Wenige Stunden später war es auch so weit. Marseille und ich stiegen wieder gemeinsam auf das Motorrad. „Viel Glück Señorita" meinte der Professor, gab mir die Hand und lächelte zögerlich. Er wusste wohl, dass sein Plan riskant war, dennoch wollte er es sich nicht anmerken lassen. Dann fuhren wir los. Mehrere Kilometer auf abgelegenen Straßen und durch winzig kleine Dörfer. Irgendwann kamen wir auf einem verlassenen Übungsplatz des Militärs an. Ich nahm den Rucksack, den der Professor uns mitgegeben hatte, und zog mir die darin liegende Kleidung an. Ein schwarzes Outfit mit Sturmhaube, Seilen und Kletterhaken, genau wie wir es zuvor besprochen hatten. Marseille enthüllte unterdessen den riesigen olivgrünen Militärhubschrauber, welchen Helsinki noch vor dem Überfall für den Professor auf dem Schwarzmarkt in Polen organisiert hatte. Marseille machte die Maschine startklar, ich stieg ein und wir machten uns in luftiger Höhe auf den Weg zur Bank. Ich genoss den Ausblick über das spanische Festland und Madrid, alles erschien so friedlich. Der Professor hatte den Hubschrauber natürlich vorher fein säuberlich vorbereitet, sodass weder Peilsender der Luftwaffe, noch die Fluglotzen des nahegelegenen Flughafens ihn wahrnehmen konnten. Und somit ermöglichte er uns einen scheinbar unsichtbaren Rundflug über Madrid. Natürlich war das nicht alles. Der Professor heuerte unser IT-Team in Pakistan dafür an der Stadt für einige Minuten das Licht aus zu schalten. Für etwas mehr Dramatik, versteht sich. Und natürlich um die Polizei anderweitig zu beschäftigen, während ich gemütlich zurück in die Bank ging. Marseille warf mir 50 Meter vor unserem Ziel einen erwartungsvollen Blick zu. „Bist du bereit?" schrie er dann gegen die lauten Propellergeräusche an. „Und wie!" Mein Blick wanderte über das Dach der Bank, zum Zelt der Polizei und dann zum Eingang der Bank. Und wie bestellt knipsten die Pakistani der Stadt, 20 Meter vor erreichen unseres Zieles, für etwa 5 Minuten das Licht aus. Jetzt musste alles ganz schnell gehen. Noch bevor die Guardia Civil den Hubschrauber als Bedrohung einschränken konnte und noch während sie alle erstaunt über den Stromausfall ins dunkle blickten, sanken wir bis auf 8 Meter über den Boden herab und ich seilte mich auf den Vorplatz der Bank herab, auf dem ich vor Tagen festgenommen wurde. Ich schnitt knapp über dem Boden das Seil durch, ließ mich auf den Boden fallen und schnellte innerhalb von Sekunden wieder nach oben. Dann hielt ich Marseille kurz ein O.K. Zeichen entgegen, um ihm zu zeigen dass es mir gut ging. Dann flog er weg. Die Polizei hatte natürlich schnell Wind von der Sache bekommen und hatte umgehend den Notstrom angestellt. Ihre Scheinwerfer hatten sie auf mich gerichtet, bereit zum Abschuss. Angespannt ging ich nochmals den Plan des Professors in meinem Kopf durch, während ich zum Tor rannte.
Verdammt warum machen die noch nicht auf?
Zur selben Zeit war der Professor im Kontakt mit Palermo gestanden. Er wartete nur auf den richtigen Zeitpunkt. „Jetzt Palermo!" rief der Professor durch die Leitung und dieser presste zügig den Türknopf. Na endlich!
Als der Spalt der Tür breit genug war, sodass ich mich durchquetschen konnte, tat ich das auch und Palermo schlug erneut auf den Knopf. Dann schloss sich das Tor wieder hinter mir. War doch ganz einfach.
„Sie ist drin Boss" teilte Palermo dem Professer mit.
„Kairo!" seufzte mir im selben Moment meine Schwester mit vorwurfsvollem Blick entgegen, warf dennoch die Arme um meinen Oberkörper und gab mir einen Kuss auf die Wange. „Ich bin so froh dass es dir gut geht. Aber was zur Hölle machst du hier?" Ich drückte sie nur wortlos während ich über ihre Schulter spähte. Mein Blick blieb zielsicher auf Tokio hängen. Ich ließ Nairobi schlagartig los, zog mein Messer aus meinem Waffengurt und ging ohne zu zögern auf sie zu. Als wäre der Teufel in mich gefahren. Dann hielt ich ihr das Messer an die Kehle und sie zog zugleich ihre Waffe, doch das war mir egal.
„Du Verräterin. Wieso sorgst du dafür, dass ich von den Blutsaugern da draußen ausgequetscht werde?" knurrte ich ihr entgegen und sie lachte mir nur dreckig ins Gesicht. „Wow da hat sich aber jemand Mut angetrunken.."
Ich presste ihr das Messer noch ein wenig mehr in ihre Haut und langsam begann etwas Blut zu fließen, dabei sah ich ihr in die Augen. „Scheiße Kairo hör auf damit. Es tut mir leid okay?" zischte sie dann einsichtig und steckte ihre Waffe wieder weg. Denver der gerade aus dem Fahrstuhl gestiegen war, blieb fast das Herz stehen als er die Situation beobachtete. „Hör verdammt nochmal auf dich hier so unschuldig aufzuspielen Tokio. Ich weiß genau was du damit bezwecken wolltest du kleine Ratte. Wenn du mich los werden willst musst du schon härtere Mittel ergreifen als mich der Polizei auszuliefern. Leg dich gefälligst nie mehr mit mir an" warnte ich sie wütend und nahm ebenfalls mein Messer von ihrem Hals. Palermo warf mir einen erstaunten Blick zu, ehe er einfach nur zu klatschen begann. „Filmreifer Auftritt Kairo, wirklich. Chapeau!" Eigentlich sollte ich Tokio dankbar sein. Denn dank ihrem Verrat war ich nun auch eine der skrupellosen Gangster geworden, wie ein ganz neuer Mensch. Und ich konnte endlich mit den Anderen mithalten. Es tat verdammt gut mich endlich wehren zu können und mir wirklichen Respekt zu verschaffen. Dann kam Rio auf mich zu. Er nahm mir das Messer aus der Hand und sah mir in die Augen. „Was haben die da draußen in dem Zelt mit dir angestellt? Du bist ja ganz durch den Wind.." Ich senkte meinen Blick, nahm ihm mein Messer wieder aus der Hand, steckte es dann in meinen Beingurt und atmete tief durch. „Ich.. Der Professor und Marseille haben mich ausgebildet.. vielleicht habe ich etwas überreagiert. Keine Angst mir gehts gut." Rio hob mein Kinn an und lächelte. „Schon in Ordnung.. Ich hätte nur gerne das selbe mit Tokio gemacht nachdem sie dich da raus schickten. Ich bin wirklich froh dich wieder zu sehen Kairo. Ich dachte schon die haben dich gezwungen was zu verraten."
Er strich mir sanft mit dem Daumen über die Unterlippe. Wie gerne hätte ich ihn jetzt geküsst. Die Tage ohne ihn hatten sich angefühlt wie ein kalter Entzug. Aber das ging nicht. Ich hatte mir schließlich vorgenommen keine Beziehung hier drinnen einzugehen. Vor allem ging das nicht vor den Anderen.
Ich schüttelte meine Gedanken ab und zog Rio dennoch liebevoll in meine Arme. Dabei konnte ich seinen aufgeregten Herzschlag spüren als unsere Körper sich berührten. Ich hatte ihn so sehr vermisst. Nach einigen Sekunden löste ich mich widerwillig aus der Umarmung und streichelte über Rios Handrücken.
„Ich werd mir oben ein bisschen Zeit für mich nehmen, war ganz schön anstrengend die letzten Tage" flüsterte ich ihm zu und ging nach oben.
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La Casa de Papel IV
FanfictionLuana Sofia Jiménez ist die kleine Schwester von Ágata Jiménez, besser bekannt als „Nairobi", welche Teil des Überfalles auf die Spanische Staatsbank in Madrid ist. Als Luana von Polizisten als Köder angeheuert wird um ihre Schwester, unter vorbeh...
