51. Trotz fallenden Regens

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"Sie haben ihn bei ihrer Flucht vom Schlachtfeld getragen, wir haben es alle gesehen.", Hvitserk sah mich so an, als wenn ich auch etwas dazu sagen sollte, doch ich nickte nur zustimmend.

"Aber ihr wisst nicht, ob er noch gelebt hat?", Oleg sah mich an.

"Ich war der Annahme er wäre tot.", sagte ich ohne zu zögern.
Hvitserk setzte sich gerade hin und schüttelte dabei mit dem Kopf, "Er ist unsterblich."

"Also?", fragte Ivar plötzlich, "Wann werden wir nach Kattegat ziehen?"
Gespannt sahen wir drei den Prinzen an.
"Die Schiffe müssen in Stand gesetzt werden, sobald dies getan ist, werden wir losziehen.", Oleg stieg zurück die Treppen hinauf und setzte sich auf den hölzernen Thron, "Wir müssen hier zu einem Ende kommen, wir haben mehr Krieger verloren, als ich annahm. Ihr Wikinger seid zielstrebige und zähe Kämpfer."

Plötzlich wurden die Türen der Halle aufgeschlagen und zwei Männer in Ketten wurden hereingebracht.
Einer der Männer war unverkennbar König Harald, doch den anderen Mann hatte ich noch nie zuvor gesehen.

Oleg stand erneut auf und sah fragend die Wachen an, "Wer sind diese Männer?"

Hvitserk stand auf und stellte sie vor. Der Mann, den ich nicht kannte, war König Olaf, er schien ein verwirrter alter Mann zu sein.

"Ist das wahr?", fragte Oleg, als Hvitserk erwähnte, dass Harald König von ganz Norwegen war.

"Ja, leider. Ihr habt euer Netz ausgeworfen und uns beide erwischt.", sagte König Harald außer Atem.

"Hvitserk. Sohn von Ragnar.", stellte König Olaf nun fest, "Und Ivar.", flüsterte er in die Menge, "Euer Name ist weit verbreitet."
König Olaf sah wieder zu Hvitserk und bemerkte nun mich. Er versuchte einen Schritt auf mich zu zu machen und mich wie ein Tier zu beäugen, doch er wurde zurückgezogen, "Tjara Lothbrok, tapfere Schildmaid. Auch von euch erzählt man sich Geschichten."

Interessiert stand ich auf und ging auf ihn zu, "Ach ja? Was erzählt man sich denn von mir?", flüsterte ich und ging um ihn herum.

"Tjara Lothbrok, jeder eurer Brüder wünschte sich euch an seiner Seite zu haben, doch ihr habt euch immer und immer wieder für euren Bruder Ivar entschieden. Ganz gewiss seid ihr das Pferd, welches trotz fallenden Regens die Gabe besitzt Tyr im Eis zu finden.", König Olaf sah mich schon fast begeistert an.

Ich jedoch konnte keine Begeisterung empfinden, denn ich wusste nicht, was der alte Mann dort sprach, "Was meint ihr damit?", fragte ich ihn verwirrt. Doch er lachte nur und sagte, "Früher oder später werdet ihr es verstehen."

Verwirrt setzte ich mich zurück auf meine Bank, als Oleg hervortrat.

Ich verfolgte das Gespräch nicht weiter, denn mir gingen die Worte nicht mehr aus dem Kopf, was sollte das bedeuten?
Plötzlich vernahm ich ein leises Lachen von Ivar. Er schien mich die ganze Zeit beobachtet zu haben.
Ich zog die Augenbrauen zusammen und sah ihn an. Grinsend schüttelte er den Kopf und wendete sich schließlich von mir ab.
Er wusste anscheinend genau, was König Olaf damit sagen wollte.
Ich strich mir über das Gesicht und versuchte mich wieder auf Prinz Oleg zu konzentrieren.

Als die beiden Gefangenen Weg gebracht wurden stand ich auf und verließ die Halle. Ich wollte zu König Olaf und mit ihm sprechen. Seine Worte gingen mir die ganze Zeit durch den Kopf.

Ihr seid das Pferd, welches trotz fallenden Regens die Gabe besitzt Tyr im Eis zu finden.

Es ergab einfach keinen Sinn.
Ich stand vor der großen Halle und starrte noch kurz auf das Wasser, "Tyr im Eis finden...", murmelte ich leise.
Auf einmal schlug mir jemand lachend auf die Schulter, "Der Alte erlaubt sich einen Spaß mit dir, kleine Schwester.", sagte Hvitserk, "Du solltest es nicht allzu ernst nehmen.", er legte grob seinen Arm um mich.

"Hvitserk.", schmunzelnd stand Ivar hinter uns, "Ganz gewiss war dies kein Spaß."

"Du weißt, was er mir sagen wollte, stimmt's Ivar?", flüsterte ich und schubste Hvitserks Arm leicht von mir.

Ich ging auf Ivar zu, der immer noch schmunzelte, "Gewiss weiß ich es. Es ist offensichtlich und der alte Schalk hat recht.", flüsterte er mysteriös.

"Wenn du es weißt, wieso sagst du es ihr nicht einfach, Ivar?", genervt drehte sich nun auch Hvitserk zu ihm um.

Ivar seufzte und legte eine Hand auf meine Schulter, "Hast du dich erst einmal für jemanden entschieden, bist du Loyal. Du besitzt viel Ausdauer im Kampf. Außerdem hast du Willensstärke, verspürst Verbundenheit gegenüber deinen Brüdern und bleibst den Göttern immer treu.", er legte seine Hand nachdenklich auf meinen Kopf, "Ohne jemals zuvor mit dir gesprochen zu haben, hat er es gewusst.", flüsterte er erstaunt.

Ich drehte mich zu Hvitserk um, der Ivar anstarrte, als würde er ihm nicht glauben, dass er sofort gewusst hat, was König Olaf meinte.

"Das bedeutet, dass sie etwas Besonderes ist?", fragte Hvitserk unseren Bruder, der sofort das Gesicht verzog.

"Sie war schon immer etwas Besonderes.", er sah Hvitserk an, "Doch viel mehr, als wir je abnahmen.", flüsterte er

Ich verstand nicht, was das heißen sollte und sah zwischen den beiden hin und her, "Was soll das bedeuten, Ivar?"

Ivar sah zu Hvitserk und musste nun leicht Lächeln. Dieses Lächeln hatte ich eine Ewigkeit nicht mehr sehen dürfen, "Es bedeutet, dass du von jedem von uns, von jedem deiner Brüder, etwas in dir trägst. Es bedeutet, dass du noch bekannter werden wirst, als jeder von uns zuvor."

Ich schluckte und riss die Augen auf. Dass meine Brüder und ich bekannt waren wusste ich, wir waren schließlich die Kinder von dem berühmten Ragnar Lothbrok. Doch ich habe nie zu glauben gewagt, dass ich bekannter als Björn oder gar bekannter als Ivar werden würde.

"Es ist ein Geschenk der Götter, Tjara.", flüsterte Hvitserk.
Ich starrte auf den Boden. Jahre lang dachte ich, mein Schicksal wäre es für Ivar zu kämpfen und für immer an seiner Seite zu bleiben. Ich musste nicht sagen, dass ich mich damit abgefunden hatte, denn ich liebte meinen Bruder und hätte alles für ihn getan.
Doch anscheinend hatten die Götter mit mir etwas viel Größeres vor.

Er ist mein BruderGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt