Kapitel 54

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Zurück in der WG schloss ich leise die Tür auf. Es war später Vormittag. In der Küche hing noch immer der Duft von Kaffee, aber niemand war zu sehen. Ich stellte meine Tasche ab, zog Jacke und Schuhe aus und ging direkt in mein Zimmer.

Ich streifte Jeans und Shirt ab und schlüpfte in meine schwarzen Leggings. Der Stoff spannte leicht über meinen Oberschenkeln, weil ich vom vielen Training kräftige Beine hatte. Dann zog ich ein ärmelloses, dunkelblaues Top darüber, band meine Haare noch einmal fester und prüfte kurz, ob mein Tape, mein Magnesium und mein Turnanzug für später in der Tasche waren.

In der Küche mixte ich mir schnell eine Smoothie Bowl. Banane, Beeren, Haferflocken, ein Schuss Mandelmilch. Ich streute noch Chiasamen oben drauf und setzte mich an den Küchentisch. Der Löffel klirrte leise an der Schale.

Meine Arme fühlten sich schwer an, meine Gedanken waren immer noch bei Leon. Doch gleichzeitig kribbelte es in meinen Fingerspitzen. Training war mein Anker. Wenn alles zu viel wurde, half nur Turnen.

Eine halbe Stunde später machte ich mich auf den Weg. Die Halle roch nach Turnmatten, Harz und einer Ahnung von Schweiß. Stimmen hallten von den Wänden. Meine Trainingsgruppe war schon da, manche dehnten sich, andere schwangen sich probeweise an die Reckstange.

„Hey Maja!" rief Jana, eine meiner Teamkolleginnen, und winkte mir zu.

„Hey!" Ich winkte zurück, hängte meine Tasche an einen Haken und zog meine weißen Turnschläppchen an.

Wir begannen mit Aufwärmen: Laufen, Sprungläufe, Seilspringen. Danach kamen die Kraftübungen. Klimmzüge, Stützkraft, Bauchmuskeln bis die Arme brannten. Ich liebte es. Die Anstrengung, das Brennen in den Muskeln, das Gefühl, meinen Körper komplett unter Kontrolle zu haben.

Dann ging es an die Geräte.

Zuerst Schwebebalken. Der vier Zentimeter schmale Balken wirkte jedes Mal ein bisschen wie ein Drahtseil. Ich atmete tief durch, sprang auf, setzte die Drehung perfekt. Ich fühlte mich leicht, fast schwerelos.

Dann Stufenbarren. Ich schwang mich hoch, die Hände fest an der Stange. Kippe, Felgumschwung, Handstand. Magnesiumstaub wirbelte durch die Luft.

Sprung kam als Nächstes. Ich rannte an, sprang aufs Sprungbrett, katapultierte mich hoch, Schraube, perfekte Landung.

Zum Schluss Boden. Musik, Bewegungen, Salti, Schrauben, kraftvolle Sprünge. Der federnde Boden war wie Fliegen.

Wir sammelten uns schließlich um unseren Trainer, Markus. Er klatschte in die Hände.

„Mädels, sehr stark heute", sagte er. „Aber ich hab noch was Wichtiges. In zwei Wochen ist der Kader-Lehrgang in Frankfurt. Da werden die Turnerinnen für die Europameisterschaft nominiert. Maja, ich will dich unbedingt dabei haben."

Ich blieb wie angewurzelt stehen. Mein Herz schlug schneller.

„Echt jetzt?"

Markus nickte. „Du bist in Top-Form. Wenn du das durchziehst, hast du eine echte Chance."

Jana rief: „Maja bei der EM, das wär so geil!"

Ich lachte, obwohl mein Magen sich gleichzeitig zusammenzog. Leon, die ganze Sache zu Hause, die Angst, ihn wieder zu verlieren... und jetzt das. Europameisterschaft.

Markus sah mich ernst an. „Du musst entscheiden, was du willst. Aber du hast es drauf, das weißt du."

Ich nickte langsam. „Okay. Ich überleg's mir."

Aber tief in mir wusste ich es längst. Ich wollte es. Mehr als alles andere.

Mein BruderGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt