Kapitel 18

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Die Dunkelheit umfängt mich. Mein gleichmässiger Herzschlag treibt mich stetig voran. Mit jedem Sprung über den Waldboden komme ich näher an mein Ziel. Mit jedem Schritt schmerzt mein Herz mehr. Immer wieder taucht Ascans letzter Blick vor meinem inneren Auge auf. Wie verletzt er mich angeblickt hat. Allein bei diesem Gedanken zieht sich mein Herz schmerzhaft zusammen. Trotz allem, was er mir angetan hat, trotz der Angst ihm gegenüber, ist er noch immer mein Mate. Ich frage mich, ob er mich suchen wird. Ob es ihn überhaupt interessiert, dass ich weg bin. Ob er sich wundert, warum ich das getan habe, wohin ich gegangen bin.

Natürlich wird er das. Und genau deshalb haben wir ihm auch Wolfswurz verpasst. Wie meinst du das? Weisst du etwa die Nebenwirkung davon nicht mehr? Ach so, das meinst du. Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Natürlich, durch Wolfswurz kann er mich nun sieben Tage lang nicht ausfindig machen! Ja, ich habe nämlich mitgedacht. Er ist der einzige, der uns wirklich riechen kann. Als er uns erst gerade gefunden hatte, wusste er wahrscheinlich noch nicht, dass wir ihm etwas vorgespielt haben. Der Mate-Geruch kann einen ziemlich benebeln. Ja, das haben wir am eigenen Leib erfahren.

Ohne auch nur einmal halt zu machen, laufe ich durch den finsteren Wald. Weg von allen, die ich kenne. Für ihre Sicherheit. Ich schüttle kurz meinen Kopf. Ich sollte aufhören darüber nachzudenken. Ja, das solltest du. Pass jetzt besser auf, sonst werden wir noch erwischt. Ich unterdrücke ein leises Seufzen, dann richte ich meine Sinne auf die Umgebung. Ich höre einige Nachtaktive Tiere, die durch den Wald laufen, kriechen oder fliegen. Doch was ist das? Ein Herzschlag, nur etwa fünfhundert Meter entfernt! Ein Werwolf, verwandelt. Ich nehme an, er hält Wache. Danke für diese Infos Fog. Das wusste ich schon alles selber.

Das sage ich auch immer... Klappe! Ich verlangsame mein Tempo etwas und orte die genaue Richtung der vermeintlichen Wache. Er befindet sich fast direkt vor uns und bewegt sich schnell auf uns zu! Verdammt! Wahrscheinlich hat er unseren Herzschlag und die Geräusche ausgemacht. Ich bleibe im Unterholz stehen und kauere mich nieder. Sanft streicht mein Bauchfell den Boden und so harre ich aus. Mein Herz klopft von Sekunde zu Sekunde schneller. Doch meine Konzentration liegt darauf, meinen Geruch zu verdecken und einen Fluchtplan auszudenken. Er hat mich bereits wahrgenommen und so schnell ich auch bin, er hätte mich so oder so gesehen.

Oder er hätte sein ganzes Rudel in Panik versetzt, weil ein Fremder Wolf da war. Ausserdem hätte er mich so oder so als die Legende erkannt. Doch auch etwas an seinem Geruch lässt mich innehalten. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten. Und tatsächlich. Nur wenige Sekunden später springt er aus dem Unterholz. Ein schneeweisser Wolf mit leuchtenden, hellblauen Augen ist vor mir aufgetaucht. Sein reines Fell scheint die Nacht regelrecht zu erhellen. Er knurrt kurz, dann verwandelt er sich. Nur kurz wankt er etwas, dann scheint er mich genau geortet zu haben. Bestimmt sagt er: ,,Komm heraus und zeig dich!"

Jetzt weiss ich, wer er ist! Wir haben ihn in der Schule kurz mit Ascan gesehen. Und sein Geruch ist mit Bells vermischt. Das passiert nur so deutlich wie jetzt, wenn sie sich markiert haben. Und an Bell hat auch sein Geruch gehaftet. Er ist also Bells Mate. Höchstwahrscheinlich. Dann können wir ihm kein Haar krümmen, sonst würde auch Bell leiden. Also auf die friedliche Art und Weise. Ich stehe auf und trete aus dem Gebüsch. Genau in diesem Moment reisst die dichte Wolkenwand auf und das Mondlicht flutet regelrecht auf die kleine Lichtung. Ich hebe langsam meinen Kopf und richte mich zur vollen Grösse auf.

Die Augen meines Gegenübers weiten sich vor schrecken. Er hat wohl vieles erwartet, aber dies nicht. Ich blicke ihm kurz direkt in seine Augen, dann teile ich ihm mit: *Du hast mich nicht gesehen.* Misstrauisch mustert er mich. *Warum sollte ich? Wer sagt, dass du nur gutes im Sinn hast?* Ich sammle mich kurz, um die richtigen Worte zu finden. Dann antworte ich ihm: *Kaum jemand hat nur gutes im Sinn. Doch ich kann dir versichern, dass ich deinem Rudel gegenüber keineswegs feindlich gesinnt bin. Wenn ich es wäre, würdest du nun wohl nicht mehr vor mir stehen.

Und pass lieber auf deine weitere Wortwahl auf, denn ich weiss, dass Bellinda Thompson deine Mate ist.* Meine letzten beiden Sätze hatten einen drohenden Unterton. Er scheint kurz nachzudenken, dann verwandelt er sich wieder in seine wölfische Gestalt. Noch einmal mustert er mich, dann sagt er leise: *Nun, dann soll es so sein. Würdest du mir dennoch den Grund deines Aufenthaltes in diesem Revier kundmachen?* Jetzt hat er es begriffen. So eine Wortwahl habe ich schon länger nicht mehr gehört! Aber Leid tut er mir schon, er hat ja eigentlich nur Wache gehalten... Ich weiss. Aber anders könnten wir das hier kaum regeln.

Er hat einen hohen Rang, das sieht man ihm an. Wahrscheinlich ist er der Beta. Ich denke auch. Ich blicke ihn kurz an, dann erwidere ich ihm: *Ich bin auf der Durchreise. Würdest du mich jetzt bitte gehen lassen?* Letzteres ist eigentlich keine Frage, er scheint das auch verstanden zu haben und dennoch zögert er. Kann der einmal etwas schneller sein? Wir haben nicht ewig Zeit! Ich rechne ihm 168 Stunden, bis er uns findet. Und davon ist schon über eine Viertelstunde um... Ungeduldig blicke ich ihn an. Ich merke, dass er versucht, seine Neugier zu überspielen, denn in einem betont gelangweilten Ton fragt er: *Wo ist denn das Ziel deiner Reise? Und, wenn ich fragen darf, hast du deinen Mate bereits gefunden?*

Lüge Ta, Lüge! Ich habe schon selber begriffen, dass ich das tun muss, aber danke. Ich schaue meinem Gegenüber fest in seine hellblauen Augen. Mit überzeugter Stimme erkläre ich ihm: *Ich bin auf dem Weg in das Gebirge nördlich von hier. Und nein, habe ich nicht. Allerdings vermute ich, dass er dort sein wird, wo es mich hinzieht.* Guter Plan. Den Ort, den du ihm genannt hast, ist teilweise auf unserer Strecke, weicht allerdings am Schluss so stark ab, dass es gut sechs Stunden Weg in unserer wölfischen Gestalt sind. Ich weiss Fog. Sonst hätte ich das nicht gesagt. Eher per Mind-Link mitgeteilt, oder? Halt einfach die Klappe.

Er mustert mich noch einmal prüfend. Doch dann scheint er meine Antwort als Wahrheit zu empfinden und weicht einen Schritt zurück. Er nickt mit, als Zeichen, dass ich gehen kann, kurz zu. Ich erwidere diese Geste, allerdings ohne zurückzuweichen. Dann presche ich los. Ich renne in einem gleichmässigen Tempo in die Richtung, die wir bereits vorgesehen haben. Immer wieder lausche ich auf Schritte oder Gerüche in meiner Umgebung. Zum Glück kann ich nichts Aussergewöhnliches feststellen. Dank deiner Lüge haben wir jetzt ein paar Stunden mehr Zeit, falls sie darauf hineinfallen. Und in diesem Tempo sind wir schon in einer Dreiviertelstunde dort.

Ich schätze, sie würden für diese Strecke eine Stunde und zwei Minuten brauchen. Gut. Ich beschleunige meine Geschwindigkeit noch ein wenig, dennoch versuche ich, meine Energie gut einzuteilen, da ich danach noch meine Kräfte trainieren muss. Und diesmal werde ich nicht zweifeln, denn ich bin fest entschlossen, dass es dieses Mal klappen wird. Es muss Ta. Sonst werden entweder wir oder wir und Ascans Rudel sterben. Inklusive unseres Bruders. Sehr motivierend Nightfog, wirklich, danke. Hör auf mich so zu nennen! Das könntest du dir selbst zuerst sagen. Jaja...und jetzt konzentrier dich aufs Laufen.

The Night WolfWo Geschichten leben. Entdecke jetzt