Als ich noch klein war und Spielkameraden in der Umgebung selten, zog im Haus nebenan ein kleiner Junge ein. Ich lauerte ihm auf und versuchte, ihn für gemeinsame Aktivitäten zu rekrutieren, denn in unserer Straße gab es fast ausschließlich Erwachsene, und zwar überwiegend nicht junge Erwachsene sondern alte Erwachsene, Überbleibsel aus dem letzten Krieg.
Sie waren alle irgendwann nach dem Krieg in der relativ jungen Straße eingezogen. Wenige Häuser waren älter als ihre Bewohner. Die Kinder, wenn vorhanden, waren längst ausgezogen. Wenige Straßen weiter war die Alters- und Bevölkerungsstruktur eine völlig andere.
Der Junge kam mit seiner Mutter aus Ghana, ein fernes Land, von dem ich zum ersten Mal hörte.
Kurze Zeit später gab es einen Tag der offenen Tür im nahen Krankenhaus. Anlass war die Einweihung der neuen Intensivstation. Es war die erste Intensivstation in dem Krankenhaus und vielleicht in der ganzen Stadt.
Und siehe da: Unsere Nachbarin aus Ghana führte uns durch die niegelnagelneuen Räume, die sich bald mit Patienten füllen sollten. Sie war die neue Leitung der Station.
Die Leitung des Krankenhauses war stolz. Sie hatten Glück. Denn es gab noch kaum Personal für die neue Form der Krankenpflege.
Ich habe mich damals gefragt, ob es in Ghana - anders als in Deutschland - schon länger Intensivstationen gibt, so dass man von dort überschüssiges Personal in das unterentwickelte Deutschland schicken konnte.
Eine Antwort bekam ich erst etliche Jahre später, als ich mich selbst entschloss, die Krankenpflege zu erlernen. Da erklärten unsere Lehrer uns den deutschen Sonderweg. Wir sind so ziemlich das einzige Land auf der Erde, wo die große Krankenpflege nicht in Wirklichkeit ein 5-jähriges Studium ist und wo Pflegekräfte wesentlich weniger können und dürfen als Ärzte.
Das hat schwerwiegende rechtliche, arbeitstechnische und organisatorische Folgen.
Polen:
Eine polnische Krankenschwester erklärte mir viele Jahre später ihren Frust in einem deutschen Altenheim in etwa so: "Wenn in Polen ein Patient mit Blutdruck senkendem Medikament morgens einen normalen oder niedrigen Blutdruck hat, lass ich das Medikament einfach weg und dokumentiere es. In Deutschland häng ich erstmal am Telefon und ruf einen Arzt, denn ich darf dergleichen nicht selber entscheiden.
Bis der Arzt endlich kommt und meine Entscheidung bestätigt, sind meine Abläufe gestört. Es kostet mich alles mehr Zeit und mehr Kraft. Aber ich bekomme nicht mal das volle Gehalt einer deutschen Pflegekraft. Denn der Staat erkennt meine Ausbildung, obwohl besser als in Deutschland und international anerkannt, nicht voll an."
Intensivstation:
Die Intensivstation war lange Zeit in Deutschland der einzige Ort, wo deutsche Pflegekräfte auf dem Niveau des internationalen Standards arbeiten durften. Sie brauchten dafür eine Zusatz-Ausbildung, die sie an internationale Standards heran führte. Erst in den letzten Jahren der Merkel-Ära wurde die Möglichkeit eines Pflege-Studiums nach internationalem Standard eingeführt.
Abschiebung:
Kaum hatte ich den Anfang dieses Kapitels geschrieben, da ist mir eine Petition unter gekommen, wo verzweifelte Angehörige versuchten, die Pflege-Einrichtung zu retten, die ihren demenzkranken Lieben ein sicheres Zuhause bot. Das Problem: Die kolumbianischen Pflegekräfte, die dort arbeiteten, sollten abgeschoben werden. Das wäre das Todesurteil für die Einrichtung. Ich habe natürlich unterschrieben.
Leider ist das nicht die erste Nachricht über die Abschiebung von dringend benötigten Pflegekräften. Irgendwie schafft es die deutsche Bürokratie und Politik mit schöner Regelmäßigkeit, dringend benötigte Arbeitskräfte abzuschieben, weil sie zufällig das Pech hatten, als Flüchtlinge ins Land zu kommen.
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Die Fülle des Lebens
Non-FictionEigentlich wollte ich nur eine Mail schreiben. Doch die wurde zu lang und niemals abgeschickt. Ich wollte einem Bekannten, mit dem ich vor Monaten über Nachhaltigkeit und Entfremdung gesprochen hatte, berichten, welcher stetige Strom an Gedanken aus...
