Finanz-Märkte:
2007 machte mich zum ersten Mal jemand auf die absurden Geldströme aufmerksam, die in Bruchteilen von Sekunden um die Welt rasen und unseren Alltag erheblich mit gestalten. Die weltweite Finanzkrise nach 2007 wuchs auf diesem Boden, die isländische wie die irische und griechische Schuldenkrise ebenfalls.
"Es ist virtuell viel, viel mehr Geld im Umlauf, als real existiert.", sagte er sinngemäß zu mir.
Was er mir beschrieb, war 'Die Reise nach Jerusalem' für Finanzmärkte: Es gibt immer mehr claims, also Ansprüche, als reales Geld. Wer die besseren Rechtstitel hat oder schneller reagiert, hat das Geld. Die anderen gehen leer aus, bezahlen eventuell ruinöse Schulden ab, wie beim Crash des Baubooms und der Krise um faule Immobilienschulden.
Daten und Muster:
Seither hab ich mir einiges an von Forschern und Fachleuten stammenden Aussagen und Literatur mit einem breiten Portfolio an relevanten Teilbereichen, Standpunkten, bevorzugten Formen der Erzählung zu Gemüte geführt und versucht, für mich wenigstens einen Teil der hoch komplexen Muster zu entziffern, in denen sich die Geldströme, die unbemerkt unser Leben gestalten, bewegen. In diesem Kapitel fass ich zusammen, was ich derzeit erkennen und beschreiben kann.
Prinzipien:
Wer Geld hat und es augenblicklich nicht braucht, legt es an, um mehr Geld zu machen. Doch wenn etwas schief geht und ein anderer zuerst zugreift, verliert er. Das war das erste Prinzip, dass mir mein damaliger Gesprächspartner nahe gelegt hat. Inzwischen habe ich eine ziemlich ausführliche Beschreibung dieses Prinzips bei Katharina Pistor in 'The Code of Capital' wieder gefunden.
Interessant, dachte ich mir: Alle reden ständig von Gewinn. Aber in dieser Lotterie sind am Ende die meisten die Verlierer. Es gibt genau genommen immer mehr Verlierer als Gewinner. Und mit jeder Runde verschiebt sich das Verhältnis - zu Ungunsten der Verlierer. Das ist auch, was Katharina Pistor und etliche andere Autoren beschreiben.
Im Laufe der folgenden Jahre ist in mir dann das Bild entstanden, dass das meiste Geld, das es auf der Welt gibt, virtuelles Geld ist, das sich die meiste Zeit ausschließlich auf den Finanzmärkten herum treibt und diese nur gelegentlich verlässt, um aus dem realen Leben noch mehr Geld abzuschleppen. Das ist wie ein Drainage-System. Alles Geld strebt den Finanzmärkten zu, und nur ein kleiner Teil kehrt jeweils für kurze Zeit zurück, um noch mehr Geld für die Finanzmärkte einzusammeln.
Und was macht das ganze Geld auf den Märkten? Es spielt - nach komplexen mathematischen Mustern - Ringelpiez mit Anfassen. Etliche von mir im Laufe der Zeit konsultierte Autor:Innen scheinen dieses Bild zu bestätigen.
Drainage:
Die klassische Lehre ist, dass das Geld der Finanzmärkte der Wirtschaft dient, sie fruchtbar und ertragreich macht wie Wasser eine gut gepflegte Landschaft. Doch was, wenn wir wirtschaftlich wie ökologisch die Landschaft eher trocken legen als bewässern?
Im Laufe der Jahre sind immer mehr Hinweise bei mir angelandet, dass die Gewässer unsere Landschaften eher entwässern als bewässern. Und auch das Finanzsystem wirkt wie eine Drainage.
Was ein Drainage-System mit einer Landschaft macht, sehen wir weltweit zunehmend durch die Klimakrise. Es hinterlässt ausgedörrte, erodierte, unfruchtbare Böden, die nicht mehr genutzt werden können. Was ein finanzielles Drainage-System mit Wirtschaft und Gesellschaft anstellt, sehen wir weltweit in wachsender Not, Ungleichheit, prekären Jobs und Lebensverhältnissen, Angst, Hass und Wut.
Wasser:
Als Peter Andrews die ausgetrocknete australische Landschaft zu lesen versuchte und sich fragte, wo all das Wasser ist, das hier fehlt, fiel ihm auf, dass es an manchen Stellen Flüsse gegeben hatte, die nun ausgetrocknet waren, dass diese Flüsse in der Landschaft eine andere Funktion hatten und das Land damals nicht so trocken war.
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Die Fülle des Lebens
Non-FictionEigentlich wollte ich nur eine Mail schreiben. Doch die wurde zu lang und niemals abgeschickt. Ich wollte einem Bekannten, mit dem ich vor Monaten über Nachhaltigkeit und Entfremdung gesprochen hatte, berichten, welcher stetige Strom an Gedanken aus...
