Nun ging er auf Sigurd zu, "Was ist mit dir Sigurd? Willst du König sein?", mein Vater lächelte kurz, doch dieses Lächeln ging schnell wieder in einen verrückten Blick über.
Ich sah zu Ivar, der das ganze Schauspiel interessiert beobachtete. Er hatte nur noch Augen für unseren Vater.
Dieser ging nun weiter und stand wieder vor Ubbe und mir, doch mich ignorierte er und wendete sich Ubbe zu, "Willst du König sein, Ubbe? Erschlag mich. Du bist König.", er legte ihm eine Hand auf die Schulter und wendete sich dem Volk zu, "König Ubbe!", er drehte sich wieder zu ihm und lächelte ihn an.
Sein Lächeln verging und er verpasste meinem Bruder einen Schlag ins Gesicht.
Ubbe schob mich, ohne den Blick von unserem Vater zu wenden zu Hvitserk rüber.
"Worauf wartest du noch?!", erneut schlug unser Vater ihn, "Hast du etwa Angst? Sei ein Mann."
Ubbe sah unseren Vater fassungslos an und gab keinen Ton von sich.
Nun legte Ragnar eine Hand auf Ivars Kopf und streichelte ihn, als wäre er ein Vieh.
Ivars lächeln verließ schlagartig sein Gesicht.
Ich sah unseren Vater wütend an.
Er fragte all meine Brüder, nur Ivar nicht, weil er ein Krüppel war? Wut schoss in mir hoch, doch etwas zu sagen wagte ich nicht.
Ragnar kehrte uns den Rücken zu und verließ den Menschenkreis, doch in dem Moment trat Ubbe mit gezogenem Schwert vor, Ragnar blieb stehen und drehte sich um. Er breitete die Arme aus und ging auf Ubbe zu, bis er unmittelbar vor ihm stand.
Er legte eine Hand an Ubbes Hals - und umarmte ihn plötzlich. Ubbe tat es ihm gleich.
Auf einmal bahnte sich Björn seinen Weg durch die Menschen, verschränkte die Arme vor der Brust und blieb vor unserem Vater stehen.
"Warum bist du zurückgekehrt?"
Ubbe packte mich und Hvitserk an der Schulter und wir verließen die Menschenmenge. Unsere Brüder und unser Vater folgten uns stumm.
Wir gingen hinaus in den Wald, wo wir ungestört reden konnten.
Ich hockte mich neben Hvitserk und sah gespannt zu unserem Vater.
"Ich bin zurückgekehrt, weil ich sehen wollte, was aus meinen Kindern geworden ist."
"Und?", fragte Björn belustigt.
"Ich werde nach England segeln. Und ich dachte, dass ihr mich vielleicht begleiten wollt. Was sagt ihr dazu? Hvitserk? Ubbe?"
Beide schüttelten mit dem Kopf.
"Sigurd?"
"Tjara?", er kam auf mich zu und hockte sich vor mich. "Ich bin mir sicher du bist eine gute Kriegerin geworden."
Ubbe zog mich von ihm weg, "Sie ist zu jung und zu unerfahren."
Ragnar richtete sich auf und sah zu Björn, "Deine Augen verraten mir, dass deine Antwort ebenfalls nein ist, Björn."
"Und das ist der Grund dafür.", Björn hob eine Landkarte hoch. "Auf dieser Karte ist ein Teil des römischen Reiches verzeichnet. Ich habe sie in Paris gefunden. Auf der Karte sehen wir das Mittelmeer.", er zeigte unserem Vater seine Errungenschaft aus Paris. "Hvitserk wird mit mir segeln."
Am Abend saßen meine Brüder, meine Mutter und ich beim Abendessen, als Ivar schließlich die Stille am Tisch unterbrach, "Also. Vater will nach England segeln. Warum wollt ihr ihn nicht begleiten?", Ivar sah in die Runde.
"Ubbe?", er sah Ubbe mit seinem kalten Blick an.
"Du weißt warum. Und jetzt halt den Mund."
Natürlich ließ Ivars sich nichts sagen und redete weiter.
"Gilt das auch für dich Sigurd? Oder hast du Angst, dass du Seekrank wirst?"
Ich grinste.
"Ich habe vor gar nichts Angst, Bruder.", er sah Ivar trotzig an.
"Nicht einmal vor mir?"
Sigurd antwortete nicht und suchte Hvitserks Blick.
"Wollt Ihr noch Bier?", unsere Sklavin kam und sah Ivar unsicher an.
Sie schenkte ihm Bier nach und Ivar begann sie zu berühren.
"Es ist falsch sie so zu behandeln.", mischte Ubbe sich ein.
"Warum so edelmütig, sie ist nur eine Sklavin. Ihr wollt sie doch alle haben. Auch du, Ubbe.", er lächelte Ubbe fies an.
"Ivar.", mischte sich nun unsere Mutter ein.
Ivar rollte grinsend mit den Augen, "Mutter.", flüsterte er.
Es dauerte nicht lange, bis Hvitserk und Ubbe den Tisch verließen.
Ich sah Ivar mit hoch gezogenen Augenbrauen an, "Wag es nicht.", drohte er mir und leerte seinen Krug.
Kurze Zeit später verließ auch ich die Halle und machte mich auf den Weg zu Floki.
Es war schön mal wieder alleine unterwegs zu sein und Ruhe zu haben.
"Floki!", ich sprang den Hügel zu Flokis Hütte hinab.
"Tjara!"
Freudig blieb ich vor ihm stehen, Floki drückte mich kurz an sich.
"Wie weit bist du mit den Schiffen?", ich berührte behutsam einige Schiffe, die am Strand lagen.
"Sie sind fast alle fertig, sie werden besser sein, als alle anderen je zuvor. Richte Björn aus, dass wir uns in drei Tagen hier treffen.", Floki tippte mir kurz auf den Kopf und ich machte mich wieder auf den Heimweg.
Floki war wie ein Vater für mich, denn meinen richtigen kannte ich ja kaum.
Er erklärte mir unsere Welt und erzählte mir Geschichten über die Götter, als ich klein war.
Auf dem Weg zurück ins Dorf erblickte ich eine Hirschkuh, dies war meine Chance.
Ruhig holte ich Pfeil und Bogen heraus und spannte ihn. Ich richtete ihn auf das Tier, welches mich nicht zu bemerken schien.
Konzentriert atmete ich ein und schoss ab.
Verlegen fuhr ich mir durch die Haare, denn dieses Mal hatte ich nicht einmal das Hinterbein getroffen, ich hatte ins totale Nichts geschossen.
Ich setzte mich auf den kalten Waldboden und lehnte mich gegen einen Baum. "Ich bin eine Schande für die Götter.", murmelte ich leise.
Dann vernahm ich ein Knacken und auf der Lichtung erschien jemand, "Das ist wohl deiner.", dieser jemand reichte mir meinen verschossenen Pfeil.
"Du hast mir das Vieh verjagt, Tochter von Ragnar Lothbrok."
Ich erhob mich und musterte den Jungen. Er musste ungefähr in Ivars Alter sein, doch gesehen hatte ich ihn noch nie.
Stillschweigend gingen wir nebeneinander her in Richtung Kattegat, "Mein Name ist übrigens Nels."
Er brachte mich bis kurz vor die große Halle und verschwand dann wortlos. Ich sah ihm kurz hinterher, dann ging ich die Treppen in Richtung Tür hinauf.
Gerade als ich eintreten wollte wurde ich von Ubbe, der das Geschehen im Dorf beobachtete gestoppt.
"Wer ist er?"
"Ich weiß es nicht, er sagte nur er würde Nels heißen."
Ich trat in die Halle ein und ging auf Björn zu, der auf dem Stuhl meines Vaters saß. "Floki sagte mir, dass er dich in drei Tagen bei sich erwartet.", ich setzte mich auf den zweiten Stuhl und wärmte mich am knisternden Feuer auf.
DU LIEST GERADE
Er ist mein Bruder
FanfictionDer legendäre Ragnar Lothbrok ist ihr Vater, doch wer ist eigentlich dieser Mann, der sie und ihre Brüder verließ, als sie noch ein kleines Kind war? Trotz der Herausforderungen, sich alleine gegen ihre Brüder durchzusetzen, ist sie herangewachsen...
