Am nächsten Morgen wachte ich mit einem schwer zu definierenden Gefühl auf. Die gestrigen Ereignisse schwirrten noch immer in meinem Kopf, und ich konnte kaum glauben, wie nah wir uns gekommen waren. Nathon und ich hatten uns geküsst, und es war kein einfacher, flüchtiger Kuss gewesen. Es war etwas viel Intensiveres, das meine Gedanken und Gefühle völlig durcheinandergebracht hatte. Aber anstatt glücklich und beschwingt zu sein, war ich nun erfüllt von Unsicherheit und einer leisen Angst.
Als ich mich streckte und meine Augen öffnete, war Nathon nicht mehr da. Sein Platz im Bett neben mir war leer, nur die Decke war noch leicht zerwühlt. Ein leises Gefühl der Enttäuschung überkam mich. Warum war er nicht geblieben? Hatte ich etwas falsch gemacht?
Ich schüttelte den Gedanken ab und versuchte, mich auf den Tag zu konzentrieren. Doch je mehr ich versuchte, mich abzulenken, desto stärker drängten sich die Erinnerungen an den gestrigen Abend zurück in meinen Kopf. Ich fühlte mich hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, Nathon näherzukommen, und der Angst, dass unsere Beziehung dadurch komplizierter werden könnte.
Beim Frühstück herrschte eine seltsame Stimmung. Laurie, Ethans Mutter, war wie immer freundlich und aufmerksam, und Ethan erzählte begeistert von seinen Plänen für den Tag. Doch Nathon war distanziert. Er vermied meinen Blick, sprach kaum ein Wort, und als er mich ansah, war da eine Unsicherheit, die mich verwirrte. Was war geschehen? Hatte er es bereut?
Nachdem wir alle fertig waren und sich Laurie und Ethan auf den Weg gemacht hatten, um Besorgungen zu erledigen, blieb ich mit Nathon allein im Haus. Die Stille zwischen uns war schwer und unangenehm. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und ging in mein Zimmer, in der Hoffnung, dort etwas Klarheit zu finden.
Doch die Ruhe half mir nicht weiter. Meine Gedanken drehten sich im Kreis, immer wieder landete ich bei den gleichen Fragen. Was wollte ich eigentlich von Nathon? Und was wollte er von mir? Es war schwer, diese Gefühle zu sortieren, zumal alles so neu und intensiv war. Ich fühlte mich wie ein Teenager, der das erste Mal verliebt ist – unsicher, nervös und voller Erwartungen.
Irgendwann klopfte es leise an meiner Tür. Mein Herz setzte einen Schlag aus, und ich spürte ein Kribbeln in meinem Magen. „Herein“, sagte ich, und versuchte, meine Stimme ruhig klingen zu lassen.
Nathon trat ein, eine Mischung aus Unsicherheit und Entschlossenheit in seinem Blick. „Lena, können wir reden?“ fragte er und schloss die Tür hinter sich. Ich nickte, unfähig, etwas zu sagen. Er setzte sich auf die Bettkante und sah mich an, als suche er nach den richtigen Worten.
„Was passiert ist… gestern Abend…“, begann er langsam, „ich wollte nicht, dass es so schnell geht. Ich meine, ich wollte es, aber… ich habe Angst, dass es alles kompliziert macht.“
Ich atmete tief durch. „Ich verstehe, Nathon. Es war intensiv, und ich weiß auch nicht genau, was ich fühle. Aber ich weiß, dass ich bei dir sein möchte.“
Sein Gesichtsausdruck entspannte sich etwas, aber die Unsicherheit blieb. „Ich will auch bei dir sein, Lena. Aber ich weiß nicht, wie das hier weitergehen soll… mit uns beiden, unter einem Dach. Ich will nicht, dass es uns kaputt macht oder dass Laurie und Ethan es erfahren und uns dann verurteilen.“
Ich verstand, was er meinte, auch wenn es schmerzte. „Vielleicht sollten wir es langsam angehen lassen“, schlug ich vor. „Keine überstürzten Entscheidungen.“
Er nickte. „Ja, langsam klingt gut. Aber wir müssen ehrlich zueinander sein. Ich will nicht, dass du denkst, ich würde dich meiden oder dass es mir egal ist. Es ist nur… es ist neu und irgendwie überwältigend.“
„Mir geht es genauso“, gestand ich. „Aber vielleicht können wir es einfach versuchen, Schritt für Schritt.“
Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ja, Schritt für Schritt.“
Den Rest des Tages verbrachten wir damit, zusammen zu sein, ohne die Nähe zu erzwingen, die uns beide so durcheinander gebracht hatte. Wir schauten Filme, aßen Pizza, die Nathon selbst zubereitet hatte, und sprachen über belanglose Dinge. Doch jedes Mal, wenn sich unsere Blicke trafen, war da dieses Wissen, dieses unausgesprochene Verlangen, das sich nicht so einfach ignorieren ließ.
Es war, als wären wir auf einer Gratwanderung – immer kurz davor, die Balance zu verlieren und uns vollständig in diesen Gefühlen zu verlieren. Aber wir gingen es langsam an, wie wir es versprochen hatten. Auch wenn es schwer war.
Am Abend, als ich mich bettfertig machte, spürte ich, wie die Anspannung des Tages langsam von mir abfiel. Nathon war bereits in seinem Zimmer, und ich war mir sicher, dass er genauso über den Tag nachdachte wie ich. Irgendwie fühlte es sich gut an zu wissen, dass wir beide auf demselben Weg waren, auch wenn wir noch nicht wussten, wohin er uns führen würde.
Ich legte mich ins Bett und zog die Decke bis zum Kinn. Meine Gedanken kreisten weiter um ihn, um seine Nähe, die mich verunsicherte und gleichzeitig anziehend war. Bevor ich einschlief, spürte ich ein leises Lächeln auf meinen Lippen. Vielleicht würde alles gut werden. Vielleicht fanden wir einen Weg, zusammen zu sein, ohne alles zu zerstören.
Aber sicher war ich mir nicht. Und das war es, was mir schlussendlich den Schlaf raubte.
DU LIEST GERADE
Heartstrings in the U.S
RomantikDie 17-jährige Lena beginnt ihr Austauschjahr in einem beschaulichen amerikanischen Städtchen, wo sie von der Familie Collins aufgenommen wird. Zwischen den alltäglichen Abenteuern und dem neuen Leben entwickelt sie eine unerwartete Verbindung zu Na...
