Ich weiß...

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Harry kann sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so lange im Bett gelegen und einfach nachgedacht hat. Vielleicht war es nach der Trennung von seinem ersten Freund? Oder als Wyatt beschlossen hat, ein vollkommen anderer Mensch zu werden?
Jetzt fühlt es sich jedenfalls schwer an. Weil er sich eingestehen muss, dass Louis unter seine Haut geht. Dass das hier nicht mehr nur Spaß ist. Dass es nie nur Spaß war. Irgendwie.

Er dreht sich auf die Seite und vergräbt sein Gesicht im Kissen. Der Film, den er und Zayn vorhin gesehen haben, läuft immer noch in Endlosschleife auf dem Laptop, aber er achtet nicht darauf. Zayn ist vor einer Stunde zu Liam gegangen, hat sich aber mindestens dreimal vergewissert, dass Harry nichts braucht. Dass er wirklich allein sein will.

Und jetzt liegt er hier und denkt über Spielplätze nach.
Ob er die verdammte Schaukel ist.
Eben noch uninteressant, aber kaum will jemand anderes sie benutzen, muss das eine Kind natürlich auch wieder drauf.
„Ich bin doch keine verdammte Schaukel", murmelt er frustriert in sein Kissen.
Aber warum fühlt es sich dann genau so an?

Bevor er diesen Gedanken weiter ausführen kann, klopft es an der Tür.
Überrascht ist er nicht. Er hat tatsächlich damit gerechnet.
Er steht widerwillig auf, trottet zur Tür und öffnet sie.
Louis.
Natürlich.
Harrys Herz macht diesen dummen Sprung, den er sich selbst verbieten will.
Der Ältere sieht ihn an, die Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen, als wäre ihm plötzlich doch nicht mehr so wohl bei der ganzen Sache.
„Was willst du?", fragt Harry und klingt müder, als er möchte.
Louis hingegen schnaubt leise. „Zayn meinte, du bist krank."
„Ach, und da musst du natürlich persönlich nachsehen?"
Louis verlagert sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Vielleicht."
Es ist nicht die Antwort, die Harry erwartet hat. Und es ist auch nicht die Entschuldigung, die er eigentlich hören will.
„Kann ich vielleicht reinkommen?"
Harry zögert. Er sollte die Tür vor Louis' Nase zuschlagen, ihn ignorieren, ihn genau so behandeln, wie es dieser verdammte Gnom verdient hat. Aber stattdessen macht er einen Schritt zurück, lässt Louis wortlos eintreten und schließt die Tür hinter ihm.

„Also?", fragt Harry, verschränkt die Arme vor der Brust und lehnt sich gegen die Tür.
Louis fährt sich mit einer Hand durch die Haare und sieht ihn an. Es ist dieser Blick, der Harry manchmal das Gefühl gibt, dass da mehr ist. Dass Louis das hier genauso wenig kaltlässt wie ihn selbst.
„Ich hätte das nicht so sagen sollen", sagt Louis schließlich.
„Du meinst, du hättest nicht sagen sollen, dass ich dein Besitz bin?"
„So hab ich das nicht gemeint."
„Ach nein?"
Louis schnaubt erneut und tritt einen Schritt näher. „Hör auf, mir das Wort im Mund herumzudrehen."
„Hör du auf, mich wie dein verdammtes Spielzeug zu behandeln."
Louis' Augen blitzen auf. „Ist es das, was du denkst? Dass du für mich ein Spielzeug bist?"
Harry presst die Lippen aufeinander.
„Ich bin doch keine verdammte Schaukel, Louis", murmelt er dann.
Louis blinzelt. „Was?"
„Vergiss es."
Aber Louis lässt nicht locker. „Was meinst du damit?"
Harry lacht bitter. „Ein Kind spielt die ganze Zeit im Sandkasten, aber kaum geht ein anderes auf die Schaukel, muss es natürlich auch darauf. Ist das nicht genau das, was du tust?"
Louis sagt nichts. Und das macht Harry nur noch wütender.
„Es ist doch so, oder?" Harrys Stimme zittert leicht, aber er redet weiter. „Solange niemand anderes mich will, bist du cool damit. Aber kaum zeigt jemand Interesse, musst du natürlich dein Revier markieren."
Louis öffnet den Mund, schließt ihn wieder.
„Sag was", fordert Harry.
Louis sieht ihn an. „Du bist keine verdammte Schaukel."
„Dann behandel mich nicht so."

Es ist still zwischen ihnen.
Harrys Herz schlägt viel zu laut.
Und dann murmelt Louis: „Ich war eifersüchtig."
Harrys Atem stockt.
Louis sieht weg, als würde es ihm schwerfallen, das zuzugeben. „Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber ja, verdammt. Ich war eifersüchtig."
Und da ist es. Das Wort, das Harry hören wollte.
„Auf Rick? Warum?", fragt er leise.
Louis weiß doch, dass Harry kein Fan von ihm ist.
Louis sieht ihn wieder an. „Er sieht dich an,als hätte er eine Chance. Und vielleicht... Hat er eine?"
„Nein", murmelt der Lockenkopf, seine Stimme rau. „Ich habe kein Interesse an ihm."
Harry geht zwei Schritte auf Louis zu. Plötzlich sind sie nah. Zu nah, um noch so zu tun, als wäre das hier nur Spaß.
Sie sehen sich an, ihre Blicke schmelzen ineinander und beinahe ist es so, als wenn sie die Worte hören, die niemand hier ausspricht.
Ich brauche Rick nicht, weil ich dich habe.
Dann spürt er Louis' Lippen auf seinen.
Und er küsst ihn zurück.

Louis' Lippen sind warm, weich, aber bestimmt und Harry verliert sich für einen Moment in dem Kuss. Er vergisst die ganze verdammte Diskussion, das Chaos in seinem Kopf, alles. Da ist nur noch Louis.
Aber dann blitzt ein Gedanke auf.
Er ist verloren.
Er kann das so nicht mehr.

Harry zieht sich zurück, sein Atem geht etwas schneller. Louis sieht ihn an, die Stirn leicht gerunzelt. „Was?"
Harry schüttelt den Kopf. „Das hier... ändert nichts daran, dass du dich wie ein Arsch verhalten hast."
Louis verdreht die Augen.
„Habe ich mich doch gerade für entschuldigt."
„Nein, hast du nicht. Du hast nur gesagt, dass du eifersüchtig warst."
Louis brummt. „Himmel, Harry, was willst du denn hören?"
„Dass ...-", er verstummt. Das weiß er eigentlich selbst nicht so genau.
Er weiß nur, dass er so nicht weiter machen kann. Er ist jetzt schon zu tief in dieser Sache drin. Die Schmetterlinge in seinem Bauch, die Vorfreude auf die Wochenenden...
Er will am Ende nicht verletzt werden und genau das wird passieren, wenn das hier weitergeht.

Ein tiefes Seufzen kommt über Louis' Lippen, dann umfasst er Harrys Gesicht und zwingt ihn somit, ihn anzusehen.
„Hör zu", beginnt er und atmet zitternd ein.
„Es ist schräg, okay? Ich meine... wir kennen uns eine Ewigkeit und konnten uns nie leiden und dann... dann sind all diese Dinge passiert."
Harry nickt und schluckt. Es sind aber nicht nur die Dinge. Vielmehr sind es die Gespräche, die sie geführt haben, wenn sie nach den Dingen stundenlang nebeneinander im Bett lagen. Sie waren es, die Harry den wahren Louis gezeigt haben und auch sie waren es, die Harrys Herz zum rasen bringen.
„Es ist einfach... dieser Wurm... Ich...", Louis schüttelt den Kopf. „Ich sehe einfach rot, wenn ich sehe, wie Rick sich an dich ranmacht. Und du bist einfach viel zu höflich, um ihm deine Meinung zu sagen."
Kurz schließt der Lockenkopf seine Augen, atmet tief ein und senkt dann seinen Blick.
„Wir können so aber nicht weitermachen... das... es wird nicht gut enden."
Nachdenklich betrachtet Louis den Jüngeren, lässt seinen Daumen sanft über dessen Wange streichen.
„Ich weiß..."

Harry kann nicht anders, als den Kopf zu schütteln. „Aber du bist eifersüchtig."
Louis' Blick wird wieder dunkler. „Ich bin eifersüchtig."
Harry schluckt.
Na toll. Was soll er denn jetzt damit anfangen?

Salt&CaramelWo Geschichten leben. Entdecke jetzt