Ich wusste nicht genau, ob ich mich an den Küchentisch setzen oder einfach wieder umdrehen und in mein Zimmer verschwinden sollte. Die WG war an diesem Abend voller als sonst, aber gleichzeitig lag eine merkwürdige Ruhe in der Luft. Vielleicht, weil alle versuchten, Tommy und Franco noch ein bisschen zu schonen. Vielleicht auch, weil jeder merkte, dass ich nervös war, obwohl ich so tat, als wäre alles normal.
Phil stand am Herd und rührte in einer viel zu großen Pfanne Nudeln. „Ich schwör's euch, die Schwestern in der Klinik haben ein eigenes Serien-Universum verdient", erzählte er breit grinsend. „Also, erinnert ihr euch an den Pfleger Noah? Der mit den viel zu guten Haaren?"
Ich setzte mich langsam an den Tisch und zog die Beine an mich. Tommy und Franco hatten es sich gerade auf ihren Stühlen bequem gemacht, beide müde, aber ein bisschen Farbe war immerhin wieder in Francos Gesicht zurückgekehrt. Oli lehnte im Türrahmen und lachte und Phillip kam gerade aus dem Badezimmer.
„Was ist mit dem Haar-Gott?" fragte Franco heiser.
Phil drehte sich dramatisch um. „Der ist jetzt mit der neuen Praktikantin zusammen. Die mit den bunten Socken. Die beiden haben sich wohl beim Einrenken eines Wirbels ineinander verliebt."
Ich musste lachen. „Phil, das klingt wie eine schlechte ARD-Serie."
„Ey, würde ich sofort gucken!", rief er.
Paul schüttelte nur den Kopf, grinste aber. „Dir ist auch nicht mehr zu helfen."
„Genau deshalb haltet ihr mich ja hier!" Phil klatschte die Nudeln auf die Teller und stellte sie in die Mitte. „So. Essen. Und danach, Maya, kannst du erzählen, was auch immer du uns erzählen willst. Du hast den ganzen Tag ausgesehen, als hättest du ein gigantisches Geheimnis."
Mein Herz machte einen schmerzhaften Hüpfer. Ich wusste, dass der Moment heute kommen musste. Ich hatte es mir vorgenommen. Ich hatte eine Woche lang alles vorbereitet, organisiert, geordnet. Ich war zu viel bei Ärzten rumgehockt, hatte mich von einem Physiotherapeuten durchkneten lassen, dem ich meine ganze Lebensgeschichte erzählt hatte, und ich hatte mit Markus telefoniert, mit Felix geschrieben, mich mit Listen beruhigt und gleichzeitig verrückt gemacht.
Und jetzt würde ich es sagen. Oder ich würde es wenigstens versuchen.
„Okay", begann ich leise, während die anderen sich ihre Teller nahmen. „Ähm... bevor jemand irgendwas sagt – bitte lasst mich das ausreden. Wirklich. Einfach... kurz durchziehen."
Tommy hob sofort beide Hände. „Alles klar."
Franco, Oli und Phillip nickten.
Phil setzte sich mir gegenüber und musterte mich, als hätte ich gerade verkündet, dass ich die WG verlassen würde.
Und Paul schaute mich mit hogezogenen Augenbraue an.
Ich atmete tief durch. Kurz. Langsam. Wieder und wieder.
„Also... vor zwei Wochen hat Markus mit mir gerdet nach dem Trainig."
Meine Stimme klang zu dünn, zu hell, zu fremd.
„Ich hab ein Angebot bekommen. Für den EM-Kader. Also nicht direkt für die Europameisterschaft, sondern für die Auswahl davor. Da wird entschieden, wer für Deutschland antritt."
Tommy riss die Augen leicht auf – ich hob aber sofort meine Hand.
„Warte. Bitte. Ich erklär's."
Er schloss den Mund wieder.
„Ich hab zuerst total Panik bekommen", gab ich zu. „Wirklich Panik. Ich dachte, ich kann das nicht. Ich bin nicht gut genug. Mein Kopf ist nicht stabil genug. Und dann... naja, dann ist das mit Leon passiert, und ich wollte eigentlich alles absagen, weil es sich nicht richtig angefühlt hat."
Phil sah kurz zu Tommy, der die Stirn runzelte, aber ruhig blieb.
„Felix hat wenige Tage später also....", ich lachte nervös, „er hat's mir schon vorher gesagt. Dass er auch eingeladen wurde. Und er hat es dann nochmal erwähnt. Und irgendwie... hat er mich daran erinnert, wie lange ich dafür gekämpft habe. Dass ich das immer wollte. Wirklich immer."
Ich spürte, wie meine Hände zitterten.
„Er meinte, das wird unser Abenteuer. Dass wir das zusammen schaffen. Und... ja."
Ich hob mein Handy an. „Ich hab Markus geschrieben, dass ich dabei bin. Noch in derselben Nacht."
Paul schnappte leise nach Luft. Oli zog sharf aber mit stolzer Miene die Luft ein.
„Und ich wollte euch das sagen, aber Tommy, Franco... ihr wart nicht da, und es ging euch nicht gut, und dann war so viel Chaos. Also hab ich's aufgeschoben. Vielleicht zu lange."
Ich senkte meine Hände langsam auf den Tisch.
„Ich hab inzwischen alles organisiert", fuhr ich fort. „Ich habe Arzttermine gehabt, Bluttests, psychologisches Gutachten bestellt, Physiotherapie. Ich trainiere wieder mehr, ich jogge, ich achte auf Ernährung. Ich hab sogar mit dem Verband telefoniert, damit die wissen, dass ich es ernst meine."
Die Worte liefen immer schneller aus mir heraus.
„Und ich weiß, dass es gerade eine schwierige Zeit ist. Für euch. Für alle. Ich weiß, dass das nicht perfekt passt. Aber... es ist mein Traum. Mein ganz großer Traum. Und ich... ich will das. Wirklich."
Ich schluckte hart. „Also ja. Ich bin dabei. Ich werde in ein paar Wochen zum EM-Kader fahren."
Stille.
Nur das leise Ticken der Küchenuhr.
Tommy sah mich an – zuerst überrascht, dann etwas weicher. Franco stützte seinen Kopf gegen die Lehne, ganz ruhig. Phil sah aus, als würde er gleich platzen.
Ich wartete.
Atmete.
Bereitete mich auf alles vor.
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Mein Bruder
FanfictionIhr erster Bruder ist vor fünf Jahren gegangen,ihre Eltern sind gestorben und ihr anderer Bruder der immer für Sie da war musste vor vier Monaten zum Außen Einsatz als Sanitäter bei der Bundeswehr. Dies ist meine erste Geschichte über Maya und ihre...
