29 | Illusion

28 7 12
                                        

Ich fühle mich schuldig. Wie so oft ... Aber vielmehr ihm gegenüber, dass ich es auszuhalten habe. Wenigstens etwas zu erwidern, bevor ich flüchte. Ich suche in meinem Hirn, krame dort herum. Nach passenden Worten, ohne eine Antwort geben zu müssen. Meine Muskeln spannen sich von Neuem an.

Warum? Warum ist das so wichtig? Ich kann nicht. Nein, das geht einfach nicht. Meine Geschichte? Wozu ist die wichtig? Das ist lächerlich. Mit jeder Sekunde, in der ich seinen bohrenden Blick spüre, als würde er mir dadurch zwei Brandmale auf meine Wange einbrennen, verkrampfe ich mich nur noch mehr. Ruhe. Pah. Wie dumm von mir. Wie konnte ich nur denken, dass ich diese finden könnte?! Dumm, lächerlich, unfähig ... Ja, das alles bin ich. Dazu träume ich offenbar zu gerne von Illusionen. Trotz seiner wachsenden Ungeduld wartet er ab, was mich jedoch nicht beruhigt. Im Gegenteil. Es schürt meine Schuld.

»Muss ich das erzählen? Meine gesamte Geschichte?« Meine Stimme klingt leicht gereizt, was so nicht sein sollte. Es rührt wahrscheinlich von meiner Anspannung und meiner Verzweiflung her.

»Nein«, antwortet er. »Müssen gar nicht. Und deine gesamte Geschichte sowieso nicht.« Ich höre ihn ausatmen. Ihn scheint es auch anzustrengen. Warum setzt ihm das zu? »Ich meinte das ernst. Letzte Nacht, als wir hier saßen«, eröffnet er mir.

»Was genau?«, frage ich überrumpelt nach.

»So wie du, habe ich gesagt. Du bist auch nach wie vor hier ...«

»Willst du, dass ich gehe?«, wiederhole ich meine Eingangsfrage.

»Mo, das habe ich nicht gemeint.«

»Ich weiß«, gebe ich zu.

Nur ganz leicht drehe ich meinen Kopf, sodass ich mehr aus dem Augenwinkel von ihm wahrnehmen kann. Er fährt sich mit den Händen über sein Gesicht. Wenn ich nicht über die anderen mitbekommen hätte, dass er ebenfalls siebzehn Jahre alt ist und nächsten Monat achtzehn wird, würde ich es nicht glauben. In manchen Situationen wirkt er so unglaublich viel jünger – aufgrund seines idiotischen Verhaltens – und in anderen unbegreiflich reifer, ebenso wegen seiner Handlungen oder eher wegen dem, was er sagt. Warum setzt ihn das zu, was mit mir ist? Das kann ihm doch egal sein. Warum bekomme ich diese Frage nicht aus mir heraus? Angst, ploppt sofort in meinem Schädel auf. Angst wovor?

»Vielleicht kannst du ja irgendetwas von dir erzählen, hm?«, spricht er mich gelassener und sanfter an. Diese seine Stimmfarbe weckt den Wunsch in mir, in seine Augen zu blicken. Ich könnte mir vorstellen, dass sein wundervolles Blau nun wieder atemberaubend funkelt. Doch mein Gesicht bleibt nach vorne gewandt.

»Ein Anfang wäre vielleicht ein guter Beginn, um ...«, versucht er es weiter.

Mein Magen. Ein neuer Klumpen bildet sich. Doch er schafft es zumindest, dass ich mich nicht von diesem Fleck bewege, fällt mir irritierend schockierend auf.

»Niemand hier kennt dich, also nicht so wirklich.«

So wie ich selbst. Ich bin eine Illusion. Es gibt eine Vielzahl davon. So viele, wie ich eben erschaffen habe. Also wie soll ich anderen dann die Mo kennenlernen lassen?

»Mo, ich will dich nicht bedrängen. Tut mir leid. Ich spreche nur meine Gedanken und Sorgen aus. Ich weiß auch gerade nicht so richtig, was gut ist.«

Tja, wer weiß das schon. Und mich nicht bedrängen? Äh ... Dafür tust du aber ganz schön viel ... Vielleicht nicht ganz fair, aber was ist das schon?!

»Wie sollen wir Vertrauen aufbauen?«

Was? Mit einer immensen Wucht wurde gerade die Mitte meines Bauchraums zusammengefaltet und mehrmals wie in einer Waschmaschine auf Höchststufe durchgeschleudert. Wie lange die Nudeln noch drin bleiben ...?

»Die Situation nach dem Essen eben ...« Boah, hör auf ... Mir ist schon schlecht ... »Und dein Gesichtsausdruck, als ich den Schülerausweis erwähnt habe ...« Er kann es sich wohl denken ... »Es kam nicht gleich bei mir an, auch wenn es mir komisch vorkam. Aber nach dem du vorgetanzt hast, was wirklich mega spitze war, kam es mir. Du gehst nicht zur Schule oder?«

Was soll ich darauf sagen? Danke für das Kompliment und du bist ein wahrer Meister im detektivieren, Baggy?! Ich halte meinen Mund, denn ich weiß nicht, welcher Damm zuerst bricht.

Der, der meine Tränen zurückhält oder der, der mein Mageninhalt aufhält. Wie sollen wir Vertrauen aufbauen? Raus! Wie sollen wir Vertrauen aufbauen? Raus!

Es kommt, wie es immer kommt.

Ich schiele auf meinen Seesack. Ja, ich wusste es. Es war ein Trugbild. Eine kurze schöne Illusion.

»Ich bin ein Findelkind!«, schreie ich gefühlt aus mir heraus. Es wird jedoch halb erstickt.

Egal von welchem FleckGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt