Kapitel 53

167 5 0
                                        

Nach dem Frühstück ging ich in mein Zimmer. Meine Sporttasche lag schon gepackt in der Ecke, aber bevor ich ins Training konnte, wollte ich zuerst zu Leon.

Ich zog die Schranktüren auf. Der Geruch von Waschmittel kam mir entgegen. Für die Klinik wählte ich eine einfache Jeans, ein lockeres weißes Shirt und eine hellgraue Strickjacke. Ich band meine Haare zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen und musterte mein Spiegelbild. Meine Augen sahen ein wenig müde aus.

„Geht schon", murmelte ich mir selbst zu.

Als ich aus dem Zimmer kam, stand Thomas noch immer in der Küche. Er trank jetzt Kaffee.

„Soll ich mitkommen?" fragte er.

Ich schüttelte den Kopf. „Ich fahr lieber alleine. Vielleicht will Leon ja wieder reden."

Thomas nickte nur, und ich griff nach meiner Tasche und meinen Schlüsseln. Draußen hing der Himmel immer noch grau über der Stadt.

Im Krankenhaus roch es wie immer nach Desinfektionsmittel. Ich kannte den Weg inzwischen im Schlaf. Die Station war ruhig, nur das Piepen der Monitore mischte sich in die Stille.

Leon lag wach im Bett, als ich ins Zimmer kam. Sein Blick war ein wenig klarer als beim letzten Mal.

„Hey, Großer", sagte ich leise.

Er drehte den Kopf zu mir und ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. Seine Lippen bewegten sich kaum. „Maja."

Mein Herz zog sich zusammen. Ich setzte mich vorsichtig auf die Bettkante. Seine Hand lag auf der Decke, dünn, die Haut leicht gelblich. Langsam legte ich meine Hand auf seine.

„Wie geht's dir heute?" fragte ich.

„Müde", flüsterte er. „Alles... so schnell."

Ich nickte. „Du musst dir Zeit lassen. Du musst gar nichts."

Er schloss kurz die Augen. Dann öffnete er sie wieder. „Warst... oft hier?"

„Jeden Tag", sagte ich. „Ich hab dir sogar manchmal was vorgelesen. Weißt du das?"

Er überlegte. „Bisschen... Stimmen... Licht... War alles... weit weg."

Ich schluckte. Seine Stimme klang brüchig, aber da war ein Funken in seinen Augen, den ich beim letzten Mal noch nicht gesehen hatte.

„Du bist hier. Du bist zurück", sagte ich.

Er versuchte zu lächeln. „Training?"

Ich musste lachen. „Immer noch Turnerin. Heute auch wieder Training. Schwebebalken, Stufenbarren, Sprung, Boden. Das volle Programm."

„Europameisterschaft?" fragte er plötzlich.

Ich starrte ihn an. „Woher...?"

„Immer... dein Traum."

Es war, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Tränen stiegen mir in die Augen.

„Ja", flüsterte ich. „Vielleicht. Mal sehen."

Er drückte meine Hand. Ganz schwach, aber es war ein Druck.

„Mach's... für dich."

Ich beugte mich vor und küsste ihn sanft auf die Stirn. „Ich muss gleich ins Training. Aber ich komme morgen wieder, okay?"

Er nickte kaum merklich.

Als ich das Zimmer verließ, war mein Herz gleichzeitig schwer und leicht.

Mein BruderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt