches du von irgendwelchen Hippies in der Stadt aufgegabelt hast. Ich koche. Es gibt Spaghetti. Keine Diskussion, Aralda", sagte Valentin.

Ich lag mit Esmera zusammen auf der Couch, als sie mir triumphierend zulächelte. "Hast du gehört? Wir müssen nicht mehr Versuchskaninchen für Mamas Essen spielen." Ich nickte kichernd.

Das Wiedersehen mit Esmera hatte sich überraschender Weise als sehr entspannt herausgestellt. Da ich die Erstgeborene war und nicht sie, war unser Verhältnis schon seit geraumer Zeit etwas angespannt gewesen. Der Abstand hatte uns beiden gut getan. Zuvor war sie ja ständig mit mir und meiner Stelle als Erstgeborene konfrontiert gewesen.

Die Erstgeborenen | ✔️Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt