Lea hatte das rote Kleid ausgezogen und saß mit einem Bademantel im Schlafzimmer der guten Freundin, auf deren Gelände auch die Feier statt fand.
Die Friseurin hatte sie sanft abgeschminkt und nur sehr dezent neu geschminkt. Aus der einfachen Flechtfrisur wurde nun eine aufwendigere Brautfrisur, mit weichen Locken und locker geflochtenen Strähnen. In diese wurde auch am Hinterkopf ein fast bodenlanger Spitzenschleier drapiert. Der Kamm der diesen hielt wurde mit drei cremefarbenen Rosen kaschiert.
Während sie auf dem Stuhl saß, hatte Hannah sich ihr pfirsichfarbenes Satinkleid angezogen.
Danach kniete sie sich vor Lea, zog ihr die weißen halterlosen Strümpfe an. Nachdem sie ein blaues Strumpfband übergestreift hatte, half sie ihr in die halbhohen Brautschuhe.
Als dann die Friseurin fertig war, ertönte ein Klopfen an der Tür. Es konnte nur Mario sein, der sich ebenfalls umgezogen hatte.
Diese heiser nervöse Stimme von Mario ertönte: „Ich warte vorne am Altar auf dich!“
Lea erwiderte mit leiser Stimme: „Ich werde Dich finden!“
Das markante und geliebte Lachen ertönte, ehe sie anhand der Schritte auf dem Holzboden hörte, wie er sich entfernte. Ihr Moment rückte immer näher.
Die Friseurin verabschiedete sich auf die Party.
Hannah hatte nun Chrissi dazugeholt, da diese es jetzt auch erfahren sollte und in nur wenigen Minuten mit ihr zum Zelt gehen sollte.
Jetzt aber zog Hannah den Kleidersack auf und enthüllte das Brautkleid.
Es handelte sich um einen Traum aus Spitze und Chiffon.
Die beiden Frauen halfen ihr in das bodenlange Kleid. Ihre Schultern waren frei, die Arme waren in avery Spitze gehüllt, bis zu den Handgelenken. Die Spitze schmiegte sich eng an ihren Busen und ging unter der Brust in mehrere Lagen Chiffon über, die ihre Babywölbung sanft umspielte. Der Übergang der beiden Stoffe wurde mittels breitem Satinband überlappt, was unterhalb der Schulterblätter raffiniert gerafft zum Halten gebracht wurde.
Als Lea sich nun im Spiegel betrachtete, wagte sie es kaum zu atmen. Sie erkannte sich selber kaum wieder.
Hannah reichte ihr einen kleinen Brautstrauß aus den selben Rosen die sich in ihrem Haarschmuck wiederfanden, ehe sie sich zum Zelt begaben.
Sie hörten Mario mit deutlicher Stimme sprechen, wie auf ein geheimes Zeichen.
„Mama, Papa, liebe Freunde. Das vorletzte Jahr hat mein Leben sowie das von Lea durcheinander gewirbelt und alles in ein anderes Licht gerückt. Alles ist so, wie es sein soll, alles ist so, wie ich es nie vorher erlebt habe, obwohl es doch meine tiefsten Wünsche waren.“
Er seufzte.
„Da war unser turbulentes zusammenfinden und der Unfall. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was dieser Moment bedeutet hat, als klar war, ich würde sie nicht verlieren. Ich konnte sie lieben und will es für immer tun. Wir bekommen ein Baby, wir wollen heiraten!“
Lea erkannte an seiner Stimme, das er lächelte.
„Lea und ich haben von einer Winterhochzeit gesprochen, aber das reicht uns nicht. Wir wollen eine Silvesterhochzeit und heiraten jetzt! Hier, mit euch!“
Es brannte Gemurmel auf, welches mit Erklingen der leisen Klavierklänge erstarb.
Hannah und Chrissi zogen vor Lea die Eingangstür auf, ließen die Braut eintreten.
Das Innere des hergerichteten Partyzelt wurde nur noch durch Kerzen und indirekten Lichtquellen beleuchtet. Der Mittelgang war unbemerkt durch die Gäste verbreitert und ein schmaler Teppich war mit Rosenblättern bestreut worden.
An der kleinen Bühne, wo zuvor eine Band gespielt hatte, und die auch hinterher zur Musik genutzt werden würde, standen zwei Blumenkübel und der Standesbeamte sowie der freie Geistliche.
Es ertönten „AHs“ und „Ohs“ beim ersten Blick auf die Braut, doch diese registrierte das nicht.
Diese sah in genau diesem Moment nur Mario, ihren besten Freund, ihren Bräutigam, ihren zukünftigen Ehemann.
Er trug den anthrazitfarbenen Anzug mit dem weißen Hemd und der averyfarbenen Weste. Er stand aufrecht, strahlte all seine männliche Arroganz aus.
Sie liebte diese Arroganz, aber dann sah sie in sein Gesicht mit dem warmen Glanz in seinen Augen und dem charmanten, verschmitzten Lächeln. Ihrem Lächeln, denn so lächelte er sonst nicht. Er lächelte niemanden so an. Sie hatte sein Grinsen vorher gekannt, aber das war nicht dasselbe.
Und sie musste sich eingestehen, das er sie geknackt hatte. Sie hatte nie ein Baby haben wollen, aber mit ihm hatte sie gar nicht schnell genug schwanger werden können. Sie wollte nie heiraten, aber als er ihr sein Herz zu Füßen legte hatte sie nichts anderes tun können, als Ja zu sagen. Auch wenn vieles des nicht Wollens auf ihre Zeit mit Kai zurückzuführen war.
Jetzt schritt sie langsam auf ihn zu, musste aufpassen, das sie nicht rannte.
Als sie ihm gegenüber stand reichte sie ihren Brautstrauß weiter und ließ Mario ihre Hände greifen. Sie strahlten einander an und er hauchte ihr einen zarten Kuss auf die Lippen.
Der Standesbeamte ergriff dann das Wort und begann mit der Zeremonie. Er und der freie Geistliche wechselten sich ab, verbanden die notwendigen Phrasen mit ausgewählten Anekdoten aus ihrer Zeit. Es wurde erzählt wie sie Freunde wurden und waren, die Zeit als sie zusammenfanden, der Unfall.
Beim Jawort, Treueschwur und dem Ringetausch schafften beide es, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.
Mario erhielt dann das Wort und ergriff ihre Hände, auf welche er blickte. Als er aufsah, sah sie, das seine Augen verdächtig glänzten und seine Stimme klang zittrig.
„Ich weiß, ich bin nicht der Traum einer jeden Schwiegermutter gewesen. Ich war selbstgerecht und nicht gerade ein Gentleman in manchen Belangen. Als wir Freunde wurden, ahnte ich nicht, das ich Dich gesucht habe. Du bist mein Zuhause, egal wo ich bin. Du bist meine beste Freundin, du hast mich vollkommen überrannt und mitgerissen. Ich ahnte nicht, das man so etwas fühlen kann, bis es mit uns begann. Nie wieder lasse ich Dich los!“, beendete er seine kurze Rede und die Gäste klatschten, als er seine Arme um sie legte.
Lea legte ihre Hände auf seine Wangen. „Du machst mich fertig!“, schluchzte sie leise und dann küssten sie sich.
Hannah reichte ihr anschließend den Brautstrauß, den Lea unter Glückwunsch Rufen nach oben reckte.
Die Gäste drängten danach zu ihnen um ihnen zu gratulieren und diese Überraschung zu thematisieren.
Als letzte Gratulantin stand Sabine vor ihnen. Sie lächelte beide freundlich an, gratulierte herzlich. Bevor sie mit den Jungs den Heimweg anging wandte sie sich noch einmal zu Mario um.
„Ich verstehe jetzt, was Du damals in Island meintest. So wie Du sie ansiehst, so hast Du mich nie angesehen. Ich wünsche Dir, Euch, alles erdenklich Gute!“, sagte sie leise.
Mit einem lauten Knall begann dann draußen das vorbereitete Feuerwerk und alle Gäste folgten den frischgebackenen Eheleuten nach draußen.
Alle besahen sich die bunten Gebilde am Firmament.
Mario hielt Lea im Arm, eine Hand auf der Wölbung ihres Leibes in welcher eifrige Bewegung herrschte.
Immer wieder küssten sie einander. Mal waren die Küsse zart und flüchtig, mal inniger und fordernd.
Nach dem Feuerwerk wurde im Zelt zum Tanz gespielt. Zunächst tanzten Lea und Mario zusammen. Als auch andere die Tanzfläche besuchten, forderte ihr Schwiegervater sie auf, während Mario mit seiner Mutter tanzte.
Die Party wurde so, wie Lea sie sich im Jahr zuvor gewünscht hatte.
Ausgelassen und voller Spaß begingen die Eheleute ihre Hochzeitsfeier.
Es gab Tanz und Gespräche.
Es wurde gegessen und getrunken.
Die Hochzeitstorte setzte dem ganzen noch die Krone auf.
Erst in den frühen Morgenstunden verabschiedeten sich die Gäste nach und nach.
Mario und Lea fuhren nach Hause, um nur kurz vor der Dämmerung vor ihrer Haustür zu stehen.
Mario schloss die Haustür auf und hob Lea schwungvoll auf die Arme, um sie über die Schwelle hinein in ihr neues Leben zu tragen.
Sie sind verheiratet.
Sie haben es getan.
Hui, würdet ihr sowas auch schön finden?
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Jeden Tag ein wenig mehr
RomanceSie kannten sich. Sie waren Freunde. Sie waren vergeben. Und sie hätten nie einen Gedanken an das verschwendet, was auf sie zukam!
