"Was ist nun dein weiterer Plan, kleine Schwester?", fragte Ubbe mich eines Abends.
"Ich weiß es nicht. Der Seher er sagte einst, dass meine Entscheidung die Richtige sein wird und ich hatte mich für Ivar entschieden."
"Was ist, wenn die Götter dir damit zeigen wollten, dass Ivars Seite nicht die richtige Seite ist und du dich uns anschließen solltest?", Ubbe beugte sich vor und biss in einen Apfel.
"Das wissen nur die Götter, Bruder."
Hvitserk saß neben uns. Ihn schien nicht zu interessieren, was wir zu besprechen hatten. Er sprach die letzten Tage nur davon Ivar zu finden und ihn endlich zu erschlagen.
Ich war mir sicher, dass Hvitserk dazu niemals in der Lage wäre.
Schließlich stand er auf, griff sich den Krug mit Met und verließ uns.
Schweigend sah ich ihm hinterher und richtete mich an Ubbe, als Hvitserk außer Reichweite war, "Er ist ein Säufer, Ubbe. Er ist ein kranker Mann."
Ubbe starrte vor sich hin, "Ivar hat ihn dazu gemacht. Er hat Thora verbrannt, er hat alle Leute tyrannisiert, die nicht das taten, was er wollte. Was erwartest du denn?"
"Ich hätte von Hvitserk erwartet, dass er stärker als all das ist.", ich griff nach meinem Fleisch und aß es.
Nach dem Essen stand ich auf uns suchte Hvitserk. Er saß am Waldrand, wo Thora lebendig verbrannt wurde und trank, wie so oft.
Schweigend setzte ich mich zu ihm.
"Ich sehe Ivar. Überall wo ich bin begleitet er mich. Er spricht zu mir.", panisch sah er sich um, "Dort hinten ist er.", er deutete in den Wald hinein, "Er sieht mich an, so finster, so kalt."
Besorgt sah ich meinen Bruder an, "Da ist niemand, Hvitserk, Ivar ist fort."
"Du kannst ihn nur nicht sehen. Er ist immer bei mir.", verzweifelt begann er zu weinen.
Mein älterer Bruder, zu dem ich aufgeblickt hatte, wie zu meinen anderen Brüdern weinte. Er musste wirklich verzweifelt sein. Oder war es ein Zeichen der Götter, dass sein Platz, wie meiner an Ivars Seite war?
"Die Götter geben dir ein Zeichen, Hvitserk. Sie wollen dir zeigen, dass dein Platz an Ivars Seite ist, bis in alle Ewigkeit.", flüsterte ich.
"Verschwinde!", schrie er mich an und trank hastig aus seinem Krug.
Erschrocken entfernte ich mich von meinem Bruder. Es machte mir Sorgen ihn so zu sehen. Doch ich wusste, dass es ein Zeichen der Götter war. Ich musste Hvitserk und Ivar wieder zusammenführen.
Müde legte ich mich schlafen, doch die Sorgen um Hvitserk hielten mich noch lange wach.
Am nächsten Tag machten Ubbe und ich uns auf den Weg zu Björn. Er wollte wissen, was Hvitserk mir sagte.
"Die Dunkelheit sucht Hvitserk heim. Er sagt, dass er Ivar sieht. Er sieht ihn, als wenn er da ist, er hört seine Stimme."
Björn nickte und sah mich nachdenklich an, "Hast du eine Erklärung dafür?"
"Die Götter wollen ihm wohl zeigen, wo sein Platz ist.", sagte ich leise.
Björn wendete sich nun an Ubbe, "Ich werde für einige Zeit fortsegeln. Ich würde mir wünschen, dass du meinen Platz für Die Zeit vertrittst und noch nicht fort gehst, mein Bruder."
Ubbe ging auf den Wunsch unseres Bruders, der schon bald in See stach ein.
Ubbe hielt seine erste Rede vor dem Volk Kattegats, an der ich nicht teilnahm. Ich kümmerte mich um Hvitserk, der wie im Wahn durch unsere Hütte rannte. Er redete, als wenn Ivar da wäre, er sah immer und immer wieder in eine Ecke und schrie los. Es war wirklich unheimlich mit anzusehen, wie mein Bruder den Verstand verlor.
"Du gehörst weggesperrt Hvitserk.", sagte ich, als ich vollkommen am Ende meiner Kräfte war.
Er warf schreiend seinen Becher nach mir, "Es tut mir leid.", faselte er immer wieder vor sich hin.
Ich hielt es nicht mehr aus, doch ich musste auf ihn Acht geben, bis Ubbe heimkehrt.
Plötzlich wurde die Tür der Hütte aufgestoßen und Ubbe kam herein, "Hvitserk!", brüllte er aufgebracht und zog ihn am Kragen auf die Beine, "Ich habe Neuigkeiten für dich. Ich will, dass du einen Handelszug über die Seidenstraße anführst."
Fassungslos sah ich Ubbe an, "In seinem Zustand?"
Ubbe ignorierte mich, "Du wirst Handel treiben und Verbündete finden, bist du einverstanden? Ich will dir helfen."
"Ich weiß, mir geht es bald besser, bald. Bald geht es mir besser.", keuchte Hvitserk und richtete sich auf, "Ich enttäusche dich nicht. Glaub mir.", weinend umarmte er Ubbe, "Danke, Bruder."
Fassungslos sah ich Ubbe an, das konnte nicht sein Ernst sein.
Ubbe packte mich am Arm und schob mich aus der Hütte, "Ich erwarte, dass du deinen Zustand in den Griff bekommst.", sagte Ubbe, als er die Tür schloss.
"Wir können ihn nicht alleine lassen. Er ist nicht er selbst."
Ubbe schob mich stumm weiter.
"Er kann nichts dafür!", schrie ich ihn nun an.
Ubbe riss mich herum und sah mich ernst an, "Ich will unserem Bruder nur helfen."
Einige Tage später, es war gerade Mittag, saßen Ubbe und ich in der Halle. Björn war immer noch nicht zurückgekehrt.
"Bringt mir Hvitserk!", forderte er von den Wachmännern, die sich sofort auf den Weg machten.
"Was hast du vor?", ich sah meinen Bruder zweifelnd an.
"Er hat gesagt, er wird sich bessern, er wird mich nicht enttäuschen und trotzdem leert er an einem Tag mehr Met, als 20 Männer in einer Woche.", er schüttelte mit dem Kopf.
Seufzend setzte ich mich auf die Stufen, als Hvitserk auch schon hereingebracht wurde, er konnte sich kaum auf den Beinen halten.
Ubbe ging auf ihn zu und legte eine Hand auf seine Wange, "Warum, Bruder? Warum?"
Hvitserk stammelte vor sich hin.
"Ich habe versucht dir zu helfen.", Ubbe wartete auf eine Antwort. Doch als keine kam, wendete er ihm den Rücken zu, "Ihr werdet ohne ihn über die Seidenstraße müssen.", sagte er den Kriegern, "Wählt einen Anführer. Mögen die Götter euch begleiten."
Die Krieger verließen die Halle.
Hvitserk sank zu Boden, "Ich kann nicht, verstehst du es nicht? Ich kann nicht...", faselte er vor sich hin.
Es tat mir weh unseren Bruder so sehen zu müssen, doch ich konnte ihm nicht mehr helfen.
Ubbe hockte sich vor ihm hin, "Ich habe dich immer geliebt, Bruder und das werde ich auch weiterhin aber du hast mich gerade zum zweiten Mal in deinem Leben verraten.", Ubbe musterte unseren Bruder, der sich zu schämen schien, "Sieh dich an.", er packte Hvitserk und zog ihn auf die Beine, "Steh auf! Stell dich hin!", schrie mein Bruder ihn an.
Hvitserk fing wieder an vor sich hin zu faseln.
"Ubbe, sei nicht so hart zu ihm, bitte.", sagte ich verzweifelt.
"Du hast dich nicht einzumischen.", sagte er gebieterisch.
"Es ist zu spät, ich will dich nicht mehr sehen und ich habe dir auch nichts mehr zu sagen.", Ubbe schubste ihn weg und die Wachen führten ihn hinaus.
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Er ist mein Bruder
FanfictionDer legendäre Ragnar Lothbrok ist ihr Vater, doch wer ist eigentlich dieser Mann, der sie und ihre Brüder verließ, als sie noch ein kleines Kind war? Trotz der Herausforderungen, sich alleine gegen ihre Brüder durchzusetzen, ist sie herangewachsen...
