Kapitel 44

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Ich lehnte meinen Kopf gegen die Fensterscheibe des Zuges und beobachtete die vorbeiziehenden Lichter. Meine Gedanken waren noch immer in den Wellen gefangen. Das kalte Wasser, der leblose Körper, die verzweifelten Wiederbelebungsversuche – all das blitzte immer wieder vor meinem inneren Auge auf.

Doch dann spürte ich einen leichten Stoß. "Wir sind gleich da", sagte Johanna leise. Ich nickte nur und rieb mir müde die Schläfen.

Als der Zug in den Kölner Hauptbahnhof einfuhr, stiegen wir mit unseren Taschen aus. Auf dem Bahnsteig herrschte geschäftiges Treiben. Mia und Johanna entdeckten schnell ihre Eltern, die sie mit offenen Armen empfingen. Ich blieb einen Moment stehen und suchte nach Tommy, doch nirgends war eine vertraute Gestalt zu sehen.

"Kommt gut nach Hause!" rief Mia mir noch zu, bevor sie mit Johanna in der Menge verschwand. Ich zwang mich zu einem Lächeln und hob die Hand zum Abschied. Dann holte ich mein Handy aus der Tasche und checkte meine Nachrichten. Keine neue Nachricht von Tommy.

Ich überflog unseren alten Chatverlauf – und da fiel es mir auf. Ich hatte ihm die falsche Ankunftszeit geschickt.

Seufzend steckte ich das Handy weg und entschied mich, einfach nach Hause zu laufen. Die frische Nachtluft tat gut, und auch wenn meine Beine schwer waren, brachte der Spaziergang mich wenigstens auf andere Gedanken.

Als ich die WG erreichte, war die Wohnungstür nicht abgeschlossen. Ich stieß sie vorsichtig auf und trat ein. In der Küche brannte noch Licht, und ich hörte Stimmen.

"Da bist du ja endlich", sagte Tommy und drehte sich zu mir um. Neben ihm sitzen Alex, Franco und Paul am Tisch. Auf der Tischplatte lag eine aufgeklappte Zeitung. Eine Zeitung mit meinem Gesicht darauf.

Ich blieb abrupt stehen. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in meiner Brust breit.

"Maya... warum hast du nichts gesagt?" Tommys Stimme klang weder wütend noch vorwurfsvoll – eher besorgt.

Ich presste die Lippen aufeinander. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

"Du hast einen Mann aus dem Wasser gezogen. Und ihn gerettet! Das steht hier schwarz auf weiß!" Alex deutete auf die Schlagzeile. "Wie konntest du uns das verschweigen?"

"Ich... wollte nicht, dass ihr euch Sorgen macht", murmelte ich.

Tommy schnaubte. "Nicht, dass wir uns Sorgen machen?! Maya, du hast dich in Lebensgefahr gebracht und es niemandem erzählt!"

Plötzlich redeten alle durcheinander. Warum hatte ich es verheimlicht? Was war wirklich passiert? Ich spürte, wie mein Kopf immer schwerer wurde. Meine Gedanken waren zu laut, die Stimmen zu schrill.

"Es ist vorbei", sagte ich leise, aber niemand hörte mich.

"Maya!", rief Tommy. "Red mit uns!"

Doch ich konnte nicht. Nicht jetzt. Nicht so.

Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um, lief aus der Küche und verschwand in meinem Zimmer.

Ich schloss die Tür, lehnte mich dagegen und schloss die Augen.

Warum fühlte es sich nicht wie ein Sieg an, sondern wie eine Last?

Kaum hatte ich mich auf mein Bett sinken lassen, klopfte es an meiner Tür. Erst leise, dann fordernder.

"Maya? Bitte mach auf." Tommy. Seine Stimme klang gedämpft durch das Holz.

Ich zog die Knie an meine Brust und schwieg.

"Wir wollen doch nur mit dir reden", kam es von Paul.

Ich biss mir auf die Lippe. Die Enge in meiner Brust wurde schlimmer. Sie bedrängten mich, auch wenn sie es nicht wollten. Ich konnte nicht reden. Nicht jetzt.

Nach einer Weile wurde es still, doch ich wusste, dass sie noch da waren. Ich hörte, wie jemand leise seufzte und sich auf den Boden vor meiner Tür setzte. Dann kam eine ruhige Stimme.

"Hey, ich bin noch da. Kein Druck, okay? Ich bleib einfach hier", sagte Phil.

Ich atmete schwer. Er drängte mich nicht. Keine Vorwürfe, keine Fragen. Einfach nur da sein.

Nach einer Weile begann ich zu reden. Erst stockend, dann immer flüssiger. Ich erzählte von dem Mann im Wasser. Von der Kälte, der Angst. Vom Krankenhaus. Der Polizei. Dem Einbruch.

Alles.

Phil sagte nichts, bis ich fertig war. Dann atmete er leise aus. "Das war eine Menge."

Ich nickte, obwohl er es nicht sehen konnte.

"Danke, dass du mir das erzählt hast", sagte er dann. "Du bist nicht allein, Maya."

Zum ersten Mal an diesem Abend glaubte ich ihm vielleicht ein bisschen.

Phil Sicht

Ich blieb noch eine Weile vor Mayas Tür sitzen. Ich hörte ihren gleichmäßigen Atem und wusste, dass sie endlich etwas Ruhe gefunden hatte. Leise stand ich auf und ging zurück in die Küche.

Tommy und die anderen sahen mich gespannt an. "Und?" fragte Tommy sofort. Seine Hände lagen verkrampft auf dem Tisch.

Ich ließ mich auf einen Stuhl sinken und rieb mir kurz die Schläfen. "Sie hat mir alles erzählt."

Tommy setzte sich aufrechter hin. "Und warum hat sie es mir nicht gesagt? Warum euch nicht?"

Ich schüttelte den Kopf. "Das hat nichts mit dir zu tun, Tommy. Sie hat Angst. Und sie wollte uns nicht belasten. Sie dachte, wenn sie nichts sagt, kann sie einfach weitermachen."

Tommy presste die Lippen zusammen. "Aber sie hätte es sagen müssen. Ich bin ihr Bruder. Sie hätte mich einweihen müssen."

"Vielleicht weiß sie nicht, wie", sagte ich leise. "Vielleicht hat sie es so lange mit sich selbst ausgemacht, dass es einfacher ist, zu schweigen."

Tommy starrte auf die Zeitung vor sich. "Verdammt, Maya..."

Ich seufzte. "Gib ihr Zeit. Heute war viel für sie. Mehr, als wir uns vorstellen können."

Die anderen nickten langsam. Schließlich stand Tommy auf. "Ich werde mit ihr reden. Morgen. Wenn sie bereit ist."

Ich hoffte, dass er ihr wirklich die Zeit ließ, die sie brauchte.

Mein BruderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt