Kapitel 50

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Der Flur war unheimlich still. Nur irgendwo in der Ferne piepste ein Monitor, ganz regelmäßig, fast wie ein Atem. Hinter geschlossenen Türen hörte man gedämpfte Stimmen, und dieser scharfe Geruch nach Desinfektionsmittel lag in der Luft – irgendwie hatte er sich schon in meinen Kopf eingebrannt.

Am Ende des Gangs stand jemand. Ein Mann in einem weißen Kittel, vielleicht Mitte fünfzig. Er sah ruhig aus, freundlich, und hielt ein Klemmbrett in der Hand. Als er uns sah, kam er uns ein paar Schritte entgegen und streckte die Hand aus.

„Frau... äh, Maja, richtig? Und Sie sind... Thomas Schmidt?"
Tommy nickte nur.
„Ich bin Dr. Krämer. Ich kümmere mich um Leon, seit er hier ist. Schön, dass Sie da sind."

Ich versuchte zu lächeln, aber es fühlte sich irgendwie falsch an. Meine Wangen waren ganz taub.

„Wie geht es ihm?", fragte ich direkt. Ich konnte einfach nicht warten. Ich musste es wissen. Jetzt.

Dr. Krämer nickte langsam und warf einen kurzen Blick auf sein Klemmbrett.
„Leon ist vor ungefähr zwei Stunden aufgewacht. Aus dem Koma. Das ist erstmal eine richtig gute Nachricht. Aber... wir müssen vorsichtig bleiben. Er ist noch sehr schwach. Die letzten Wochen waren hart für seinen Körper – Organe, Muskeln, alles. Er kann sprechen, ja, aber nur ganz leise. Und er wirkt ein bisschen durcheinander. Was in dieser Phase normal ist."

Tommy runzelte die Stirn. „Weiß er, wer er ist? Oder wer wir sind?"

Der Arzt atmete einmal tief durch. „Er hat Sie beide erwähnt. Namentlich. Das ist ein gutes Zeichen. Aber sein Gehirn braucht noch Zeit. Es ist, als müsste er sich langsam aus einem dichten Nebel wieder ins Hier und Jetzt kämpfen. Wichtig ist: kein Stress, keine langen Gespräche. Seien Sie einfach da."

Ich nickte und merkte, wie fest ich meine Tasche umklammerte. Mein Herz klopfte wie verrückt.

„Darf er regelmäßig Besuch bekommen?", fragte ich leise.

„Ja. Aber nur einzeln. Und auch nur kurz. Sie können gleich nacheinander rein – wer möchte zuerst?"

Tommy sah mich an. Ohne ein Wort deutete er mit einer kleinen Bewegung: Geh du.

Ich schluckte, dann nickte ich.

Dr. Krämer schenkte mir ein kleines, aufmunterndes Lächeln. „Dann kommen Sie mit."

Er drehte sich um und ging voraus. Ich folgte ihm – mit Herzklopfen, das bis in die Fingerspitzen pochte, und der Hoffnung, dass Leon mich noch erkannte.
Dass er mich noch fühlte.
Uns.

Mein BruderWo Geschichten leben. Entdecke jetzt