Kapitel 27

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Panik war ausgebrochen, als ich ihnen gesagt hatte, dass wir das Nest des Adanyi gefunden hatten. Sofort waren die anderen aufgebrochen, um Lukas darüber zu informieren und den Wald abzuriegeln, wie ich es gesagt hatte. Aber das alleine würde nicht reichen. Kaden hatte mich zurück zum Lagerhaus begleitet und darauf bestanden, dass ich zu ihnen ins Herrenhaus ziehen sollte. Leider hatte er nicht mit sich diskutieren lassen, weswegen nun meine gepackten Taschen im Kofferraum lagen. Meine Male glühten noch immer weiß und auch meine Augen hatten noch nicht wieder ihre normale Farbe angenommen. Irgendetwas verhinderte, dass ich mich zurück verwandelte.
"Kyra, du machst mir Angst.", kam es irgendwann von Kaden. Ich schüttelte kurz den Kopf und sah ihn von der Seite an.
"Was?", sprach ich und merkte, dass ich überhaupt nicht bei der Sache war. "Was hast du gesagt?
"Dass du mir gerade Angst machst.", wiederholte er, ohne den Blick von der Straße zu lösen. "Du bist völlig abwesend und siehst aus, als würdest du gleich jemanden den Kopf abreißen." Ich schloss die Augen und seufzte, bevor ich ein sorry nuschelte.
"Du hast nicht locker gelassen, als es um Laila ging, also werde ich jetzt auch nicht locker lassen. Sag mir was los ist, Kyra!", meinte er und bog in die Straße zum Rudelhaus ein, wo wir uns mit den anderen treffen sollten.
"Lass es mich erklären, wenn wir bei den anderen sind.", antwortete ich und starrte wieder aus dem Fenster. Der Wagen kam vor dem großen Gebäude zum stehen und augenblicklich verstummte der Motor. Vor dem Haus liefen Lykaner, in menschlicher und wölfischer Gestalt, aufgeregt umher. Doch die Stimmen verstummten als ich ausstieg und die Tür zuschmiss. Kaden trat neben mich und reichte mir eine Sonnenbrille, die ich dankbar annahm.

Drinnen waren die Reaktionen auf mich nicht anders. Ich konnte die Angst riechen und das ekelte mich an. Kaden schob mich jedoch weiter in einen Raum, voller Lykaner, die wild diskutierten. Ich erkannte Zarek und Mel und alle anderen, die vorhin auch schon im Wald gewesen waren, um Lukas herumstehen.
"Der Wald muss abgeriegelt werden, es ist zu gefährlich! Jetzt vor allem, da sich dieses Viech ein Nest gebaut hat.", redeten die Zwillinge auf ihn ein. "Lukas, du musst den Wald sperren lassen und allen Bescheid geben! Und das schnell!"
"Das wird nicht reichen!", warf ich ein und plötzlich wurden alle still. Die Köpfe flogen zu mir herum und erstauntes - ja schon ängstliches, schnaufen war zu hören. "Ausgangssperren müssen festgelegt werden; die Leute dürfen nur noch in Gruppen von mindestens vier Personen raus; die gesamte Waldgrenze muss gesichert werden, die Leute, die am Waldrand wohnen sollten oder dürfen ihre Häuser nicht mehr verlassen und die Schule muss gesperrt werden, da der Schulhof und der Sportplatz an den Wald grenzen. Nur so werden die Leute tatsächlich den Ernst der Lage verstehen!" Die Lykaner sahen mich an, als wäre ich verrückt, aber das war ich nicht.
"Kyra, dass kann ich nicht machen! Es würde eine Massenhysterie ausgelöst dadurch und das hilft uns überhaupt nicht im Moment!", widersprach mir der Alpha und ehe ich mich versah, hatte ich ihn blitzschnell an seinem T-Shirt gepackt und drückte ihn gegen die Wand.
"Wenn du das nicht tust, bist du bald der Alpha eines toten Rudels, Lukas!", fauchte ich. "Der Adanyi hat sich sein Nest in euren Wäldern gebaut und das, hat er noch nie! Adanyi bauen sich keine Nester. Und das sollte euch Angst machen! Also überleg dir lieber, ob du ein totes oder halbwegs lebendiges Rudel führen möchtest, Alpha." Lukas sah mich leichenblass an und sog zitternd die Luft ein. Ich setzte ihn wieder auf die Füße und strich behutsam sein T-Shirt glatt.

"Ich glaube, ich komme nicht ganz mit.", hörte ich Mel vorsichtig sagen. Ich dreht mich zu ihr und beobachtete, wie sie um Zarek herumlief, der sich schützend vor sie gestellt hatte. "Was meinst du damit, dass der Adanyi keine Nester baut? Und warum siehst du so aus?" Ich seufzte.
"Ich lebe seit über vierhundert Jahren auf dieser Erde und jage demnach auch schon länger Adanyi. Für zweihundert Jahre sogar zusammen mit Arkadien und seinen Leuten und noch nie, war ein Adanyi so lange an einem Ort, wie hier. Und sie haben auch nie Nester gebaut. Ich kann mir nicht erklären, warum dieser Adanyi plötzlich damit anfängt, aber das bedeutet nichts gutes.", erklärte ich. "Dieser Adanyi ist extrem mächtig und hat ein Nest gebaut, aber das, was noch viel schlimmer ist, ist, dass dieses Nest lebt. Es hat einen eigenen Willen und wird nicht von dem Adanyi geleitet und was auch immer in dieser Dunkelheit ist, verhindert, dass ich meine Verwandlung, also das Glühen meiner Male und meiner Augen, kontrollieren kann. Und das macht mir Angst!"
Ich ließ mich in den Sessel, der in der Ecke stand fallen und riebir die Schläfen. Ich zerbrach mir, seit einer knappen halben Stunde, den Kopf darüber, über das wie und warum, aber ich war mit meinem Wissen am Ende. Genauso wie mit meinen Nerven. Kaden zu mir und hockte sich vor mich.
"Kannst du es aufhalten?", fragte er vorsichtig und nahm mir die Sonnenbrille von der Nase.
"Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht, Kaden.", antwortete ich und sah Panik in seinen blassgrünen Augen aufflammen.

Wolfsblut - AdanyiWo Geschichten leben. Entdecke jetzt