Kapitel 8

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Ich parkte den Wagen vor dem alten Herrenhaus. Obwohl es dunkel war, fiel mir der Zustand des Hauses auf. Es sah noch immer gut aus, auch wenn es im Dunkeln etwas beängstigend wirkte. Ich löste den Schicherheitsgurt und stieg aus. Drinnen brannte bereits Licht und der zweite Zwilling tauchte auf einmal in der Tür auf und ließ uns hinein. Die Dielen auf dem Boden knarrten, doch an sich, war auch der Zustand des Hauses innen, ganz in Ordnung. Ich wurde in das Wohnzimmer geführt, in dem Kaden übellaunig am Kamin lehnte, und mich keinen Moment aus den Augen ließ. Ich sah mich um, doch Mel und Lukas fehlten.
"Wo ist Melania?", fragte ich ohne Umschweife und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Oben.", kam es als knappe Antwort von Kaden. Er hatte sich wieder beruhigt und knurrte wenigstens nicht mehr. Somit musste ich nicht länger dem Drang, ihn dafür zu ohrfeigen, widerstehen. Doch plötzlich tauchte ein weiterer Lykaner auf und zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Er sah Mel ähnlich, doch sein Geruch war ein völlig anderer. Höchstwahrscheinlich war er Mel's Bruder. Er musterte mich kurz, bevor er, an niemand bestimmten gerichtet, sagte, dass wir nach oben kommen sollten. Kaden und die anderen nickten knapp und schon wurde ich die Treppe nach oben geführt. Der obere Flur war lang, und erstreckte sich über die gesamte Länge des Herrenhauses. Nur eine Tür war leicht angelehnt und Licht brannte in dem Zimmer dahinter. Ich witterte den Geruch eines männlichen Lykaners. Den selben Geruch trug Mel an sich. Mel's Bruder drückte einfach die Tür auf und ließ uns in das Zimmer.

Mel saß in einem Sessel neben dem Bett und hatte die Beine über die Person gelegt, die drinnen lag. Sie drehte den Kopf um uns abzusehen und nickte dann kaum merklich. An das Kopfteil des Bettes gelehnt, saß der Lykaner, dessen Geruch sie leicht an sich trug. Das war also Zarek, ihr Mate. Er malte kleine Kreise auf ihre Beine, stoppte dann aber damit und sah zu uns hoch. Seine strahlend blauen Augen wirkten auf den ersten Blick, aufrichtig und fröhlich, aber eigentlich zeigten sie tiefste Trauer, je länger man sie ansah. Ich kniff die Augen etwas zusammen und stützte die Hände an der unteren Lehne des Bettes ab. Er hatte schwarzes, kurzes Haar und sein Blick war aufmerksam und fokussiert. Die Zwillinge blieben bei der Tür stehen, während die Asiatin Lee und die blonde Lykanerin, mit den eiskalten Augen, an der Fensterbank lehnten. Ich hätte am liebsten laut los gelacht, da sie tatsächlich glaubten, die Ausgänge versperren zu müssen. Als ob das etwas half. Kaden stellte sich Melania gegenüber, auf die andere Seite des Bettes und verschränkte, Mal wieder, die Arme vor der Brust. Er trug die Lederjacke nicht mehr und man sah nun die Tattoos auf seinen Armen deutlicher. Aber ich war nicht hier, um seine Tattoos zu betrachten. Oder ihn. Ich blickte wieder zu Mel und Zarek, die mich aufmerksam musterten.
"Du bist gelähmt.", sagte ich und wies auf seine Beine. Zarek's Blick verfinsterte sich etwas und Mel berührte ihn sanft am Arm. Er entspannte sich wieder, doch er mahlte mit dem Kiefer.
"Kann man das jetzt auch schon riechen?", fragte er und atmete tief durch. Ich rollte mit den Augen.
"Nein, aber jeder der klar denken kann, weiß, dass ein Lykaner nicht freiwillig im Bett bleibt.", antwortete ich und er nickte verstehend. "Wie ist das passiert?" Er blickte zu seiner Mate, die ihn sanft anlächelte.
"Bei dem Angriff der Rudellosen, letzten Freitag.", sagte Mel und blickte mich dann an. "Davon hab ich dir schon erzählt. Lukas Vater wurde dabei getötet." Ich überlegte einen Augenblick, bis mir auffiel, dass der Alpha gar nicht da war.

"Ja das hast du erwähnt, aber was ist genau passiert?", hakte ich weiter nach und ich wusste, dass der Adanyi etwas damit zu tun hatte.
"Letzten Freitag griffen plötzlich Rudellose an, doch sie handelten nicht selbst, sondern wurden von dem Adanyi gesteuert.", begann sie. "Lukas' Vater war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass die Rudellosen hinter den abgeschlachteten Lykanern steckten und das hat ihn das Leben gekostet. Wir wussten, dass der Adanyi dahinter steckte, doch er hat irgendwie eine Dunkelheit erschaffen, die alles nur noch schlimmer gemacht hatte. Ach keine Ahnung wie ich das erklären soll, jedenfalls wurde Zarek von einem Rudellosen gegen einen Baum geschleudert und erlitt dabei eine Verletzung der Wirbelsäule. Er sich kann sich nur nicht selbst heilen." Ich nickte. Mel hatte zwar etwas unklar gesprochen, aber ich verstand was sie damit meinte. Ich kannte die Fähigkeiten dieses Adanyi's genau so gut wie meine eigenen.
"Langsam wissen wir einfach nicht mehr, was wir machen sollen, um gegen den Adanyi an zu kommen. Wenn er in der Lage ist, mit uns zu spielen und ein Dutzend Rudellose einer Gehirnwäsche unterziehen kann, was können wir denn dann noch ausrichten?", fragte Mel's Bruder. "Wir wissen, dass der Adanyi es auf Mel abgesehen hat und sie jetzt sogar in noch größerer Gefahr ist, als vorher." Ich blickte ihn verwirrt an.
"Warum?", fragte ich.
"Weil der Adanyi jagt auf Lykaner macht und sie abschlachtet.", meinte Kaden. "Da sie jetzt aber Zarek's Geruch an sich trägt, macht es sie zu einer viel größeren Zielscheibe." Ich verkniffen mir ein lachen.
"Ernsthaft? Wer hat denn den Müll erzählt?", wollte ich wissen, doch Kaden knurrte mich an und schon war die Frage geklärt. Ich wandte mich an Zarek und sah ihn an.
"Das du Mel markiert hast, war das wohl beste, dass du tun konntest. Der Adanyi erkennt Mel an ihrem Geruch. Dem Geruch einer gesichtslosen. Da du sie aber, wenn auch noch nicht vollständig, markiert hast, trägt sie jetzt deinen Geruch an sich. Der Adanyi erkennt Melania also nicht mehr sofort, wodurch sie sicher ist."
"Aber ich dachte, da der Adanyi gezielt jagt auf Lykaner macht, wäre Mel jetzt in noch größerer Gefahr.", warf Zarek ein und die anderen stimmten ihm zu. Ich seufzte wieder.
"Na schön.", sagte ich. "Was wisst ihr über den Adanyi und was wollt ihr noch über ihn wissen?" Sie hatten keine Ahnung...

Wolfsblut - AdanyiWo Geschichten leben. Entdecke jetzt