Kapitel 61

86 5 0
                                        


Die Stille dauerte so lange, dass ich dachte, ich hätte vielleicht doch einfach die Küche verlassen sollen. Oder sofort wieder abgesagt. Oder mich unter dem Tisch verstecken.

Doch dann räusperte sich Tommy als Erster.

„Maya...", begann er vorsichtig, schob seinen Stuhl ein Stück zurück und lehnte sich nach vorne. Die Ellbogen auf den Tisch. „Ich... ich bin stolz auf dich."

Ich blinzelte.

Er lächelte klein. „Wirklich. Auch wenn ich gerade kurz Herzrasen hatte. Aber hey... mein kleines Schwesterchen im EM-Kader? Das ist doch irre."

Phil klatschte sofort beide Hände an sein Gesicht. „Alter, das ist nicht irre, das ist krank. Maya, wie kannst du sowas einfach so erzählen, während wir essen? Ich kann doch jetzt nicht mehr normal Nudeln kauen!"

Franco hob eine Augenbraue, aber er wirkte... warm. „Ich finde es gut, dass du's machst", sagte er leise. „Du hast ein Talent. Und... du wirkst wieder wie du. Zumindest ein kleines Stück."

Ich spürte, wie meine Augen plötzlich brannten.

In dem Moment klopfte es an der Küchentür – und Alex steckte den Kopf durch den Spalt.

„Ey, ich hab gehört, ihr esst— warum guckt ihr alle, als hätte jemand euch gesagt, dass der Kühlschrank explodiert?"

„Maya ist im EM-Kader", sagte Phil dramatisch und zeigte auf mich wie auf eine Trophäe.

Alex starrte mich an. Dann noch mal. Dann riss er den Mund auf.
„WAS?! Maya! Wieso— seit wann— hä?!"

Bevor ich antworten konnte, kam Stephan hinter ihm reingeschlurft, das Handy in der Hand, Kopfhörer halb im Ohr. „Was ist los? Ich hör nur Geschrei."

„MAYA. EM-KADER!" brüllte  und zeigte wieder.

stephan zog die Kopfhörer raus. „Bro... what?"

Ich lachte nervös. „Ja... ich... hab's euch noch nicht gesagt..."

Stepjhan schüttelte den Kopf, setzte sich an den Tisch und deutete auf mich. „Ich hab's gewusst. Ich hab's gewusst! Du warst die letzten Tage so... geheimnisvoll. So... organisiert. So... voll in deinem Sportlerfilm. Ich hab's gerochen."

„Du hast gar nichts gerochen", warf Alex ein.

„Doch! Meine Intuition ist stabil."
Stephan schob sich einen Teller Nudeln und wirkte plötzlich richtig stolz. „Ey, Maya, wirklich. Das ist heftig."


Ich atmete aus. Langsam. Erleichtert. Überwältigt.
Alle sahen mich an. Aber diesmal nicht besorgt, nicht kritisch, nicht skeptisch.

Sondern... stolz. Und irgendwie beeindruckt.
Und plötzlich fühlte sich der Kloß in meinem Hals nicht mehr wie Panik an.

„Also ja", sagte ich, „ich fahr hin. Zusammen mit Felix."

Oli kicherte. „Ahaaaa. Mit Felix. Jetzt wird's interessant."

Paul boxte ihm gegen die Schulter. „Lass sie. Sie ist jetzt ein EM-Mädchen. Die darf machen, was sie will."

Ich verdrehte lachend die Augen.

Phil schob mir eine Schüssel Nudeln hin. „Hier. Essen. Sonst klappst du uns noch um, bevor du überhaupt das erste Training hast."

Es fühlte sich an wie ein warmes, weiches, leuchtendes Chaos.
Und zum ersten Mal seit Langem... wie Zuhause.

Mein BruderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt