Kapitel 46

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Ilvy

Zusammen mit meiner Schwester war ich aus dem Fenster geklettert. Hinter uns hatten wir es so gut es ging zugezogen, damit es nicht so kalt im Zimmer wurde. Vor dem Haus trennten sich unsere Wege. "Bis dann Schwesterchen.", sagte ich und wir umarmten uns kurz. Das fühlte sich richtig gut an, da wir das schon länger nicht mehr gemacht hatten. Dann lief sie nach links und ich nach rechts die Straße runter. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich gar keine Sachen dabei hatte. Ich hatte mir nur meine Zahnbürste geschnappt und war dann los. Ich lief die Straßen entlang und war jedesmal erleichtert als der Schein der nächsten Straßenlaterne meinen Weg erhellte, sodass ich mich weniger verfolgt fühlte. Das passierte immer, wenn ich im Dunkeln alleine unterwegs war. Aber ich denke, dass ich nicht die Einzige war, der es so ging. Ich war froh, als ich an der besser beleuchteten Hauptstraße ankam. Hier standen mehr Laternen und die Lichtkegel gingen ineinander über, sodass fast keine unangenehmen dunklen Stellen zu finden waren, durch die ich gehen musste. Am Ende der Straße bog ich dann in die dunkle Seitenstraße ein, in der Gally wohnte. Hier waren fast keine Laternen und der Großteil funktionierte nicht einmal. Meine Knie fingen an zu zittern und ich bekam es mit der Angst zu tun. Dann sah ich jedoch das Haus vor mir und hüpfte schnell die Stufen hoch. Ich schrieb Gally eine Nachricht, weil seine Schwester schon schlief und sie sonst durch die klingel aufgewacht wäre.

Kurz darauf hörte ich etwas die Treppe runter poltern. Wenn die Klingel sie nicht weckte, dann würde sie auf jeden Fall dadurch wach werden. Die Tür wurde aufgerissen und schon zog er mich in seine Arme. "Prinzessin.", nuschelte er in meine Haare. "Du hast so lange gebraucht. Ich hab mir schon Sorgen um dich gemacht." Er schob mich ein wenig von sich weg und ich bemerkte, dass sein T-Shirt ganz nass war. Dann klopfte er an mir herum um den ganzen Schnee von mir abzubekommen. "Du bist ganz kalt. Komm ich mach dir einen Tee." Wie auf Kommando fröstelte ich und er zog mich rein.

Ich fand mich in gefühlte acht Decken eingewickelt, mit dicken Socken und heißem Tee auf seinem Bett sitzend wieder. Er stand an seinem Kleiderschrank und suchte etwas für mich zum anziehen für die Nacht. Er warf mir eine Jogginghose zu. "Die ist mir zu klein. Dir wird sie trotzdem nicht passen aber besser als nichts." Wieder einmal fragte ich mich warum Menschen zu kleine Sachen in ihren Schränken hatten. "Äh, denkst du das passt?", fragte er. Seine Stimme klang gedämpft, weil er mit dem Kopf im Schrank steckte. Ich blickte auf und sah, dass er ein T-Shirt hoch hielt. Automatisch blickte ich auf meine Arme, die in meinem dicken Pulli steckten. Nein. Noch nicht. "Hast du noch was mit langen Ärmeln?", fragte ich ohne aufzusehen. "Was verschweigst du mir?", fragte er. Jetzt steckte er nicht mehr im Schrank und schaute mich besorgt und fragend an. "Nichts." Ich sah ihn an und seufzte. "Aber wenn ich jetzt schon so viele Decken brauche, könnte ich heute Nacht vielleicht erfrieren.", sagte ich und grinste. Mir war verdammt warm aber er hatte sich so rührend um mich gesorgt. Sein Gesicht entspannte sich und verzog sich dann zu einem Grinsen.

Auf der Hose landete der gewünschte Pulli aber ich sah nicht mehr hin. Ich fühlte mich so schlecht weil ich gelogen hatte und sagte, dass ich ihm nichts verschwieg.

Aber eigentlich verschwieg ich ihm wirklich etwas. Und zwar die grausame Wahrheit über meine Vergangenheit.

Ein ganz normales Leben?Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt