Hypokrit

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Unterdessen lief Denver zurück in die Eingangshalle. Mit konzentriertem Blick und zielstrebigen Schritten lief er auf die Tore der Bank zu, ohne auch nur ein einziges Wort mit den anderen Anwesenden zu wechseln. Stockholm und Tokio, die auf die Geiseln achteten beobachteten sein Vorhaben mit Vorsicht. Er war mittlerweile die tickende Zeitbombe der Gruppe, welche jeden Moment zu explodieren drohte. Er hatte sich Pérez ausgeliefert um die Heldenrolle zu übernehmen, um die Anderen und vor allem mich zu beschützen. Doch damit hatte er alles nur noch schlimmer gemacht und das wusste Denver auch ganz genau, denn jetzt war er gerade dabei seine Fehler wieder auszubügeln. Ich wusste nicht wie genau er das geplant hatte, doch allein der Gedanke daran, dass er sich erneut für mich in Gefahr bringen würde ließ mich erschaudern.
„Du gehst ihm nicht nach Kairo! Ich lass nicht zu dass du dich so kurz nach deiner letzten Eskapade schon wieder in die nächste stürzt. Ich hab die Schnauze mittlerweile gestrichen voll. Du bereitest mir nur Sorgen, manchmal wünschte ich du wärst nicht hier. Lieber würde ich dich Zuhause und in Sicherheit wissen und dich dafür nicht sehen, als dich hier ständig zu sehen und auch durchgehend Angst um dich zu haben. Erst wirst du entführt und stirbst mir fast weg, dann schnappt dich die Polizei und du verschwindest Tagelang von meiner Bildfläche und jetzt bringst du fast einen Cop um."
„Nairobi..." sagte ich missmütig und versuchte mir erneut den Weg zwischen ihren Armen frei zu machen, doch sie dachte nicht daran mich gehen zu lassen.
„Luana Sofia Jiménez! Wenn ich sage du bleibst hier dann tust du das auch verdammte Scheiße, hör auf zu diskutieren!" fauchte sie mir nun mehr wütend entgegen. Ich gab nach. Geknickt verschwand ich zwischen den Bücherregalen, wie ein trotziger Teenager der gerade Haussarest bekommen hatte.
„Rio, pass bitte auf dass sie hier bleibt. Ich werde mit Helsi zurück an die Arbeit gehen..maldita mierda!" fluchte meine Schwester, ehe sie zusammen mit Helsinki zurück zur Goldschmelze ging. Ich hatte mich derzeit, an eines der Bücherregale angelehnt auf den Boden gesetzt. Ich ließ meinen Hinterkopf gegen das massive Holz des Regales knallen. „Scheiße!" kreischte ich laut zu mir selbst. „Alles in Ordnung?" fragte Rio daraufhin besorgt von der anderen Seite des Regales. Er kam langsam zu mir rüber, kniete sich zu mir herunter und lächelte schwach. „Garnichts ist in Ordnung Rio!" fuhr ich ihn versehentlich an. Doch Rio nahm es mir nicht böse, sonst wäre er ja nicht Rio. „Verzeih mir..." entschuldigte ich mich noch in der selben Sekunde. „Schon gut Kairo."
Er ließ sich neben mir nieder und lehnte ebenfalls seinen Kopf an das Regal. Wir schwiegen uns eine Weile an, er gab mir meine Zeit um meine Gedanken wieder zu sammeln. Dann redeten wir einfach. Über schöne Dinge natürlich, wie unsere Lieblingsrestaurants und Freizeitaktivitäten denen wir im Leben als Normalos gerne nachgingen. Es tat verdammt gut einfach ein normales Gespräch mit jemandem zu führen. Wie ganz normale junge Leute eben.
Doch hätte ich nur geahnt, was unten vor sich ging, hätte ich mich sicher nicht auf gelassene Gespräche mit Rio eingelassen.

„Denver was soll das werden wenns fertig ist?" fragte Tokio ihn nervös. Dennoch lief sie wutgeladen auf Denver zu. „Ach, das geht dich nen Scheiß an Tokio!" antwortete er ihr angenervt und ging weiter in Richtung Türöffner.
Um so näher er dem Pult kam, desto schneller wurden Tokios Schritte.
Denver zögerte nicht weiter und presste den großen Knopf. Die Tore öffneten sich langsam. Tokio nahm ihre Beine in die Hand und spurtete zum Pult.
„Tokio, misch dich doch einmal nicht in die Angelegenheiten Anderer ein, bitte!" schrie er sie daraufhin an und sie blieb fassungslos stehen, hob ihre Arme und lachte unsicher. „Na dann, stürz dich in dein Verderben. Für ein Mädchen deren Herz für nen Andern schlägt, mach schon." Sie ging zurück zu Stockholm, warf hin und wieder einen Blick in Denvers Richtung. Doch er ließ sich nicht von ihr beirren und vorallem ließ er sich nicht von seinem Plan abbringen.
Er erhob seine Hände während er auf den Vorplatz der Bank ging. Dabei winkte er ein weißes Tuch in seiner rechten Hand hin und her. „Ich habe eine weiße Fahne. Ich möchte mit der Presse sprechen!" brülle er in Richtung der Polizisten und den Menschenmassen. Er ging mit wachsamen Augen immer näher zu der Absperrung der Polizei. Circa 5 Meter vor den Absperrungen blieb er dann stehen. „Schickt einen Nachrichtensender zu mir, ich möchte eine öffentliche Aussage machen!" Die Beamten begannen umgehend damit, hektisch durch ihre In Ears zu kommunizieren. Wenige Sekunden später winkte einer von ihnen nach einer Nachrichtensprecherin und ihrem Kamerateam.
„Sie haben 2 Minuten Señor. Tragen sie Waffen bei sich?" rief er Denver dann zu. Er schüttelte heftig den Kopf und öffnete den Reißverschluss seines Overalls um der Polizei zu zeigen, dass er sauber war. Sie ließen das Fernsehteam daraufhin zu ihm hinter die Absperrung kommen.

„Mein Name ist Lucía de Guitérra von Antena 3. Wir befinden uns hier direkt vor der Spanischen Zentralbank, welche sich seit Tagen in der Hand der Dalis befindet und somit ganz Madrid in Atem hält. Sie sehen nun live ein Statement eines Geiselnehmers. So etwas gab es seit der Serie von Überfällen noch nie!" sprach die Nachrichtensprecherin gekonnt in die Kamera, ehe sie Denver übermütig das Mikro entgegen hielt.
„Guten Tag.." begrüßte Denver die Zuschauer unsicher und sah dabei in die Kamera, woraufhin die Nachrichtensprecherin ihn mit einer schnellen Handbewegung zu ihrer Uhr auf die vergehende Zeit aufmerksam machte. Denver schluckte schwer. Es kostete ihn einige Überwindung.
„Mein Name ist Denver...Daniel Ramos. Ich würde mich gerne zu dem Vorfall zwischen Inspektor Alvaro Pérez und meinem Gruppenmitglied Kairo äußern. Die Polizei gab Informationen an die Presse weiter welche behaupteten, dass Kairo...also Luana Jiménez den Señor absichtlich hingerichtet hätte. Doch das ist eine Lüge. Kairo hat nichts mit der Sache zu tun. Die Polizei will sie alle hinters Licht führen. Kairo... ich meine Luana hat den Inspektor nicht angeschossen. Sie betrifft keinerlei Schuld, denn ich war es der den Inspektor niedergeschossen hat." Denver schluckte erneut seinen Missmut herunter.
Dann sah er nochmals direkt in die Kamera. „Es war ein Unfall. Er hat unser Vorhaben gefährdet und somit musste ich tun was zu tun war. Meine Gruppe war einer großen Gefahr ausgesetzt und es tut mir leid was geschehen ist. Ich wünschte ich könnte es rückgängig machen, doch was geschehen ist ist geschehen. Ich bitte sie hiermit mir zu vergeben, doch lassen sie Señorita Jiménez aus der Sache raus, das Mädchen würde niemals jemandem schaden. Ich wünsche dem Inspektor eine schnelle Genesung.." Der Polizeibeamte unterbrach das Statement und deligierte das Fernsehteam wieder das abgesperrte Gelände umgehend zu verlassen. „Danke Señor Ramos. Das wars von der Spanischen Zentralbank. Und nun zurück zum gewohnten Programm" moderierte die Nachrichtensprecherin die Sendung ab, dann gingen sie wieder. Denver machte sich auf den Weg zurück in die Bank. Die Polizei ließ von ihm ab. Dann schlossen sich die Tore wieder. Denver warf das weiße Tuch in eine Ecke und ging nach oben, vorbei an Stockholm und Tokio, welche ihm nur mit verwirrten Blicken hinterher sahen. Sie mussten ihn wohl für vollkommen Durchgeknallt halten. Doch das war er nicht, nur geblendet vor Liebe.

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