Schweigend sitze ich auf einer kleinen Lichtung. Auf der Lichtung, auf der alles geschah. Noch immer schmerzt es, hier zu sein. Noch einmal die Erinnerung vor Augen zu haben, wie er starb. Ich sehe jedes Mal wieder seinen schmerzerfüllten, aber liebevollen Blick. Er hat es nicht verdient so zu sterben, doch es hatte wohl sein müssen. Es hatte lange gebraucht dies zu akzeptieren, doch ich hatte lange Zeit dafür. Vergessen habe ich ihn nie, es wäre mir auch ohne das Versprechen nie gelungen. Ich liebte ihn. Liebe ihn. Auch nach den 512 Jahren, die seither vergangen sind.
Ich richte meinen Blick nach oben zum Himmel. Dichte, schwere Wolken verdecken jegliche Sicht auf die Sterne und den Mond. Mir macht dies nichts, denn ich mag die Farbe Grau. Möglicherweise weil diese Farbe wohl Ähnlichkeiten mit der Fellfarbe seiner Wolfsgestalt hatte. Wie immer bei dem blossen Gedanken an ihn, muss ich mich beherrschen, nicht zu weinen. Ich seufze leise und setze mich etwas zurecht. Alt bin ich geworden, doch glücklicherweise fühle ich mich meist nicht so. Mein Gesicht ist von Falten zerfurcht, meine Lippen schmaler und meine braunen Augen sind nach und nach erblasst und nun gräulich geworden. Meine Wolfsgestalt ist nun beinah weiss, von dem ehemals schwarzen Fell ist nichts mehr zusehen.
Ich bin nicht mehr die schnellste Läuferin, auch an körperlicher Kraft habe ich abgenommen, doch mein Geist blieb stark und klug. Ich sollte mich wohl glücklich schätzen, so alt geworden zu sein, doch für mich war es eher das Gegenteil. Ich habe meinen Bruder vor 259 Jahren verloren, damals war er 285 Jahre alt. Für einen Werwolf ein normales Alter, um einen natürlichen Tod zu sterben. Dennoch war es schlimm, den letzten Teil meiner früheren Familie zu verlieren. Seine Mate Jalyna starb zeitgleich mit ihm. Sie sind zusammen im selben Bett eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Ich sah ihre Kinder aufwachsen, altern und sterben.
Ich erlebte fünf Jahrhunderte, beschloss viele Entscheidungen, sah viel Tod, aber auch viel Neues. Dieses hohe Alter welches ich erreicht habe, war ein Segen und ein Fluch zugleich. Ich diente meinem Rudel, meiner zweiten Familie, gerne und stellte ihr Leben über meines. Ich versuchte zu helfen, wann und wo auch immer ich konnte. Die einzige, die mit mir die Zeit überdauerte, ist die Monddeuterin des Rudels Syonilla. Ich bin wohl die einzige ausser ihr selbst, die weiss, wie alt sie ist. Sie ist nur ein knappes Jahrhundert älter als ich, 621 wurde sie dieses Jahr. Doch anders als ich sieht sie noch nicht alt aus, sondern mehr wie eine 30 jährige.
Wie auch ich ging sie ihr Leben einsam ohne einen Mate, jedoch ohne den Schmerz ihn verloren zu haben. Dennoch sah ich ihre sehnsuchtsvolle Blicke, wenn ein Mate Paar des Rudels lachend und verliebt Seite an Seite durch den Wald liefen, oder ein neues Junges geboren wurde. Doch sonst liess sie sich nie etwas anmerken. Sie überwachte auch die Ausbildung des neuen Alphas, der nach meinem Ableben das Rudel führen wird. Es ist ein Enkel von Dylan und Jalyna. Nun hat er 43 Jahre hinter sich, in denen er ausgebildet wurde. Ich traf diese Massnahme, da ich wusste, dass ich nicht auch noch ein sechstes Jahrhundert leben werde.
Ich hatte drei Betas, erst Charly, bis dieser dann mit 327 Jahren verstarb. Dann hatte ich 174 Jahre lang noch eine Beta namens Tisana, die Tochter von Savannah und ihrem menschlichen Mate. Und nun, seit 28 Jahren ist ein Urgrossenkel von Charly an meiner Seite, Ellyondro. Zwar war er mit 17 noch recht jung, doch war er genau der Beta, nach dem ich suchte. Er wird wohl auch der Beta an der Seite des neuen Alphas sein und ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen. Meine Zeit ist so gut wie abelaufen, doch ich traf sämtliche Vorkehrungen, sodass das Rudel ohne jegliche Probleme meinen Verlust überstehen wird.
Langsam zieht die Kälte der Herbstnacht in meine Knochen. Doch es würde nichts bringen, wenn ich in mein Haus zurückkehren würde. Heute ist das Ende meines Lebens, dass weiss ich. Heute ist der Tag, an dem ich zu ihm zurückkehren werde. Ein kleines, trauriges Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. Wie oft habe ich mir in den letzten Jahrhunderten gewünscht, ich wäre an seiner Stelle gewesen. Wenn ich doch nur früher bei ihm gewesen wäre. Oder wenn ich gar nicht hergekommen wäre, sondern in der Einsamkeit gelebt hätte. Oder wenn ich mir an diesem einen Tag im Wald, kurz bevor ich ihn kennenlernte, doch das Leben genommen hätte.
Alles wäre anders, doch es ist schwer zu sagen, wie es nun am besten gewesen wäre. Es ist nun so, wie es ist und nichts, rein gar nichts kann rückgängig gemacht werden. Langsam stehe ich auf. Es ist nun Zeit. Ich gehe von der Lichtung und sehe nur noch ein letztes Mal zurück. Die Wolken haben kurz den Mond etwas freigegeben, der nun sein kühles, weisses Licht auf den Boden wirft und diese Stätte des Gemetzels noch kälter wirken lässt. Dann wende ich mich ab und gehe meines Weges, zu meinem Endgültigen Ziel auf Erden.
Meine Schritte sind nicht mehr so anmutig und geschmeidig wie die Jahrhunderte zuvor, auch muss ich langsamer und vorsichtiger gehen um auf den Beinen zu bleiben, dennoch komme ich ohne Probleme rasch vorwärts. Immer mehr verdränge ich meine Familie. Mein Rudel. Von ihnen verabschiedete ich mich bereits, ich regelte alles und nun kann ich mit gutem Gewissen loslassen. Gehen, wohin es mich solange zog. Leicht fröstelnd trete ich auf die kleine Lichtung, auf der sich sein Grab befindet. Es brennt nur noch eine Kerze, eine schmale hellblaue die bereits beinahe komplett hinuntergebrannt ist.
Noch sind die Blumen des Grabes gepflegt, doch bald werden sie es wohl nicht mehr sein. Denn die einzige die seit einem Jahrhundert täglich hier her kam bin ich. Jeden Tag zündete ich die Kerze an, tauschte sie aus wenn sie runtergebrannt war und pflegte das Grab. Nun betrachte ich den Grabstein noch einmal. Vielleicht das Letzte Mal. Der schwarze, filigran gearbeitete Stein ist von unzähligen, silberblauen Linien durchzogen. Eher weiter oben ist in silberblauer, beinahe unmenschlich schöner Schrift sein Name eingraviert. Der Name, der mir Jahrhunderte lang keine Ruhe liess, der mir nie aus dem Kopf ging.
Langsam lasse ich mich vor seinem Grab auf die Knie nieder und senke leicht den Kopf, um die Blumen auf dem Grab zu betrachten. Dann greife ich in meine Jackentasche und hole ein gerahmtes Bild heraus. Es ist eine Kopie des Bildes, das an seiner Beerdigung hier stand. Wie schon tausende Male zuvor mustere ich sein schönes Lächeln und seine blitzenden, silberblauen Augen. Mit einem leisen Seufzen stelle ich das gerahmte Bild auf das Grab. Der Schmerz durchzieht mich plötzlich und ohne Vorwarnung so heftig, dass ich beinahe umgekippt wäre. Doch ich bin es mir gewohnt und kann damit umgehen.
Aber etwas ist anders als sonst. Ich spüre etwas Nasses auf meiner Wange. Fahrig berühre ich sie mit der Hand. Es sind Tränen, die sich ihren Weg von meinen Augen zu meinen Wangen hinabsuchen. Seit seiner Beerdigung weinte ich nicht mehr, denn ich schwor bis zu meinem Lebensende keine Tränen mehr zu vergiessen. Das war wohl das endgültige Zeichen das mein Leben nun vorbei sein wird. Bald werde ich bei ihm sein, bei der Mondgöttin, bei meinem Bruder und all den verstorbenen Freunden. Sanft streiche ich über die Konturen des Wolfes auf dem Grab. Dann warte ich.
Immer fester zieht die Kälte in meine Knochen, scheint mich von innen heraus zu erfrieren. Aufrechthalten kann ich mich nicht mehr, weswegen ich mich auf den leicht gefrorenen Boden lege. Ich weiss nicht, ob ich noch weine. Ich weiss nicht, ob ich noch atme. Immer mehr scheine ich zu Altern und ich verliere immer mehr sämtliches Zeit- und Körpergefühl. Ich scheine gleichzeitig zu fallen und zu schweben und auf einmal wird alles schwarz. Eine sanfte, tiefe Stimme weckt mich. Blinzelnd öffne ich meine Augen. Im nun warm wirkenden Mondlicht kniet ein dunkelhaariger Mann vor mir und beugt sich zu mir hinunter.
Ein sanftes Lächeln ziert seine Lippen und seine hellen, silberblauen Augen leuchten mir regelrecht entgegen. Ungläubig richte ich mich auf. ,,Ascan?" Sein Lächeln wirkt noch strahlender als zuvor, schliesslich antwortet er: ,,Ja Talya. Ich bin es. Und ebenso wenig wie du mich vergessen hast, habe ich dich nicht vergessen. Ich wachte all die Jahre über dich und nun kann ich dich endlich wieder bei mir haben." Ich lächle nun ebenfalls und ziehe ihn in eine feste Umarmung. Er küsst leicht meine Stirn, bevor er sich nach einiger Zeit löst und aufsteht. ,,Komm, folge mir. Es ist nun soweit."
Ich stehe auf und stelle mich neben ihn. Verwundert stelle ich fest, dass ich wieder in meinem jungen Körper bin, doch so wirklich interessiert es mich nicht. Vertrauensvoll lächle ich ihn an. Dann nimmt er meine Hand in seine und führt mich über die Lichtung. Ich werfe einen Blick zurück. Erstaunt sehe ich, dass ich noch immer dort liege. Mein alter Körper, augenscheinlich tot. Doch wie auch die Tatsache, dass ich meinen jungen Körper wiederhabe und ich nichts mehr von der Kälte spüre ist es mit egal. Als ich wieder nach vorne blicke merke ich, dass wir bereits über dem Boden schweben. Doch es interessiert mich nicht mehr. Nichts interessiert mich mehr, ausser Ascan, der sich neben mir befindet und mich sicher an der Hand führt. Nie war ich glücklicher und sorgloser. Gemeinsam mit Ascan gehe ich den Himmel empor, ohne jemals wiederzukehren.
Das Letzte, das ich noch weiss, sind schlichte Worte. Es sind so einfache Worte, die schnell gesagt sind, jedoch selten ehrlich gemeint sind. Doch die meinen sind ehrlich und rein, ohne jegliche Lügen. Sie sind aufrichtig und ohne Zweifel. Ich liebe dich.
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The Night Wolf
WerewolfTalya (16) ist anders als andere. Sie ist eine Werwölfin. Doch sie gehört keinem Rudel an. Sie versteckt, zusammen mit ihrem Bruder, ihre Identität als Werwolf vor anderen ihrer Art. Doch als sie umziehen, trifft sie auf ihren Mate und alles ändert...
