Was ein Upgrade

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Die Sonne steht noch tief am Himmel, taucht das Wohnheim in warmes Licht und die Luft draußen ist voller Sommer. Diese Art von Luft, bei der man weiß, dass es nie ganz dunkel werden wird. Nicht richtig. Nicht heute.
Harry sitzt auf seinem Bett, das Handy vibriert leise auf seinem Oberschenkel.

Louis 19:12 Uhr – In 20 Minuten bei der alten Bushaltestelle am Südtor. Bring gute Laune mit. Und vielleicht ein bisschen Appetit.

Er grinst. Schon wieder. Schon den ganzen Tag über. Eigentlich wollte er sich nicht anmerken lassen, wie sehr er sich auf das heutige Treffen mit Louis freut, aber sein Gesicht macht da irgendwie nicht mit.
Er tippt schnell zurück:

Me 19:13 Uhr – Was ist, wenn ich nur Hunger mitbringe und Laune zu Hause lasse?

Louis –19:13 Uhr – Dann küsse ich dich, bis sie wieder da ist.

Harry schnaubt leise, legt das Handy weg und steht auf. Wieder dieses Grinsen, wieder die Schmetterlinge im Bauch. Er ist verloren. Vollkommen. Aber dieses Mal stört es ihn nicht im Geringsten.

Zayn liegt auf dem Bauch auf seinem Bett, ein Skizzenblock vor sich, den Kopf in die Hand gestützt. Er zeichnet meistens, wenn er nachdenken will. Oder eine Pause vom Lernen braucht. "Das macht den Kopf frei", hat er einmal gesagt.
Der Lockenkopf kramt ein halbwegs sauberes Shirt aus der Schublade, zieht es über den Kopf und kontrolliert sein Spiegelbild kurz. Nicht zu auffällig. Nicht zu bemüht. Einfach... normal.
„Du gehst raus?", fragt Zayn, ohne den Blick von seinem Block zu heben.
„Nur kurz", murmelt Harry. „Ein bisschen frische Luft."
Zayn hebt den Blick, mustert seinen besten Freund. Rote Wangen, erhitzte Haut, nervöses zucken der Finger. Frische Luft. Ist klar.
„Triffst du dich etwa mit jemandem?"
Es liegt kein Spott in Zayns Frage. Nur reine Neugier und auch ein hauch von Freude.
Der Körper des Lockenkopfes bleibt allerdings mitten in der Bewegung stehen. Er sieht Zayn nicht an, merkt aber sofort, wie ihm die Hitze ins Gesicht schießt.
Mist. Er kennt dieses Gefühl. Die Ohren. Immer zuerst die Ohren.
„Was? Nein! Also... nicht wirklich... also..."
Er bricht ab. Super.
Der Schwarzhaarige hebt eine Augenbraue, sein Mund zuckt kaum merklich.
„Du bist knallrot."
„Bin ich nicht", sagt Harry viel zu schnell. „Ist warm. Sommer. Kreislauf. Sonne."
Sein bester Freund sagt nichts, sieht ihn einfach nur weiter an. Nur kann er das Grinsen nun nicht mehr unterdrücken.
Harry streicht sich nervös durchs Haar und seufzt.
„Es ist echt nichts Großes. Nur... raus. Kopf frei kriegen. Ich... muss mal ein bisschen atmen."
Zayns Blick bleibt ruhig, warm.
„Okay. Du musst mir nichts erzählen, Haz. Nur... wenn's jemand ist, der dich zum Lächeln bringt, dann freue ich mich für dich. Und dann ist's auch okay, wenn du rot wirst."
Harrys Brust zieht sich zusammen. Vor Rührung. Und ein bisschen vor schlechtem Gewissen. Ein leises "Danke" huscht über seine Lippen, gefolgt mit einem zaghaften Lächeln.
Zayn nickt, wendet sich wieder seinem Block zu.
„Hab einfach einen schönen Abend, okay?"
Harry öffnet die Tür, bleibt noch kurz stehen.
„Zee?"
Ein Brummen.
„Du bist der Beste."
Ein Lächeln.
„Ich weiß."

Die Sonne ist fast weg, als Harry das Südtor erreicht, aber es ist immer noch warm. Das Pflaster unter seinen Sneakern ist aufgeheizt, seine Hände schwitzen ein bisschen. Vor Aufregung.'
Dann sieht er das Auto.
Silber. Alt. Irgendwas zwischen süß und klapprig. Louis hat sich Liams Wagen geliehen. Oder geklaut. Beides ist möglich.
Und davor steht Louis. In Shorts und einem Shirt, die Hände in den Taschen, die Lippen zu einem kleinen Grinsen verzogen. Er beugt sich vor, öffnet ihm die Beifahrertür.
Kommentarlos steigt der Lockenkopf in den Wagen, ein kurzer Blick, dann startet der Motor.

Die Fahrt dauert nicht lang, aber lange genug, dass Harry merkt, wie sein Herz langsam den Takt ändert. Nicht mehr dieses nervöse Stolpern von vorher. Eher dieses ruhige, schwere Pochen, das sagt: Ich will genau hier sein.
Louis fährt mit einer Hand am Lenkrad, die andere liegt locker auf Harrys Oberschenkel. Das Fenster ist halb geöffnet, warme Luft streicht ihnen um die Gesichter und aus den alten Boxen dudelt leise irgendwas, das Harry nicht kennt, aber trotzdem mag.
„Sag jetzt nicht, wir fahren irgendwo hin, wo ich Opfer von einem Serienmörder werde", murmelt Harry, während sie von der Landstraße auf einen noch schmaleren Weg einbiegen.
„Kommt darauf an, wie sehr du dich über mein Essen beschwerst", kontert Louis grinsend.
„Ich beschwere mich nicht. Ich kritisiere mit Stil."
„Wie ein Yelp-Rezensent mit Ego-Problemen."
Harry schnaubt.
„Dafür gibt es einen Stern abzug."
"Das wird mein Ruin sein."

Dann hält Louis plötzlich an. Mitten im Nichts. Rechts ein kleines Feld, links ein kaum sichtbarer Trampelpfad, der zwischen Bäumen verschwindet. Ein kleiner Bach gluckert irgendwo im Hintergrund. Es ist warm, es duftet nach Gras und Erde. Sommer eben.
Der Ältere greift auf den Rücksitz, zieht eine Decke und einen kleinen Rucksack hervor.
"Nur ein kleiner Fußmarsch", verspricht er und hält Wort. 
Wenige Schritte später kommen sie an.

Sie stehen auf einer kleinen Lichtung. Nichts Besonderes. Aber irgendwie auch doch.
Ein paar große Steine, ein krummer Baum, der sich halb über das Gras neigt. Der Bach ist jetzt lauter, ein paar Grillen zirpen. Die Sonne schickt letzte goldene Strahlen durchs Blätterdach.
Louis breitet die Decke aus, setzt sich hin und beginnt, Dinge aus dem Rucksack zu holen.
Harry bleibt noch einen Moment stehen, sieht sich um.
„Weißt du, dass das fast romantisch ist?"
Louis rollt die Augen, aber er grinst dabei.
„Wenn du das noch einmal sagst, stopfe ich dir kalte Penne in den Mund."
„Kalte Penne? Wirklich?"
„Gekocht. Persönlich. Mit meiner Seele."'
Harry setzt sich neben ihn, lehnt sich zurück und sieht zu, wie Louis zwei Plastikboxen aufklappt.
„Okay, das ist wirklich Pasta."
„Sage ich doch."
„Und die hast du gekocht? Selbst? Ohne Hilfe? Ohne heimlich bestellen und in Plastikboxen umfüllen?"
„Vielleicht bringe ich doch um."
„Nee, das ist viel zu warm heute. Du müsstest dich anstrengen und darauf hast du keine Lust."
Louis schweigt. Kurz. Dann reicht er ihm einen Löffel.
„Kau und schweig."

Die Pasta ist tatsächlich gut. Nicht spektakulär. Aber irgendwie genau richtig.
Louis liegt auf dem Rücken, ein Arm hinter dem Kopf, der andere locker ausgestreckt. Harry liegt diagonal auf der Decke, den Kopf auf Harrys Schoß und genießt die warme Luft und die Stille.
„Ich hab keinen Plan, wie man sowas hier macht", sagt Louis schließlich in die Dämmerung. Ohne aufzusehen. Einfach so.
Harry sieht zu ihm hinauf.
Sowas wie was genau?"
„Date. Beziehung. Gefühle nicht in einem brennenden Haufen Chaos ertränken."
Der Lockenkopf grinst leicht.
„Du schlägst dich nicht schlecht."
„Ich hab dich in die Wildnis entführt, weil ich Angst hatte, dass jemand aus unserem Freundeskreis uns sieht. Das ist nicht gerade reif."
„Ich find's irgendwie süß. So auf deine gestörte Art."
Das entlockt dem Älteren doch tatsächlich ein kleines Lachen.
„Toll. Ich bin süß und gestört. Was ein Upgrade."
„Immerhin besser als süß und tot, falls du wirklich ein Serienmörder gewesen wärst."
„Ich kann dich trotzdem noch umbringen. Ich hab noch genug Penne im Auto."

Ein Moment vergeht. Dann dreht Louis den Kopf zu ihm, sieht ihn an.
„Ich hab dich nicht hergebracht, um dir was vorzumachen."
„Tust du auch nicht."
„Ich will das ernst. So... richtig. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie. Und auch wenn ich Angst hab, dass ich's verkack."
Harry sieht ihn an. Und obwohl da immer noch Unsicherheit in seinem Bauch tobt, weiß er, dass es genau das ist, was er hören musste.
„Du darfst es verkacken", sagt er leise. „Solange du uns nicht gleich wegwirfst."
„Ich werf nichts weg, wenn es mit dir zu tun hat."
„Okay, das war jetzt doch kurz kitschig."
Ein Schnauben, dann: „Halt die Klappe und küss mich, Wischmopp."

Und dann tut Harry genau das.
Ein Kuss, mitten im Nichts, umgeben von Sommerluft und Rascheln im Gras. Kein Feuerwerk. Kein Orchester.

Nur zwei Idioten auf einer Decke, die nicht genau wissen, wie man dieses Spiel spielt. Aber sie spielen es gemeinsam. 

Salt&CaramelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt