Tunichtgut

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Wir verließen das Nebenzimmer. Denver stand lässig an die Wand gelehnt auf der anderen Seite des Foyers und zündete sich gerade eine weitere Zigarette an. Dabei beobachtete er mich mit wachsamen Augen. Rio und Stockholm saßen immernoch zusammen am Boden und unterhielten sich angeregt über ihre Lieblingssüßigkeiten und wie sehr sie es vermissten diese zu naschen. Bogotá und Helsinki hatten wohl die Schnauze voll von den Strapazen hier und waren verschwunden. „Hey ich geh mal nach meinen starken Jungs sehen, du kommst hier klar oder?" fragte mich meine Schwester vorsichtig und ich nickte ihr sachte zu. Ich war ohnehin von Palermo zur Nachtwache verdonnert worden, damit die Anderen sich etwas ausruhen konnten. Also ließ ich mich auf der Sitzbank im Saal nieder, zog die Beine an meinen Körper, legte mein Kinn auf die Knie und  wartete einfach darauf dass diese Nacht ein schnelles Ende finden würde. Denver beobachtete mich noch eine Weile nachdenklich, verschwand dann aber ebenfalls irgendwann ohne ein weiteres Wort. Auch Rio machte sich irgendwann auf um schlafen zu gehen. Er behandelte mich im Gegensatz zu Denver nicht so kalt. Im Gegenteil, er gab mir sogar noch eine liebevolle Umarmung bevor er sich nach oben verabschiedete. So war Rio eben, er konnte einem nicht wirklich Böse sein. Dann waren Stockholm und Ich alleine. Sie nahm neben mir platz, packte zwei Müsliriegel aus ihrer Tasche und reichte mir aufmunternd einen davon. Als wir dann gemeinsam unseren Mitternachtssnack aßen und ein wenig über unsere Vergangenheit quatschten, bemerkten wir beide ziemlich schnell dass wir uns im Prinzip sehr ähnlich waren. Wir hatten beide einmal einen tollen Job, ein gut Bürgerliches Leben und gingen gerne in den selben Läden shoppen. Und wir beide sind auf seltsamen Wegen mit in diese kriminelle Schiene geraten. Ich begann sie immer symphatischer zu finden und sie mich augenscheinlich auch. „Weißt du Kairo, anfangs sah ich dich als Konkurrenz. Wahrscheinlich auch deshalb, weil Tokio mir das immer wieder einredete.. Aber mittlerweile hab ich begriffen dass du wirklich ein nettes Mädchen bist. Ich habe viel zu schnell über dich geurteilt und das tut mir wirklich sehr leid" meinte Stockholm und legte lächelnd eine Hand auf mein Knie. „Schon in Ordnung. Ich kann verstehen dass du dir deinen Teil gedacht hast, ich meine du und Denver ihr wart zwei Jahre lang zusammen und jetzt grätsche ich dazwischen.. das war wirklich nicht meine Absicht." Ich sah sie entschuldigend an.
„Du bist nicht dazwischen gegrätscht Liebes, das mit mir und Denver war schon lange bevor du kamst am kriseln. Meine Gefühle für ihn verschwanden mit der Zeit und mir wurde bewusst, dass ich mein Glück wo anders suchen muss. Denver ist mir trotzdem sehr wichtig und wenn er mit dir glücklich ist dann werde ich es akzeptieren. Ich hab dich mittlerweile wirklich gern Kairo."
Sie lächelte erneut, nahm dann die Hand von meinem Knie und stand auf um nach den Geiseln zu sehen. „Danke Stockholm. Es ist nicht selbstverständlich so mit dieser Situation umzugehen" antwortete ich ihr und sie nickte mir freundlich entgegen. Dann stand ich ebenfalls auf um ihr zu folgen.
Im Schlafraum der Geiseln war es dunkel und es schienen auch alle friedlich zu schlafen. Doch als wir gerade wieder gehen wollten vernahm ich das leise Rascheln eines Schlafsackes. Ich hielt Stockholm am Arm fest und signalisierte ihr mit meinem Zeigefinger vor dem Mund, dass sie still sein sollte. Dann raschelte es erneut. Ich griff nach der Taschenlampe in Stockholms Hand und leuchtete in den Raum. Wir konnten unseren Augen kaum glauben. Arturo Román, Stockholms Ex-Geliebter sah direkt ins Licht der Taschenlampe. Wie ein Reh auf der Landstraße das wie eingefroren im Scheinwerferlicht stehen blieb.
Er hatte sich gerade an Amanda, der Sekretärin des Gobernadors, zu schaffen gemacht. Und jetzt sah er wie versteinert zu Stockholm und mir, nahm seine Hände von ihrem halb nackten Oberkörper, stand auf und kam auf uns zu.
Wir hatten ihn auf frischer Tat ertappt. „Ich glaubs nicht.." zischte Stockholm, legte sich die Hand auf die Stirn und ging einige Schritte davon. Ich packte Arturos Arm und zog ihn aus dem Raum bevor ich leise die Tür hinter uns schloss um die Anderen nicht aufzuwecken. Ich zog meine Waffe und hielt sie Arturo in den Schritt. „Was zur Hölle stimmt nicht mit dir?" schnaubte ich ihm wütend entgegen und schob ihn langsam gegen die Wand. Er hob entschuldigend seine Hände und begann dann mit den Worten zu ringen. „Arturo, ich fasse es nicht dass ich mich damals auf dich eingelassen habe. Du bist so tief gesunken, einfach nur widerwertig" brüllte Stockholm ihm wutentbrannt zu. Ich hatte mich tatsächlich die ganze Zeit schon gefragt was sie nur an diesem Typen gefunden hatte. Er war eine Witzfigur.
„Hältst du es etwa für richtig einer jungen, liebenswerten Frau wie Amanda so etwas anzutun? Weißt du überhaupt was solch eine Tat mit Frauen anrichten kann?" fauchte ich weiter und drückte ihm meine Waffe noch fester gegen sein bestes Stück. „Ich sollte dir da unten alles zerstören ehe du das Leben einer Frau zerstörst." Stockholm lief unruhig hin und her und dachte nach. Dann kam Denver plötzlich wieder die Treppe herunter gespurtet. Er hatte die Situation wohl beobachtet. Instinktiv lief er zu uns rüber und stellte sich hinter mich.
„Was ist los, hat er dich angepackt?" fragte mich Denver offensiv und wollte gerade schon zum Schlag nach Arturo ausholen. „Nein, wirklich Señor Denver, ich hab keine der Ladys angefasst" verteidigte sich dieser fast schon weinend.
Er war des öfteren mit Denver aneinander geraten, jedes Mal ohne guten Ausgang. Natürlich hatte er Angst vor ihm. „Richtig. Er hat keinen Finger an Stockholm und mich gelegt, allerdings war er gerade dabei sich an Amanda zu vergehen!" Ich drückte noch stärker. Ich war so wütend. Immer wieder gab es solche Männer die dachten eine Frau sei nur ein Stück Fleisch, bereit zum Verzehr. Arturo war einer von genau dieser Sorte, einfach purer Abschaum.
Kein Mann sollte jemals daran denken eine Frau anzufassen ohne ihr Einverständnis, egal wie freizügig sie gekleidet war und egal wie freundlich sie sich ihm gegenüber verhielt. Und in diesem speziellen Fall war es Amanda nicht einmal möglich gewesen sich gegen seine grapschereien zu wehren.
Einfach nur Abartig dieses Verhalten.
„Damals, als ich dir die Waffe an den Schädel hielt, erinnerst du dich noch Arturo?" fragte ich ihn scharfzüngig und er nickte heftig. „Als wär es gestern gewesen Señorita." Ich sah ihn hasserfüllt an. Natürlich erinnerte er sich.
„Da hast du mir Tabletten angeboten du kleiner Mistkerl. Und denkst du ich bin blöd oder kann nicht lesen? Rohypnol stand auf dem Etikett, eines der stärksten Schlafmittel auf dem Markt. Du hast damals wohl das Selbe mit mir versucht was du hier mit Amanda getrieben hast und dafür solltest du eigentlich Kastriert werden. Du wiederst mich an."  Stockholm war immernoch wie benommen am umher laufen. Denver legte vorsichtig seine Hand auf meine, mit welcher ich die Waffe auf Arturo hielt. „Verschwende deine Energie nicht an ihn Kleine, ich erledige die Drecksarbeit" meinte er dann konzentriert und sah Arturo überlegend in die Augen. Ich ließ von ihm ab und ging zu Stockholm rüber. Denver zog nun auch seine Waffe und richtete sie auf Arturo. „Weißt du was ich garnicht mag Arturito? Typen die sich an Wehrlosen vergreifen um sich dann an der Macht über sie aufzugeilen." Er strich sich mit dem Daumen über die Unterlippe und dachte nach. Arturo hielt den Zeigefinger auf Denvers Brust und begann unausstehlich zu grinsen. „Weißt du Großer, ein wahrer Mann nimmt sich was er will und akzeptiert kein Nein. Das ist wahre Manneskraft" sagte er dann und lachte laut. Das hätte er wirklich nicht sagen dürfen. In Denvers Gesicht sah man die aufstauende Wut, er packe Arturo am Hals und warf ihn zu Boden. Stockholm und ich hatten uns beängstigt die Hände gehalten. Wir beide kannten Denvers rachsüchtige Art und es sah wahrlich nicht gut aus für Arturo.
Dann zielte Denver auf Arturos Unterbauch und feuerte einen Schuss ab.

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