Die Voraussagung

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„Herein.", erklang Snapes unfreundliche Stimme, als Jocelyn anklopfte. Sie öffnete die Tür und schlüpfte in den Raum. „Ach, Sie sind es.", stellte er gelangweilt fest.
„Ihnen auch einen guten Abend, Professor.", sagte Jocelyn ironisch, worauf Snape ihr einen scharfen Blick zuwarf.
„Ich habe Ihnen bereits etwas hingerichtet. Wenn Sie das hier bitte in diese Behälter hier füllen würden.", er deutete in Richtung einiger Aufbewahrungsboxen, vor denen er Glasbehälter gestellt hatte.
Jocelyn nickte knapp und setzte sich ihm gegenüber. Sie zog die erste Aufbewahrungsbox zu sich und öffnete sie. Sie warf einen Blick herein und zuckte zurück. Sie begegnete Snapes zufrieden wirkendem Blick und machte sich zähneknirschend an die Arbeit, die Flubberwürmer in den Glasbehälter zu füllen. Die ersten Minuten arbeitete sie schweigend, während Snape irgendwelche Pergamente durchschaute und dabei immer wieder verächtlich schnaubte. Irgendwann wurde ihr so langweilig, dass sie neugierig auf die Pergamente spähte. Anscheinend waren es Arbeiten von Zweitklässlern.
„Arbeiten Sie weiter!", schnappte Snape in diesem Moment und Jocelyn lehnte sich wieder zurück. Lustlos öffnete sie die nächste Aufbewahrungsbox und nahm mit angewiderter Miene deren glitschigen Inhalt in Augenschein.
„Sagen Sie mal, Professor, was machen Sie mit dem Zeug nachher eigentlich?", fragte Jocelyn einige Minuten später.
Snape schenkte ihr einen knappen Blick und antwortete ungerührt: „Es entsorgen. Das sind mangelhafte Zutaten, die ich nicht mehr verwenden kann."
Jocelyn starrte ihn ungläubig an. „Ist das Ihr Ernst?! Ich mach das hier also völlig umsonst?"
„Achten Sie auf Ihren Tonfall, Miss Fortescue!", sagte Snape scharf.
Kochend wandte sie sich wieder ihrer nutzlosen Arbeit zu. Die Minuten krochen dahin und in Snapes unbeheizten Kerker begann sie schon bald zu frösteln. Als sie ihn fragte, ob er den Kamin anmachen könnte, schnaubte er, als ob dies das Abwegigste wäre, das er jemals gehört hatte. Als sie endlich alle Zutaten unnötigerweise umgefüllt hatte, fragte sie hoffnungsvoll: „Darf ich jetzt gehen?"
Als Antwort knallte Snape ihr zwei neue Aufbewahrungsboxen auf den Tisch und es folgten zwei Glasbehälter. Es kostete ihr viel Mühe, ihm den Inhalt nicht über das fettige, schwarze Haar zu kippen. Sie öffnete mit finsterer Miene die Box und begann, die nächste ekelhafte Zutat umzufüllen.
Zehn Minuten später war sie fertig und Snape sagte widerwillig: „Sie können gehen."
Sie stand so abrupt auf, dass sie beinahe den Stuhl umgekippt hätte. Sie beeilte sich, zur Tür zu kommen, um endlich aus diesem trostlosen Raum herauszukommen, doch Snape hielt sie nochmal auf. „Ach, und nächstes Mal denken Sie vielleicht besser daran, Ihre Hausaufgaben zu erledigen, Miss Fortescue. Hier herrschen andere Regeln, als bei Ihrem Privatunterricht.", er grinste süffisant.
Jocelyn erstarrte in der Bewegung. Sie schaffte es, nichts darauf zu erwidern, und stürmte aus der Tür. Sie ging die Treppe hoch, wobei sie immer zwei Stufen auf einmal nahm, und ließ Snapes Klassenzimmer erleichtert hinter sich. Doch als sie den Weg zum Gemeinschaftsraum ansteuerte, wurden ihre Schritte langsamer. Sie verspürte einen inneren Widerwillen, ihn zu betreten. Das lag wohl nicht zuletzt an ihrem Bruder, der ihr mit Sicherheit wieder einen höhnischen Spruch entgegen schleudern würde. Auch auf Pansys giftige Blicke konnte sie gut verzichten, ebenso wie auf die der anderen Slytherin-Mädchen, und ganz zu schweigen von Idioten wie Grabbe und Goyle. Vermutlich war Draco auch ein Idiot, zumindest wenn sie an sein Verhalten vorhin zurückdachte. Aber andererseits hatte er ihr gestern geholfen – und das sogar nicht nur einmal -, weshalb er vielleicht doch kein kompletter Idiot war...Sie machte sich schon wieder zu viele Gedanken über ihn! Spontan änderte Jocelyn ihren Weg und beschloss, dass sie noch einen Abstecher in die Bibliothek machen würde. Da sie inzwischen schon ein paar Mal daran vorbeigelaufen war, wusste sie inzwischen, wo sie sich befand. Sie hüpfte, froh die Begegnung mit Lorcan und den anderen Slytherins noch ein bisschen hinauszögern zu können, die Treppe hoch, die in die Eingangshalle führte, und ging von dort aus zur Bibliothek. Sie hatte sie schon seit ihrer Ankunft besuchen wollen, aber sie hatte es bis heute noch nicht geschafft. Als Jocelyn sie wenig später betrat, schaute sie sich begeistert in dem Raum um. Es gab unzählige Gänge und verschiedene Abteilungen und Jocelyn wusste gar nicht, wo sie als erstes hinsollte. Schließlich sah sie sich die historischen Werke genauer an. Dort fand sie auch das Buch Geschichte Hogwarts, das auch ihre Tante in ihrer Sammlung gehabt hatte. Sie zog es heraus und fuhr mit dem Finger sachte über den Buchrücken. Es war immer einer ihrer Lieblingsbücher gewesen und sie hatte es sogar schon mehr als einmal gelesen. Tante Fiona hatte immer milde gelächelt, wenn sie Jocelyn wieder einmal in das Buch vertieft in ihrem Zimmer auf der Fensterbank sitzen gesehen hatte und obwohl sie sich immer Mühe gegeben hatte, es sich nicht anmerken zu lassen, hatte Jocelyn die Trauer in ihren klaren, dunkelblauen Augen sehen können. Sie wusste, dass ihre Tante sie gerne nach Hogwarts geschickt hätte, aber ihre Angst, dass ihr dort wegen ihres Namens das Leben zur Hölle gemacht werden würde, war größer gewesen. Jocelyn stellte das Buch zurück an seinen Platz und schüttelte leicht den Kopf, wie um die Erinnerungen an ihre Tante zu verscheuchen. Sie ließ den Blick über die vielen Buchrücken gleiten und fand schon kurz darauf ein Buch, das sie interessierte. Sie nahm es mit und setzte sich an einer der hinteren Tische der Bibliothek. Sie nahm sich vor, nur eine halbe Stunde zu lesen und dann in den Gemeinschaftsraum zu gehen. Sie wollte nicht von dem unheimlichen Hausmeister erwischt werden, wie sie so spät noch im Schloss umherwanderte. Aber kaum hatte sie das dicke Buch aufgeschlagen und sich in die ersten Seiten vertieft, verlor sie vollkommen das Zeitgefühl. Als sie das nächste Mal aufblickte, waren die Flammen in den Kronleuchtern schon beinahe gänzlich heruntergebrannt und der Raum lag im Dämmerlicht. Erschrocken sprang Jocelyn auf und klappte das Buch zu. Sie stellte es zurück und steuerte eilig den Ausgang der Bibliothek an. Im Schloss herrschte Totenstille und Jocelyn lief unwillkürlich noch schneller. Ohne nachzudenken ging sie in Richtung des Gemeinschaftsraums der Gryffindors und erst als sie vor dem Gemälde mit der fetten Dame stand, bemerkte sie ihren Fehler. Sie wandte sich leise fluchend um und zuckte im nächsten Moment erschrocken zusammen, als hinter ihr das Porträtloch aufschwang. Sie wirbelte herum und sah sich Ron und Harry gegenüber. Sie starrten sich für einen Moment lang überrumpelt an, bevor auf einmal Professor McGonagalls ungeduldige Stimme hinter den beiden erklang: „Weasley, Potter, was stehen Sie denn herum?"
Die Professorin trat nun ebenfalls heraus und bemerkte Jocelyn. „Miss Fortescue, dürfte ich fragen, was Sie hier zu suchen haben?", wollte sie mit hochgezogenen Augenbrauen wissen.
Jocelyn öffnete den Mund, aber als ihr klar wurde, wie dumm ihre Antwort klingen würde, schloss sie ihn unverrichteter Dinge wieder.
„Wie auch immer, gehen Sie bitte unverzüglich in ihren Schlafsaal. Potter, Weasley, kommen Sie mit.", fügte sie an Harry und Ron gewandt hinzu. Sie ging eilig voran und die beiden folgten ihr. Jocelyn fiel erst jetzt auf, wie blass und erschrocken sie beide wirkten. Stirnrunzelnd sah sie ihnen hinterher, bevor ihr wieder einfiel, was McGonagall ihr befohlen hatte und sie sich widerwillig in Richtung der Kerkerräume machte. Sie grübelte immer noch darüber nach, was wohl vorgefallen war, dass sie so erschrocken schauen gelassen hatte, als sie den verhassten Slytherin- Gemeinschaftsraum betrat. Glücklicherweise fand sie ihn vollkommen verlassen vor. Sie betrat den Mädchenschlafsaal und zog sich rasch um, bevor sie unter ihre Bettdecke krabbelte. Sie schloss die Augen und es sollte noch eine Weile dauern, bevor sie endlich einschlief.

Burning DarknessWo Geschichten leben. Entdecke jetzt