Georges Blick wirkt auf einmal leer. Leise und verzweifelt wispert er kaum verständlich: ,,Nein..." Seine Stimme zittert und droht zu brechen. Ich sehe die verwirrten Blicke von Tisana und Ascan. Keiner von ihnen scheint Damien gekannt zu haben. Sie wussten nicht, was für ein ehrlicher und liebevoller Mensch er war. Sie kannten sein herzliches und echtes Lachen nicht. Sie können nicht ganz verstehen, wieviel er George bedeutet hat und noch immer bedeutet. Auch ich kenne nicht die ganzen Ausmasse und Tisana spürt nur den Verlust durch die Verbindung. Vorsichtig rutscht Tisana zu ihrem Mate heran und nimmt ihn in den Arm.
Ascan zieht mich noch näher an sich heran und streicht mir sanft die Tränen weg. Auch er sagt kein Wort. Ich sehe noch einmal traurig zu dem am Boden zerstörten George. Voller Reue flüstere ich: ,,Es tut mir leides ist alles meine Schuld. Ohne mich würde er noch leben! Ohne mich wären meine Mutter und er nicht ermordet worden!" Ein Knurren vor mir lässt mich aufblicken. In der Tür steht jemand. Und diesen jemand kenne ich nur zu gut. Dylan. ,,Du bist nicht schuld daran, du kannst nichts für das, was du bist! Sie liessen uns nicht sterben, sondern retteten uns! Sie wollten, dass wir leben. Beide."
Blitzschnell winde ich mich aus Ascans Griff und renne zu meinem Bruder. Da ich sehe, dass er noch immer verletzt ist, umarme ich ihn vorsichtig. Leise weine ich meine letzten Tränen in sein Shirt. Leicht streicht er mir über den Rücken und flüstert beruhigende Worte. Ich schmiege mich noch etwas näher an ihn. Dylan, der immer die richtigen Worte findet. Dylan, der mich von fast allem überzeugen kann. Dylan, die einzige Bezugs- und Vertrauensperson in den letzten Jahren. Dylan, ohne den ich längst nicht mehr auf dieser Welt wäre. Dylan, der ohne mich besser dran gewesen wäre und mich doch nie im Stich liess und immer zu mir stand.
Dylan, der einen Wettlauf gegen eine Schnecke verlieren würde! Du hast echt ein Gefühl dafür, Momente zu zerstören... Danke, ich weiss. Das war kein Kompliment. Für mich schon. Ich weiss gerade nicht, ob ich das traurig oder lustig finden sollte, aber lassen wir es! Schliesslich trete ich etwas zurück und sehe ihn dankend an. Er nickt nur leicht, bevor er kurz hinter mich blickt und dann leise sagt: ,,Ich gehe nun zurück zu Jalina, Tal. Wenn du mich brauchst ruf mich einfach, okay?" Ich nicke. Er lächelt mir aufmunternd zu, dann verlässt er den Raum.
Auf einmal höre ich ihn im Mind-Link sagen: *Bleib bei Ascan. Keiner kann dich besser schützen als er.* Etwas verwirrt drehe ich mich zu den anderen um, nachdem auch die Eingangstür hinter Dylan ins Schloss gefallen ist und seine Schritte verklungen sind. Ascan sitzt noch immer mit einem finsteren Blick auf dem Sofa, während Tisana leise auf ihren Gatten einredet. George scheint sich wieder etwas beruhigt zu haben. Nun erhebt er sich und kommt geradewegs auf mich zu. Ist er wütend? Wenn ja, auf wen? Sein Blick wirkt nicht nur wütend, sondern sehr wütend als er vor mir stehen bleibt. knurrend fragt er mich: ,,Wie heisst dieses Arschloch?!"
Auf einmal merke ich, wie Ascan neben mir steht und dieser nun ebenfalls Finster meint: ,,Das wüsste ich auch gerne! Etwas eingeschüchtert antworte ich: ,,Kyle. Kyle Vodrej. Ich glaube, sein damaliges Rudel hiess Darkthunder. Ich habe aber keine Ahnung, wie viele sie sind und ob sie überhaupt noch existieren." Beide nickten und George runzelt die Stirn, wahrscheinlich denkt er über Möglichkeiten nach. Nach einigen Sekunden sieht er mich wieder direkt an, bevor er leise sagt: ,,Du hast dieselben Augen wie er. Nicht nur von der Farbe her. Man kann dieselbe Ehrlichkeit und Liebe darin sehen..."
Verdattert starre ich ihn an, bevor ich verwirrt antworte: ,,Ich bin weder so ehrlich wie er noch so liebevoll. Du musst dich irren George, es tut mir leid. Ich habe in meinem Leben womöglich schon mehr gelogen, als dass ich die Wahrheit gesagt habe. Und liebevoll bin ich erst recht nicht, ich bin eher die Person, die alle anderen verletzt!" George schüttelt den Kopf und meint nur: ,,Vielleicht zu Fremden Talya. Aber nicht zu denen, die du liebst." Er schweigt kurz, bevor er noch hinzufügt: ,,Und ich gebe dir ebenfalls nicht die Schuld an seinem Tod. Du bist die Einzige, die das tut."
Fassungslos blicke ich ihn an. Er ist nicht wütend. Er hasst mich nicht. Er gibt mir noch nicht einmal die Schuld daran! Er hat Recht. Du willst es einfach nicht akzeptieren! Hey, auch mal wieder da? Du wolltest doch immer, dass ich die Klappe halte. Nie kannst du dich entscheiden... Ist ja schon gut! Müde versuche ich ein Gähnen zu unterdrücken. Ascan scheint das bemerkt zu haben, denn er wendet sich seinem Vater zu und meint: ,,Ich bringe sie ins Zimmer. Organisierst du, dass morgen um ein Uhr ein Treffen im Beratungszimmer Stattfindet?" George nickt und fragt seinen Sohn: ,,Wen möchtest du alles dabeihaben?"
Ascan überlegt nicht besonders lange, sondern antwortet: ,,Sicher einmal du, Mum, Syonilla, Charly und Dylan. Wenn du aber noch jemanden dabeihaben möchtest, nimm ihn mit." George nickt etwas abwesend, bevor er und Tisana sich von uns verabschieden. Kaum sind sie aus der Tür, hebt Ascan mich mit einem Arm unter den Kniekehlen und einen unter dem Oberkörper habend hoch. Etwas verwirrt murmle ich leise: ,,Ich kann auch laufen!" Ascan blinzelt zu mir hinunter als er sich in Bewegung setzt, lächelt leicht und antwortet: ,,Du könntest schon. Aber du willst es nicht." Ohne zu antworten seufze ich leise auf und lege meinen Kopf müde an seine Brust.
Ich höre seinen gleichmässigen Herzschlag, spüre jede seiner Berührungen an meinem Körper und fühle jede seiner Stimmungen, auch wenn ich sie nicht so ganz zuordnen kann. Ich merke mit geschlossenen Augen, wie er mich die Treppe hochträgt und dann durch die noch immer offenstehende Tür geht. Sanft legt er mich in das weiche Bett, wo ich völlig ausgelaugt liegen bleibe. Belustigt fragt er mich: ,,Willst du dich nicht noch umziehen?" Ich grummle nur irgendetwas vor mich hin. Ich werde mich heute ganz bestimmt nicht mehr bewegen! Ganz deiner Meinung! Ascan seufzt leise auf, bevor er mich weiter zu überzeugen versucht: ,,Es ist verdammt unbequem für dich so zu schlafen, dass weisst du?"
Ich nicke leicht, rühre mich aber noch immer nicht vom Fleck. Auf einmal höre ich ihn weggehen und wie eine Schranktür aufgeht. Dann kommt er zurück und meint leise, aber bestimmend: ,,Du musst auch nicht aufstehen. Ich habe dir Sachen hier her gelegt. Ich gebe dir fünf Minuten, dann bin ich wieder hier." Seine Schritte entfernen sich und ich höre wie eine Tür auf und dann wieder zu geht. Verwirrt öffne ich langsam meine Augen. Das Licht im Raum ist sehr gedämpft, er scheint tatsächlich Rücksicht auf mich genommen zu haben. Am Fussende des Bettes liegen eine lockere Hose und ein ebenfalls lockeres T-Shirt.
Schnelle ziehe ich mich bis auf die Unterwäsche aus und schlüpfe in die anderen Sachen. Dann lege ich mich wieder richtig hin und schliesse die Augen. Von dem er diese Sachen wohl hat? Oder woher? Ist doch egal, ich möchte jetzt schlafen. Mit ihm? Sehr witzig. Neben ihm? Wenn es sich nicht vermeiden lässt. Also ja. Nur wegen der Verbindung! Jaja... Ich werde aus der Diskussion mit Fog gerissen, als plötzlich wieder die Tür aufgeht. Ich höre, wie sie sich wieder schliesst und das Licht ausgemacht wird. Der Geruch versichert mir, dass es Ascan ist. Wer auch sonst?! Man kann nie wissen...
Auch wieder wahr. Ich merke, wie er sich auf die Bettkante setzt. Dann fragt er leise: ,,Hältst du es im gleichen Bett mir aus oder nicht?" Ich überlege nicht besonders lange. Ich nicke leicht, füge dann aber hinzu: ,,Aber nur, wenn du auf Abstand bleibst." Ich spüre wie seine Gefühle ins absolut positive sinken. Da freut sich ja jemand! Definitiv. Fast schon höre ich das Lächeln in seiner Stimme, als er erwidert: ,,Danke. Ich werde mir Mühe geben!" Das werden wir sehen. Ich bemerke, wie er sich hinlegt, jedoch brav auf der anderen Seite mit genügend Abstand. Feines Ascan! Wetten, dass er nicht länger als zehn Minuten durchhält? Wetten, dass du das noch weniger lange tust? Kann schon sein. Ich schliesse die Diskussion ab und schon nach kurzer Zeit drifte ich in meine eigene, kleine Traumwelt ab.
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The Night Wolf
WerewolfTalya (16) ist anders als andere. Sie ist eine Werwölfin. Doch sie gehört keinem Rudel an. Sie versteckt, zusammen mit ihrem Bruder, ihre Identität als Werwolf vor anderen ihrer Art. Doch als sie umziehen, trifft sie auf ihren Mate und alles ändert...
