Dann ist von weiter weg ein Heulen zu hören. Doch es ist merkwürdig. Es ist nicht der Aufruf zum Kampf, sondern etwas anderes. Ein Hilferuf? Gut möglich. In diesem Moment stürmt mein Rudel los, wie auch die Einheit, die auf den Bäumen gewartet hat. Unser Plan ist also aufgeflogen und nun wurde unsere Gruppe angegriffen, die eigentlich um das Geschehen herum schleichen sollte. Schnell springe ich auf und mit raschen Sprüngen bin ich wieder bei der Gruppe, diesmal hinten. So schnell unsere Pfoten uns tragen, rennen wir durch den dichten Wald, um den Angegriffenen zur Hilfe zu eilen. Dann kommen sie in Sicht.
Der Kampf ist mitten im Wald, nicht auf einer Lichtung. Ich suche mit den Augen ein Dickicht, in dem ich mich verkriechen und von dort aus handeln konnte. Schnell ist ein passendes gefunden und ich suche das Schlachtfeld ab. Der zuvor ungleiche Kampf ist nun ausgeglichener. Noch sehe ich keine Wölfe am Boden liegen, doch wer weiss, wie lange das noch so bleiben wird. Zu meinem Entsetzen gibt es weder herumliegende Baumstämme noch Felsbrocken und selbst wenn, die Rudel sind viel zu sehr ineinander verkeilt, um etwas auf spezifische Wölfe zu werfen. Wir brauchen also eine andere Taktik.
Ein Rudel ohne Anführer ist geschwächt und so wie ich Kyle einschätze, wird er sein Rudel kämpfen lassen und selber nur zuschauen. Das könnte sein... eilig suche ich den Rand des Schlachtfeldes ab. Ein riesiger Wolf steht im Schatten auf der anderen Seite. Kyle! Sein graubraunes Fell scheint matt und struppig. Doch seine grünen Augen blitzen gefährlich. Dieses ignorante, widerwärtige Fellknäuel sieht aus, als fände er das Ganze mehr als nur belustigend! Ich weiss es nicht, jedenfalls scheint es diesem Mörder Spass zu machen. Doch bevor ich auch nur irgendetwas tun kann, zieht atemberaubender Schmerz durch meine Glieder. Das letzte, was ich noch tue, bevor ich ins nur allzu bekannte Nichts hinübergleite, ist, jedem Rudelmitglied mithilfe des Mind-Links mitteile: *Schützt Ascan. Er ist in Gefahr!* Dann sehe ich nur noch schwarz.
Ich scheine zu schweben und doch zu fallen. Gefühllos und ohne jegliches Zeitgefühl. Doch dann sehe ich etwas. Erst verschwommen, dann immer schärfer, spielt sich vor meinen Augen eine Szene ab. Viele Rudelmitglieder stehen um ihren Anführer herum, dessen Fell sich silbern von den anderen abhebt. Er liegt am Boden, vor Schmerzen krampfend, während sein Rudel ihn vor den Angreifern beschützt, die verbissen versuchen, jeden von ihnen aufzuschlitzen. Doch ich sehe auch Angst den Augen der Angreifer. Immer wieder blicken sie kurz zu einem grossen Wolf am Rande des Geschehens, der mit kalten, gefährlichen Augen das geschehen beobachtet.
Ich bemerke wie mager sie sind. Warum auch immer sie hier sind und kämpfen, sie tun es nicht unbedingt freiwillig. Dann wechselt die Szene. Blutüberströmt liegt ein Wolf am Boden. Über ihm steht ein anderer mit blutverschmierter Schnauze. Die Augen des am Boden liegenden Wolfes sind aufgerissen und leer. Er ist tot. Und dann erkenne ich ihn. Unter dem ganzen Blut- und Schmutzverklebten Fell und trotz des leeren Blicks. Mit aller Macht versuche ich aufzuwachen. Diese mir gezeigte Zukunft zu verhindern. Erst flackert das Bild nur schwach, doch dann erlischt es. Das Nichts holt mich ein, doch diesmal kämpfe ich darum, aufzuwachen. Ich lasse mich nicht fallen, sondern Versuche alles mir mögliche, um aufzuwachen.
Erst sehe ich alles verschwommen, doch dann sehe ich scharf den Wald vor mir. Mein Rudel steht schützend um Ascan, der am Boden liegt und wie es scheint Schmerzen hat, die nun aber langsam nachzulassen scheinen. Doch dann richtet sich mein Blick auf etwas anderes. Der grosse Wolf ist nicht mehr dort, wo er zuvor war. Panisch suche ich mit den Augen alles ab. Nichts. Oder doch? Ich sehe, wie ein graubraunes Fell durch eine Lücke des Kreises prescht. Charly versucht noch ihn abzufangen, doch er ist zu langsam. Ascan, der sich gerade aufzurappeln versucht, wird von der enormen Wucht seines Gegners umgerissen.
Auf einmal löse ich mich aus der Versteinerung und Instinktiv mache ich das, was ich zuvor nur mit Objekten getan habe. Trotz dessen, dass meine Energie eigentlich aufgebraucht ist, schnellt Kyles Körper in die Höhe. Höher als alles, was ich je zuvor in die Lüfte erhoben habe. Als er bereits hoch über den Bäumen ist, lasse ich los. Mit einem unschönen Geräusch kommt er auf dem Boden auf. Sofort erstarren seine Wölfe und ziehen sich in geduckter Haltung mit leisen, winselnden Lauten zurück. Doch ich schere mich nicht mehr darum, sondern Spurte zu Ascan. Das Rudel ist noch zu geschockt von dem Geschehenen, nur wenige haben sich aus ihrer Starre gelöst.
Doch als ich an ihnen vorbei rase, realisieren auch sie, was geschehen ist. Doch das alles sehe ich nicht mehr. Ich habe mich bereits zurückverwandelt und auch Ascan liegt in seiner menschlichen Gestalt auf dem blutgetränkten Boden. Sein Atem ist flach, seine dunkle Kleidung vollgesogen mit seinem eigenen Blut. Doch er atmet noch. Wenigstens etwas. Seine Lieder sind geschlossen, doch sein ganzer Körper bebt. Dann entdecke ich seine Wunde. Ein ganzes Stück Fleisch wurde ihm aus der rechten Bauchseite rausgebissen. Es sieht nicht nur hässlich aus, nein. Dieser Anblick ist so grausam und widerlich, dass ich kein passendes Wort dafür finde. Doch ein ebenso grässlicher Schmerz lässt mich innerlich zusammenkrampfen.
Er wird nicht überleben. Das erkenne sogar ich. Selbst ein Werwolf kann so eine Verletzung überleben. Nicht einmal ich könnte dies. Zuviel Blut und lebenswichtige Organe wurden herausgerissen. Tu doch etwas! Willst du ihn einfach sterben lassen!? Ich weiss nicht wie, Fog. Ich weiss gar nichts mehr. Starr wende ich meinen Blick auf sein Gesicht und ich nehme sein Gesicht vorsichtig in meine Hände. Sanft streiche ich ihm über seine Wange. Dann, aus einem mir nicht bekannten Impuls heraus, beuge ich mich noch ein wenig hinunter und küsse ihn so vorsichtig, dass eine Feder wohl mehr Gewicht gehabt hätte. Auf einmal öffnet er seine Augen. Diese so ungewöhnlichen, silberblauen Augen, die wohl nur einmal auf dieser Welt existieren.
Ein leichtes Lächeln ziert seine Lippen, bevor er plötzlich ernst wird und mich mit angestrengter Stimme erinnert: ,,Halte deine Versprechen, ja?" Ich nicke nur. Er lächelt wieder leicht, doch diesmal wirkt es etwas verkrampfter. Dann flüstert er mit rauer Stimme: ,,Ich liebe dich Talya." Ich lächle traurig, bevor ich erwidere: ,,Ich liebe dich auch, Ascan. Mehr als alles andere." Noch immer lächelnd hebt er seine rechte Hand an, die unter der Anstrengung leicht zittert. Er legt sie an meine Wange und zieht mich wieder zu sich hinunter. Sanft küsst er mich und ebenso liebevoll und vorsichtig erwidere ich diesen allerletzten Kuss. Das wird ihn auch nicht retten! Ich weiss Fog, aber sag du mir doch etwas, was ich tun könnte! Keine Antwort.
Es ist zugleicht das schönste wie auch das schlimmste Gefühl, dass ich je hatte. Schlimm, weil ich weiss, dass er nicht mehr lange hier sein wird. Dass er wegen mir leidet und von dieser Welt gehen muss. Nachdem gefühlt Jahre und gleichzeitig auch nur wenige Nanosekunden vergangen sind, löse ich mich von ihm. Eine Hand noch immer an seiner Wange, spüre ich, wie seine Hand kraftlos zu fallen beginnt. Mit meiner freien Hand nehme ich diese und lege sie ihm auf den Bauch, bevor ich ihn wieder ansehe. Ich spüre seine überwältigende Zuneigung und seine Liebe in meinem Herzen.
Ich hoffe, er spürt auch die meine, die wohl ebenso stark ist. Mit angestrengter, rauer Stimme und einem leichten Lächeln verspricht er mir: ,,Wir sehen uns wiedersehen, Talya." Dann schliessen sich seine Silberblauen Augen und sein Körper erschlafft. Nein! Wie betäubt streiche ich ihm die dunklen, blutigen Strähnen aus der Stirn. Zeitgleich mit der Erkenntnis, dass er nun von dieser Welt gegangen ist, wallt gewaltiger Schmerz wie ein Orkan in mir auf. Alles verschwimmt vor meinen Augen, nur noch dieser unbeschreibliche Schmerz ist in mir. Keine Verletzung könnte auch nur annähernd so schlimm sein und jemand, der dies noch nie gespürt hatte, würde es wohl auch nie verstehen.
So unmenschlich stark und beinahe unendlich gross die Liebe bei Werwölfen auch ist, so stark ist auch der Schmerz der über einen kommt, wenn der Ursprung dieser Liebe nicht mehr da ist. Nie mehr da ist. Für immer verschwunden von dieser Welt.
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The Night Wolf
VârcolaciTalya (16) ist anders als andere. Sie ist eine Werwölfin. Doch sie gehört keinem Rudel an. Sie versteckt, zusammen mit ihrem Bruder, ihre Identität als Werwolf vor anderen ihrer Art. Doch als sie umziehen, trifft sie auf ihren Mate und alles ändert...
