Ich laufe leise zum Medizinschrank und öffne ihn. Was nun Fog? Nimm Wolfswurz hervor. Jetzt weiss ich, was du vorhast! Wolfswurz ist so ziemlich das einzige Wirksame Gift gegen Werwölfe. In Rudeln verwendet man dieses vor allem, um Verletzte zu betäuben. Doch wenn man zu viel davon gibt, kann ein Werwolf daran sterben. Ich suche den Behälter für den Wolfswurz. Hat er überhaupt Wolfswurz hier? Ich hoffe es, sonst geht mein kompletter Plan zunichte. Ich verdrehe auf diesen Kommentar hin nur meine Augen. Tia, wie gesagt: Wir sind fantastische Sucher. Aber leider miserable Finder. Wie oft willst du den noch bringen? Oft.
Ich unterdrücke einen Seufzer und suche weiter. Endlich entdecke ich das Gesuchte. Langsam greife ich nach dem Glas. Es sieht aus wie ein Glas in dem Gewürz aufbewahrt wird. Doch eigentlich ist es etwas komplett anderes. Eine Waffe die töten kann und dennoch ist sie nützlich. Laber nicht so viel. Eine Fingerspitze sollte reichen, damit er einen Tag lang schläft. Bei mehr kann es gefährlich werden. Jetzt ist es wieder einmal praktisch, dass mein Bruder Arzt ist. Mit einem leisen Seufzen schraube ich das Glas auf, klaube vorsichtig die besagte Menge raus und fülle sie in ein kleineres Glas.
Danach stelle ich das Wolfswurz-Glas zurück in den Schrank und schliesse diesen. Schnell nehme ich das Gefäss in die linke Hand. Dann stelle ich mich mit dem Rücken zur Tür in die Mitte des Raumes. Ich höre, wie Ascan wieder in das Zimmer kommt und dann anklopft Ich gebe keinen Laut von mir. Er klopft nochmals. Ich öffne nicht, bewege mich nicht, reagiere nicht. Panik kommt hoch. Zweifel, ob es klappt. Doch nun gibt es keinen Rückweg mehr. Ich atme noch einmal ruhig ein und aus. Wir brauchen nun einen kühlen Kopf. Keine Angst und keine Zuneigung. Einfach neutral. Keine Reaktion. Wir bekommen das hin!
Ich hoffe es Fog... Nun höre ich die besorgte Stimme von Ascan: ,,Ist alles in Ordnung?" Ich reagiere nicht. Er wartet einige Sekunde und scheint zu lauschen. Etwas ungeduldig fragt er: ,,Hey, ich weiss das du da drin bist. Wenn du mir nicht antwortest, trete ich die Tür ein, verstanden?" Noch immer reagiere ich nicht. Keine Angst. Wir schaffen das! Hach, weisst du an was mich das erinnert? Das wir vielleicht bei unserem Versuch zu entkommen sterben? Nö. An Bob den Baumeister! Oh Gott. Wie durch kann man sein?! Hey! Ich mag ihn. Ich nicht. Was hast du gegen ihn? Er hat dir nichts getan!
Fog, er ist nicht real. Er ist animiert, du Idiot! Neiin! Das kannst du doch nicht sagen...ausserdem, wenn schon Idiotin! Hier haben wir den Beweis, dass der innere Wolf doch etwas anders ist als der menschliche Teil. Nach einer weiteren Minute höre ich Ascan seufzen und dann leise murmeln: ,,Wie du willst, Kleine." Dann höre ich ein gewaltiges Krachen und ich bemühe mich, nicht zusammenzuzucken. Dann höre ich eilige, schwere Schritte. Kurz hinter mir bleibt er stehen. Leise fragt er: ,,Alles in Ordnung?" Ruhig bleiben. Zieh es einfach durch. Ich versuche es. Nein, wir machen es. Wie auch immer du es sagen willst.
Auf einmal spüre ich Ascans Hand auf meiner Schulter. Warte noch. Ich bemühe mich, weder zusammenzuzucken und seine Hand wegzuschlagen noch mich ihm hinzugeben. Er scheint verwirrt und besorgt. Noch einmal fragt er: ,,Kleine?" Kaum verlassen diese Wörter seinen Mund, brüllt Fog: Jetzt! Blitzschnell fasse ich ihn am Handgelenk, drehe ich mich um und schleudere ihn gegen die Wand, dann fällt er auf den Boden. Diese Reaktion meinerseits kommt so unerwartet für ihn, dass er keinerlei Gegenwehr leistet und sich nicht rührt. Schnell bin Ich bei ihm und nagle ihn am Boden fest.
Nur einen Wimpernschlag später habe ich bereits das Gefäss geöffnet. Grob öffne ich seinen Mund und schütte den Inhalt des Gefässes hinein. Ich spüre, wie seine Muskelspannung zurückgeht. Dann blicke ich ihm in seine Augen. Überraschung spiegelt sich in ihnen wieder. Doch auch noch so viele Gefühle, die ich nicht alle zuordnen kann. Gefangen in diesen unglaublichen, hellen Augen bleibe ich reglos sitzen. Wir müssen los! Ich weiss. Leicht beuge ich mich vor, dann flüstere ich ihm leise, aber entschlossen, zu: ,,Ich bin nicht klein." Dann wende ich meinen Blick von ihm ab und stehe auf. Ohne noch einmal zurückzuschauen verlasse ich den Raum durch die zerstörte Tür.
Mit eiligen Schritten laufe ich durch die offene Schlafzimmertür und die Treppen hinunter. Vor der Tür bleibe ich noch einmal kurz stehen. Jetzt muss ich mich tarnen. Noch besser als zuvor. Beruhigend atme ich einmal ein und dann wieder aus. Ich blicke kurz über meine Schulter zurück. Doch dann verlasse ich die Villa und schleiche mich leise in den Wald. Ich versuche ruhig zu bleiben, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aber Ascans Blick geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er schien verletzt. Verletzt das ich ihm das vorgespielt habe. Verletzt das ich ihn loswerden will. Und doch sah ich Zuneigung in seinen Augen. Als könnte er mich niemals loslassen.
Als könnte ihn nichts davon abhalten, zu mir zu kommen. Hör auf an ihn zu denken! Denn dieser Teil des Planes ist geschafft. Nun müssen wir also nur noch vom Territorium herunterkommen. Wahrscheinlich gibt es Wachen, denn wie ich gehört habe, hat diese jedes Rudel. Aber wohin sollen wir überhaupt? Hast du das schon eingeplant? Natürlich. Wir gehen zurück an den Ort, an dem alles begann. Das kann ich nicht! Doch. Denn genau das werden alle auch denken. Also gut. Wenn es nicht anders geht... Ausser du willst, dass alle sterben, inklusive Dylan und uns. Jaja, schon gut.
Also muss ich mich so schnell es geht aus dem Territorium schleichen? Nun ja... das dauert etwas lange, nicht? Was meinst du damit? Wir sollten uns verwandeln. Unser Fell ist schwarz, man wird uns kaum erkennen. Ausserdem können wir unseren Geruch gut genug verdecken, dass die ihn kaum bemerken werden. Aber- Nein, los jetzt. Ich höre Schritte. Tatsächlich! Nun gut. Ich schliesse meine Augen und denke daran, wie es sich anfühlt, Pfoten zu besitzen. Wie mein schwarzes Fell vom Mond in ein fahles Licht getaucht wird. Wie meine goldgelben Augen wie die Sonne leuchten.
Ich spüre, wie meine Knochen sich verschieben. Schmerzen breiten sich schlagartig aus. Normalerweise gehen diese weg, wenn man sich ein paarmal verwandelt hat. Doch nach vier Jahren tut es scheusslich weh. Aber ich verkneife mir die gequälten Schreie, kein Laut entweicht meinem Mund. Nach wenigen Sekunden, die mir wie Minuten, gar Stunden vorkommen, besitze ich nun, statt Füssen und Händen, Pfoten. Die Schritte kommen näher. Sofort erkenne ich den Geruch. Ich trete einen Schritt aus dem Unterholz heraus, auf die näherkommende Gestalt zu. Sofort verklingen die Schritte. Langsam hebe ich meinen zuvor gesenkten Kopf und blicke ihm in die Augen.
Obwohl er gut sechs Meter entfernt steht und es dunkel ist, erkenne ich die aufgerissenen, blau-braunen Augen von Dylan. ,,W-was?!" Ich blicke ihn schweigend an. Dann teile ich ihm per Mind-Link mit: *Erzähle ihm nichts von mir. Kein Wort. Du hast mich nicht gesehen.* Mein Bruder nickt leicht, doch er scheint verwirrt. Ich drehe mich um, bereit loszulaufen. Dann blicke ich ihn noch ein letztes Mal über die Schulter an. *Suche mich nicht.* Dann verschwinde ich in der Dunkelheit der Nacht, zurück an den Ort, an dem alles begann...
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The Night Wolf
WerewolfTalya (16) ist anders als andere. Sie ist eine Werwölfin. Doch sie gehört keinem Rudel an. Sie versteckt, zusammen mit ihrem Bruder, ihre Identität als Werwolf vor anderen ihrer Art. Doch als sie umziehen, trifft sie auf ihren Mate und alles ändert...
