Kapitel 53

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Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als ich die Augen öffnete. Ein ungewohntes Gefühl lastete auf mir – es war keine Müdigkeit, sondern etwas Tieferes, das in meinem Inneren nagte. Neben mir lag Nathon, sein Atem ruhig und gleichmäßig. Noch gestern hatte seine Nähe mich beruhigt, doch heute fühlte sich alles anders an, als ob eine unsichtbare Wand zwischen uns entstanden wäre.

Vorsichtig schob ich die Decke zur Seite und setzte mich auf. Draußen hörte ich das leise Rascheln der Blätter im Wind, das Plätschern des Sees, und das entfernte Rufen der Vögel. Diese Geräusche hatten mir sonst immer Frieden gebracht, doch heute spürte ich eine wachsende Unruhe. Irgendetwas stimmte nicht.

Ich zog mich leise an, darauf bedacht, Nathon nicht zu wecken, und verließ das Schlafzimmer. In der Küche blieb ich kurz stehen und starrte hinaus auf den See. Der gestrige Tag, der so idyllisch und perfekt gewesen war, fühlte sich plötzlich an wie ein ferner Traum. Heute war alles schwerer, realistischer, und die Leichtigkeit der letzten Wochen war einer unterschwelligen Anspannung gewichen, die ich nicht ganz einordnen konnte.

Mit einem tiefen Atemzug öffnete ich die Tür nach draußen. Die kühle Morgenluft schlug mir entgegen, klar und erfrischend. Ich schlang die Arme um mich, als ob ich mich gegen die Kälte schützen wollte, doch die Unruhe in meinem Inneren blieb. Langsam ging ich den Pfad hinunter zum See, der gestern noch so friedlich gewesen war. Heute spiegelte sich in der glatten Oberfläche etwas, das ich nicht benennen konnte – eine dunkle Vorahnung, die mein Herz schneller schlagen ließ.

Als ich am Ufer ankam, setzte ich mich auf den alten Holzsteg und ließ meine Beine ins Wasser baumeln. Die Kühle des Wassers war eine willkommene Ablenkung von den wirren Gedanken in meinem Kopf. Ich hatte das Gefühl, dass sich etwas Unvermeidliches näherte – ein Moment, der alles verändern würde.

„Lena?“ Nathons Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und sah ihn am Ende des Stegs stehen. Seine Augen waren noch halb verschlafen, aber in seinem Blick lag etwas, das mich beunruhigte. Es war, als ob auch er die Veränderung spürte, die in der Luft lag.

„Ich wollte dich nicht wecken“, sagte ich leise und zwang mich zu einem Lächeln, das sich falsch anfühlte.

„Schon okay“, antwortete er, doch in seiner Stimme schwang etwas mit, das mich frösteln ließ. Er setzte sich neben mich auf den Steg, und für einen Moment saßen wir schweigend da, nur das Plätschern des Wassers war zu hören.

„Was ist los, Lena?“ Nathon durchbrach schließlich die Stille, seine Stimme sanft, aber besorgt. „Du bist so anders heute Morgen.“

Ich wollte antworten, ihm sagen, was in mir vorging, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Wie sollte ich ihm erklären, was ich selbst nicht verstand? Dass ich plötzlich das Gefühl hatte, wir würden auf etwas zusteuern, das alles verändern könnte? Stattdessen schaute ich auf den See hinaus, suchte nach den richtigen Worten.

„Ich weiß es nicht“, gab ich schließlich zu. „Irgendetwas fühlt sich... falsch an.“

Nathon legte eine Hand auf meine, seine Berührung warm und beruhigend. „Es gibt keinen Grund, dich zu sorgen“, sagte er, doch seine Worte überzeugten mich nicht ganz. „Was auch immer es ist, wir werden es zusammen durchstehen.“

Ich nickte, doch die Unruhe in mir blieb. Vielleicht lag es an der Intensität der letzten Tage, an den Gefühlen, die in mir hochgekocht waren, oder an der Tatsache, dass ich mich plötzlich in einem Leben wiederfand, das sich schneller entwickelte, als ich es fassen konnte. Aber in diesem Moment, während wir dort am Steg saßen, fühlte ich die Distanz zwischen uns wachsen, als ob die unsichtbare Wand sich weiter verstärkte.

Wir blieben noch eine Weile dort sitzen, doch die Stille, die früher so angenehm gewesen war, lastete jetzt schwer auf uns. Schließlich stand ich auf, zog Nathon sanft mit mir und schlug vor, zurück zur Hütte zu gehen. Wir brauchten etwas Zeit, um uns wieder zu finden, dachte ich. Doch tief in mir wusste ich, dass dieser Tag, dieser Morgen, mehr als nur ein kleiner Riss in unserer Beziehung bedeutete.

Als wir den Steg verließen und zurück zur Hütte gingen, hatte ich das Gefühl, dass wir nicht nur zum Ausgangspunkt unserer Wanderung zurückkehrten, sondern auch an den Anfang vom Ende – ein Ende, das ich noch nicht ganz begreifen konnte, das aber unaufhaltsam näher rückte.

Heartstrings in the U.SGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt