-Einunddreißig-

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Als ich nach einer traumlosen Nacht, mit meiner Mutter in das Krankenzimmer meines Vaters komme, bleiben wir beide wie erstarrt in der Tür stehen. Das Bett ist leer. "Wo ist er?" stammelt meine Mutter und ich umfasse ihre Schultern. "Ich habe keine Ahnung. Warte hier, ich kümmere mich darum." antworte ich und hoffe, dass ich schnell jemanden finde, der mir weiter helfen kann.

Ich laufe die verworrenen Gänge entlang und suche nach einem vertrauten Gesicht. An einem der Schwesternzimmern bleibe ich schließlich stehen. "Julie?" Sie dreht sich zu mir um und lächelt. "Magnus, wie schön dich zu sehen. Wie geht's dir?" Ich winke ungeduldig ab. " Wo ist mein Vater?" frage ich und sie sieht mich erstaunt an. "Na, ich nehme doch an, er ist da, wo er hingehört. In seinem Bett." Ich spüre, wie mich Verzweiflung übermannt. "Eben nicht. Sonst würde ich nicht fragen." Sie runzelt die Stirn.

"Moment, ich sehe im Computer nach. Das haben wir gleich. Magnus, nun guck nicht so. Wenn es was Schlimmer wäre, wüsste ich es." Sie tippt auf der Tastatur an und sieht konzentriert auf den Monitor. Dann erhellt sich ihre Miene. "Das haben wir es ja. Er ist beim MRT. Alles gut. Sie überprüfen nur seine Hirnfunktion. Er ist gleich wieder zurück. Komm mit, ich begleite dich." Damit zieht sie mich am Arm hinter sich her und sie klärt meine Mutter auf, als wir sie völlig aufgelöst vorfinden.

Ich nehme sie fest in den Arm und streiche ihr beruhigend über die Haare. "Es ist alles gut Mum. Er ist gleich wieder da." Sie weint noch immer und ich begreife, wie sehr sie ihn auch nach all den Jahren noch liebt. Ich hoffe, ebenfalls mal auf eine so beständige Beziehung sehen zu können und meine Gedanken wandern automatisch zu Alec und ich muss lächeln.

Julie beobachtet mich aufmerksam. "Wie heißt sie?" fragt sie und ich brauche einen Moment, um zu begreifen. "Alec. Er heißt Alec." Sie sieht mich nachdenklich an und nickt dann.
"Verstehe." Damit lässt sie uns alleine und ich bin irritiert. Habe ich etwas Falsches gesagt?
Ich habe keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn die Tür öffnet sich und mein Vater wird hinein geschoben.

Nach einem langen Tag, habe ich nur noch ein Ziel. Essen, duschen und dann einen Videochat mit Alec. Vor Vorfreude kribbelt es in meinem Bauch und ich muss mich zurück halten, nicht spontan die Reihenfolge zu ändern und ihn zuerst anzurufen, aber es ist erst sieben Uhr und ich will ihm seinen Schlaf nicht nehmen.

Meine Mutter hat heute etwas typisch indonesisches zum Essen auf dem Weg gekauft. Es gibt Ayam Goreng und ich muss mich an den Anblick gewöhnen, dass sie mit den Fingern isst, während ich ganz klassisch eine Gabel in der Hand halte. Sie sieht mich an und runzelt die Stirn. "Viel ist von deiner Kultur nicht mehr übrig geblieben. Du bist ein richtiger Amerikaner geworden." Ich zucke mit den Schultern. "Ich fühle mich auch mehr amerikanisch, als indonesisch."
Nachdenklich beobachtet sie mich. "Und dann noch einen Amerikaner als Freund. Ist es etwas Ernstes Magnus oder eine Phase?" Ich lege meine Gabel zur Seite.
"Es ist ernst. Ich bin verliebt Mum." Sie nickt. "Das glaube ich dir auch und dein Alex ist bestimmt ganz toll, aber ich habe immer gehofft mal Enkel zu bekommen."

"Mum, wer sagt denn, dass du keine bekommst? Man kann sich nunmal nicht aussuchen, in wen man sich verliebt und er heißt Alec." Sie starrt mich an. "Übrigens ist er nicht meine erste Erfahrung mit einem Mann, ich hab mir das also nicht spontan überlegt, so wie andere sich ein Haustier zulegen. Nach Camille hat er es geschafft, dass ich mein Herz wieder öffne." Sie seufzt. "Verstehe. Ich höre schon auf. Ich gewöhne mich schon noch daran. Obwohl ich trotzdem glaube, dass Julie wunderbar zu dir passen würde."

Jetzt bin ich derjenige, der starrt. "Julie? Was hat sie damit zu tun?" Meine Mutter seufzt. "Sie ist hübsch, intelligent, freundlich und wird sicher mal eine wunderbare Mutter. Außerdem ist sie Singel." Ich schüttel den Kopf. "Versucht du gerade mich mit Dads Krankenschwester zu verkuppeln?" Sie wiegt den Kopf hin und her. "Ich denke ja." sagt sie schlicht und mir klappt der Mund auf. "Mum. Julie ist sicher hübsch und auch sehr nett aber im Gegensatz zu ihr, bin ich nicht Singel. Ich bin glücklich und möchte niemand anderen als Alec an meiner Seite. Du würdest ihn lieben, da bin ich mir absolut sicher." Sie greift über den Tisch nach meiner Hand. "Da gehe ich sogar von aus, aber vielleicht überlegst du es dir doch nochmal. Du könntest hier bei uns bleiben."

Mit einem lauten Klirren lasse ich meine Gabel fallen. "Darum geht es oder? Du hoffst, ich verliebe mich und bleibe hier. Verstehst du nicht, dass mein Leben nunmal in Amerika, in New York, stattfindet? Sicher, nach dem Streit mit Alec wollte ich alles hinschmeissen und hier bleiben, aber jetzt......" Sie beobachtet mich interessiert und ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe. "Es war nur ein kleiner Streit und ich will zu ihm zurück." versuche ich zurück zu rudern aber sie sieht mich schon an, wie ein Raubtier vor seiner Beute.

"Mum, bitte. Lass es einfach. Ich gehe jetzt ins Bett und rufe meinen Freund an." Sie hebt die Hände. "Ich hab nichts gesagt. Schlaf schön." Sie lächelt und ich weiß genau, was sie denkt. Zu oft habe ich ihre Verkupplungsversuche miterlebt.

Ohne ein weiteres Wort gehe ich in das Gästezimmer und lege mich auf das Bett. Ich will Alec anrufen, will ihn sehen und entscheide mich sofort für einen Videoanruf. Ungeduldig warte ich, dass er abhebt, aber er tut es nicht. Ich schaue auf die Uhr. Mittlerweile ist es halb neun und Alec müsste längst wach sein.

Ich runzel die Stirn und lege wieder auf. Frustriert schreibe ich ihm eine Nachricht, das ich ihn vermisse und gerne mit ihm reden würde. Die Nachricht geht durch, aber als nach einer weiteren halben Stunde noch immer keine Lesebestätigung erscheint, bin ich sauer, enttäuscht und gleichzeitig in Sorge. Wo steckt er nur?
Seufzend betrachte ich sein Foto und die Sehnsucht wird fast unerträglich.

Paralysiert  -Malec-Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt