Kapitel 62

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Eine ganze Woche war vergangen wie ein Sturm: laut, schnell, chaotisch – und trotzdem hatte jeder Moment sich angefühlt, als würde die Zeit stehen bleiben.



Mein Atem dampfte in der kalten Morgenluft, während meine Schuhe über den Asphalt schlugen.
Ich hasste Joggen. Immer schon.
Es fühlte sich an, als würde mein Körper bei jedem Schritt protestieren.

„Warum tu ich mir das eigentlich an...", murmelte ich und blieb kurz stehen, die Hände auf den Knien abgestützt.

Der Wind brannte in meinen Wangen, mein Knie tat weh, und ich hätte so gerne kehrtgemacht.

Doch dann sah ich es vor mir.
Die Halle in Frankfurt.
Den EM-Kader.
Den Moment, wenn sie die Namen vorlesen würden.
Meinen Namen.

Ich richtete mich auf, atmete tief durch und sagte leise zu mir selbst:

„Weil es mein Traum ist."

Dann lief ich weiter.



Der Arzt blätterte durch meine Unterlagen, ohne wirklich hochzuschauen.

„Europameisterschaftskader, hm?", meinte er mit einem Tonfall, der mich sofort würgen ließ.
„Große Ziele. Sehr große. Für jemanden in deinem Alter."

Ich presste die Lippen zusammen.
Es klang, als wollte er sagen: Zu groß.

„Ich schaffe das", sagte ich ruhig.

Er hob eine Augenbraue, lächelte knapp.
„Wenn du meinst."

Ich fühlte, wie es in mir brodelte.
Aber dann atmete ich tief ein – und erinnerte mich daran, wofür ich hier war.

Ich will das. Es ist mein Traum.



Der Psychologe war freundlich, aber sein Blick war weich. Zu weich.

„Du wirkst sehr sensibel, Maya", sagte er. „Diese Kaderauswahl... sie ist hart. Sehr hart."

Ich nickte. „Ich weiß."

„Vielleicht...", fuhr er fort, „überfordert dich das ein bisschen? Du hast viel erlebt. Und du bist nicht der Typ, der einfach alles wegsteckt."

Da platzte es aus mir heraus – leise, aber fest:

„Ich weiß, wer ich bin. Und genau deswegen will ich das. Ich hab dafür gearbeitet. Ich habe dafür gekämpft. Und ich kann das."

Er lächelte – diesmal anders.
Nicht mitleidig.
Sondern respektvoll.

„Dann schreibe ich das Gutachten. Du willst es wirklich, hm?"

Ich lächelte zurück.

„Ja. Ich will das



Der Physiotherapeut drückte auf meine Wade, ich zuckte zusammen.

„Autsch!"

„Mhm", murmelte er. „Nicht ideal. Für jemanden, der meint, zum EM-Kader zu wollen."

Ich verdrehte die Augen. „Schon wieder."

Er sah mich überrascht an.

„Alle sagen das", erklärte ich knapp. „Aber ich lasse mich nicht aufhalten."

„Gut", meinte er schließlich. „Dann arbeite ich mit dir so hart, wie du es willst. Also... wie sehr willst du das?"

Ich hob das Kinn.

„Mehr als alles andere."



Ich stand vor dem Bildschirm, während Markus auf Pause drückte.
Mein Sprung – eingefroren in der Luft.

„Guter Ansatz", sagte er. „Aber du brauchst mehr Druck aus dem Anlauf. Für den Kader werden sie dich damit auseinandernehmen."

Wieder dieser Stich.
Wieder dieser Satz.

Ich nickte und spürte die Entschlossenheit in mir brennen.

„Ich weiß. Und ich mach's trotzdem."

Markus grinste.

„Genau das liebe ich an dir."




Regen prasselte gegen mein Fenster.
Ich saß auf meiner Bettkante, die Knie angezogen, mein Handy dunkel auf dem Bett.

Die ganzen Meinungen der Woche –
die Blicke
die Zweifel
die Andeutungen –
sie klebten an meinen Gedanken wie nasser Sand.

Aber darunter, irgendwo tief, war meine Stimme.

Leise, dann klarer:

„Ich will das. Ich weiß, dass ich das will."

Der Regen wurde stärker.

Ich auch.



Am Küchentisch ging es laut zu.
Olli erzählte von einem Patienten, der beim EKG eingeschlafen war.
Paul beschwerte sich darüber, dass sein Kollege die Dienstpläne durcheinandergebracht hatte.
Philip lachte so laut, dass fast sein Tee überlief.

Ich saß mittendrin.
Unsichtbare Gedanken kreisten über meinem Kopf wie dunkle Vögel.
Und trotzdem dachte ich nur an eins:

EM-Kader.
Frankfurt.
Mein Traum.

Niemand fragte, wie es in mir aussah.
Vielleicht war das gut so.



Ich lehnte mich gegen die Wand neben der Küche.

„Sag mal", meinte Felix, „bist du eigentlich schon komplett im Vorbereitungswahnsinn? Du klingst so, als würdest du vier Kilo Druck mit dir rumtragen."

Ich lachte leise. „Mehr so sieben."

„Maya?"

„Hm?"

„Du willst das doch, oder?"

Ich schloss die Augen.
Da war es wieder.
Dieses warme, klare Gefühl in meinem Bauch.

„Ja", flüsterte ich. „Ich will das. Ich will da hin."

Felix' Stimme wurde weich:

„Dann schaffen wir das. Du und ich. Kader, Frankfurt, alles. Wir rocken das."

Ich lächelte.

Ich will das. Es ist mein Traum.



Ich stand in meinem Zimmer.
Vor mir ein leerer Koffer.
Offen wie eine große Frage.

Ich starrte ihn an – und dann klopfte es leise an meiner Tür.

„Maya?", hörte ich Tommys Stimme.

Ich drehte mich um.

Er trat ein, sein Blick sanft und ein bisschen besorgt.

„Alles okay bei dir? Du wirkst... still."

Ich öffnete den Mund –
ein Wort, ein Satz, eine Wahrheit wollte heraus –

Mein BruderGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt